Auf dem Weg nach Hause sehe ich aus den Augenwinkeln, wie sie mit strenger Miene überlebensgroß auf mich herabblickt: Cara Delevingne, die es mithilfe ihrer exponierten Augenbrauen vom It-Girl zu einem der meistgebuchten Models der Welt gebracht hat. Ich bleibe stehen und betrachte das Plakat. Cara trägt ein weißes Bustier mit goldenem Puma-Logo und eine schwarze eng anliegende Sporthose auf ihrem jugendlich-schlanken Körper. Oben rechts auf dem Plakat des Schaufensters des Puma-Flagship-Stores am Berliner Hackeschen Markt steht: Cara Delevingne, Activist, actress & fashion model. In dieser Reihenfolge.

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Aktivistin, aha, wofür noch gleich? Keine Ahnung. Aus der Klatschpresse weiß ich, dass Delevingne bisexuell ist. Vielleicht also für LGBTIQ-Rechte? Oder für Menschen mit psychischen Problemen? Sie hat sich gerade als depressiv geoutet. Wer Delevingne googelt, findet keine Hinweise darauf. 2014 hat sie sich an einer Kampagne für Tierschutz beteiligt. Sie wurde auch schon als Feministin bezeichnet. Mmh. Hm? Vogue.de gibt Aufschluss: Delevingne ist die neue Markenbotschafterin des deutschen Sportswear-Herstellers Puma und repräsentiert dessen Do-You-Kampagne, in der es darum geht "ganz du selbst zu sein und deine eigene Wahrheit zu finden", so Delevingne auf der Seite. Ein Sei-du-selbst-Aktivismus sozusagen. Ein Aktivismus, der sich selbst ad absurdum führt. Ich dachte, um sich das Label Aktivistin zu verdienen, müsste eine Person doch zumindest versuchen, aktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Auch Delevingnes Kollegin, Model und Schauspielerin Lily Cole ist Aktivistin und Markenbotschafterin. Schon seit 2012 wirbt sie für den US-amerikanischen Kosmetikhersteller Body Shop. Sie setzt sich für die Umwelt und Tierrechte ein. Wie genau? Keine Ahnung. Die Marke Body Shop arbeitet wenigstens ohne Tierversuche. Monki, der hippe, urbane Ableger des schwedischen Modekonzerns H&M geht noch einen Schritt weiter und bewirbt sein Monkifesto zum 10-jährigen Markenjubiläum ganz ohne Stars, dafür mit ganz vielen verschiedenen kreativen jungen Frauen aus verschiedenen Ländern der Welt, die natürlich auch alle echte Aktivistinnen sind und sich zum Beispiel für Frauenrechte, gegen Homophobie, Rassismus, Körpernormierungen einsetzen. Sie sehen dabei natürlich sehr cool aus und sind ganz in Monki gekleidet. Die Kleider wiederum werden mit Sicherheit eher in Sweatshops in Bangladesch und damit unfair hergestellt. Aber egal. Wir können ja nicht Aktivistin für alles sein.

Wer hat eigentlich diesen Popaktivismus ins Leben gerufen? War es die Popqueen Beyoncé, die den Aktivismustrend 2015 bei den MTV Music Awards mit einem fetten Feminist-Schriftzug einläutete und in diesem Jahr mit Lemonade ein zutiefst politisches Popalbum vorlegte? Oder war es Lady Gaga, deren Engagement für die Rechte von Aidskranken und LGBTIQ sich sowohl in ihren Musikvideos als auch in ihren Statements und in ihrer Born-this-way-Stiftung zeigt? Was ist mit den berühmten Benetton-Kampagnen aus den Neunzigern, die mit HIV-Infizierten und ölverschmierten Enten warben und vom Bundesgerichtshof 1995 verboten wurden? Was ist mit der Eismarke Ben & Jerry's, die mit ihren leckeren Vollfairtradeökoliebzutierengegennazis-Eissorten mittlerweile zum Weltkonzern Unilever gehört?

Gegenkultur, Pop, Mode und Kapitalismus war schon immer ein unauflösliches Geflecht aus Inspiration oder feindlicher Übernahme. Eines der ältesten Beispiele eines gelungenen PR-Coups, der ein politisches Anliegen mit dem Verkauf von Produkten verbindet, ist Edward Bernays' Zigaretten-PR-Kampagne Torches of Freedom, Fackeln der Freiheit, aus dem Jahr 1929, die die Sehnsucht der Frauen nach Freiheit und Selbstbestimmung mit der Zigarette verband. Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud, bezahlte Models, junge Frauen, die sich während der New Yorker Ostersonntagparade öffentlich eine Zigarette ansteckten. Damals ein Skandal, da Frauen das Rauchen in der Öffentlichkeit gesellschaftlich untersagt war. Die Aktion schlug ein wie eine Bombe: der Verkauf von Zigaretten an Frauen stieg von fünf Prozent im Jahr 1923 auf 18 Prozent im Jahr 1935. Und bis heute stehen Zigaretten für Werte wie Rebellion, Freiheit und Selbstbestimmung. Doch Aktivistinnen, das waren diese namenlosen Models nicht und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie so zu nennen.

Auch die Hippiebewegung mit all ihren Anliegen wie soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechtsbewegung, Frieden, sexuelle Befreiung blieb nicht von kapitalistischer Ausbeutung verschont, ja sie kann sogar als der Beginn des Abbaus von Arbeiternehmerrechten und der Entstehung des neuen Kulturprekariats gesehen werden. Eine These, die etwa die Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem 1999 erschienenen Buch Der neue Geist des Kapitalismus ausarbeiten. Und natürlich warben damals Marken wie Pepsi oder der Dosenhersteller Campbell mit der trendigen Psychedelic-Ästhetik für ihre Produkte. Aber Marianne Faithfull oder Joan Baez als Aktivistin und Markenbotschafterin für ein Produkt einzuspannen – auf die Idee kam niemand. Und auch für die nachfolgenden Subkulturen wie etwa Punk, Mods, Grunge, Hip-Hop kann jeweils ein ähnlicher Mechanismus von Gegenkultur und deren Mainstreaming nachvollzogen werden.

Für die Dauer einer Modesaison

Doch, irgendwas ist anders, heute. Zum einen ist das Label Aktivist_in nicht mehr zwangsläufig an den Versuch politischer Einflussnahme gebunden. Die Celebrity-Aktivistinnen von heute schmeißen keine Steine, sie setzen sich keiner Gefahr für Leib und Leben aus wie etwa die Kinderrechtsaktivistin Malala oder die kürzlich ermordete Transgenderaktivistin Hande Kader. Sie kiffen nicht für den Weltfrieden und sammeln noch nicht mal Spendengeld für Kinder in Afrika wie die Band Aid um Bob Geldof in den 1980er Jahren. Der Begriff Aktivist_in wird heute sinnentleert im Zusammenhang mit einer "Sei du selbst"-Botschaft verwendet, die wiederum eng an den Konsum von Produkten gekoppelt ist, wie die US-amerikanische Journalistin Andi Zeisler in ihrem Buch We were Feminists Once schreibt. Der Konsumaktivismus stellt laut Zeislers Analyse nicht mehr die Frage danach, wie man die Gesellschaft verändern kann, sondern welche Produkte man konsumieren darf oder gar muss, um ein besserer Mensch zu werden.

Selbst wenn diese Entwicklung seit jeher kritisch zu sehen ist, so bedeutet sie nicht das Ende des Aktivismus oder gar, das jeglicher Aktivismus sinnlos wäre, weil immer die Gefahr bestünde, dass er warenförmig verwertbar ist. Diese Dynamik lässt sich sowieso nicht aufhalten. Vielmehr sind Pop und Kapitalismus zumindest als temporär wirkende Werkzeuge manchmal in ihrer Verklammerung nützlich, um politische Anliegen global zu verbreiten. Social-Justice-Bewegungen wie Black Lives Matter oder die LGBTIQ-Bewegung wären weniger sichtbar, wenn sie nicht auch ein popkulturelles Phänomen wären, wenn sie nicht durch Stars wie Beyoncé, Rihanna oder eben Lady Gaga aufgegriffen, verstärkt und verbreitet würden. Und dass Feminismus im Monki-Gewand ach so jung und hip ist? Super. Die neurechte Bewegung der Identitären, deren Mitglieder sich jung und total social-media-affin geben, können von so einem Hipster-Appeal nur träumen, und das wissen sie auch.

Pop und Politik bedingen einander gegenseitig

Es sollte sich nur niemand, der oder die länger als eine Fashion Season an einem gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit arbeitet, der Illusion hingeben, dass dieser Trend nachhaltig wäre. Die Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie, die Anfang der 1990er Jahre noch recht euphorisch an einen tief greifenden feministischen Wandel glaubte, weil die Feministinnen der 1980er Jahre nun einen Marsch durch die Medien anträten, revidierte ihren Optimismus in ihrem 2009 erschienenen Buch Top Girls. The Aftermath of Feminism. Sie beschreibt darin, wie die politischen Anliegen des Feminismus durch die kapitalistische Verwertungsmaschine weichgewaschen wurden.

Das gesellschaftliche Potenzial von politischen Marketingkampagnen und etwa Popalben ist weder über- noch zu unterschätzen. Soziale Bewegungen und modische, popkulturelle Trends wirken nicht linear, sondern in Zyklen. Sie bedingen einander gegenseitig und ihre genaue Wirkung ist unbekannt, auch weil gesellschaftliche Gegenreaktionen und Auswirkungen nicht vorhersehbar sind. Sicher ist nur: Etwas wird sich verändern. Mir ist es dabei allemal lieber, Menschen bekennen sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, für Menschenrechte, gegen Arbeitsausbeutung und für Umweltschutz, als wenn sie es nicht tun. Selbst wenn ihr Verhalten widersprüchlich bleibt, selbst wenn das Engagement da aufhört, wo es wirklich wehtut, also dort, wo es ums Abgeben und Teilen geht: Wir können doch auf einem anderen Niveau diskutieren, wenn wir nicht mehr klären müssen, warum diese Anliegen wichtig sind. Wir sollten uns dabei nur nicht der Illusion hingeben, dass eine Mehrheit sich tatsächlich diesen Werten verschreiben wird. Denn auch der Aktivismustrend könnte ganz schnell very last season sein.