Das Titelbild zur Ausstellung "Ich habe mich nicht verabschiedet" © Heike Steinweg

Das Auge des Orkans ist der Ort, an dem ein Wirbelsturm zur Ruhe kommt. So fühlt sich Heike Steinwegs Fotoserie Ich habe mich nicht verabschiedet. Frauen im Exil an, die jetzt in Berlin ausgestellt wird. Fünfzehn Gesichter, die Stärke ausstrahlen. Fünfzehn Frauen, fünfzehn Augenpaare – eine tiefe Atempause im Mediensturm, der schon das Wort "Flüchtling" mit drohendem Unheil auflädt.

"Die Jagd nach möglichst dramatischen Bildern treibt das fotografische Gewerbe an, und gehört zur Normalität einer Kultur, in der der Schock selbst zu einem maßgeblichen Konsumanreiz und einer bedeutenden ökonomischen Ressource geworden ist." Was Susan Sontag vor 40 Jahren beobachtet hat, ist heute gültiger denn je. Von überall her kommen Bilder auf uns zu, die meisten von ihnen belanglos oder abscheulich. Wie lässt sich ein Foto machen, das etwas anderes sagt, etwas Bedeutsames und Bleibendes?

Vor diese Herausforderung sah sich Heike Steinweg gestellt, als sie im Herbst 2015 beschloss, den Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, ein Fotoprojekt zu widmen. Monatelang war sie damit beschäftigt, die richtige Herangehensweise zu finden. Sie untersuchte, wie geflohene Menschen früher und heute dargestellt wurden, wobei ihr auffiel, dass meistens Gruppen junger Männer zu sehen sind. Tatsächlich kamen laut den Statistiken im vergangenen Jahr mehr Männer als Frauen nach Europa, doch die überwältigend einseitig-männliche Darstellung in letzter Zeit entspricht nicht der Realität.

Priya Basil ist eine britisch-indische Schriftstellerin. Sie ist in Kenia aufgewachsen, studierte in Großbritannien und lebt heute in Deutschland. Sie veröffentlichte zwei Romane und eine Erzählung sowie verschiedene Essays und Artikel. 2010 war sie Mitgründerin von "Authors for Peace" und engagiert sich heute u. a. in der "Wir machen das"-Initiative. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © privat

Werden geflohene Menschen einzeln abgebildet, sind sie meist unterwegs, eine Decke in den Händen oder mit anderen sichtbaren Merkmalen einer beschwerlichen Reise. Eine solch exemplarische Zeichnung lässt Individuen zu einem Typus verschwimmen, zum Klischee eines Flüchtlings. Ab und zu bekommt das Bild eines Einzelnen symbolischen Wert, weil es etwas Skandalöses darstellt. Daher erinnern wir uns alle an Alan Kurdi, der an einem griechischen Strand lag, oder den blutüberströmten kleinen Jungen in einem Krankenwagen in Aleppo. Bilder wie diese bieten eine Abkürzung zu einer Idee oder einem Moment, erweitern jedoch nicht unbedingt unser Verständnis. Möglicherweise gibt es eine natürliche Grenze unserer Fähigkeit, bestimmte Formen von Gewalt und Grausamkeit zu erfassen, die weder Bilder noch Worte wirklich überwinden können. Problematisch wird es, wenn ein Ausschnitt das Ganze nur deswegen repräsentiert, weil er in der Arena heutiger Berichterstattung am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Heutzutage muss sich die Fotografie – vielleicht mehr als jede andere Kunstform – sehr anstrengen, um unser Interesse nicht zu verlieren. Das gelingt mitunter am einfachsten, indem man sich gegen den Wind stellt: Wenn geflohene Menschen wie selbstverständlich als hilflose Opfer oder potenzielle Gefahr dargestellt werden, zeigt man doch besser die Fotografie einer Einzelperson.

"Ein Porträt", sagte der amerikanische Fotograf Edward Weston, "entsteht nicht in der Kamera, sondern davor und dahinter." Für ein Porträt braucht es eine Partnerschaft, die Sekunden, Stunden, Tage oder Jahrzehnte dauern kann. Welcher Zeitrahmen auch immer – etwas wird gegeben, etwas genommen, und das Foto ist die Summe davon. Ich habe mich nicht verabschiedet. Frauen im Exil ist das Protokoll eines intensiven Austauschs. Vor dem Fotoshooting traf Heike Steinweg zunächst jede der Frauen ihrer Serie, um sich mit ihr zu unterhalten. "Sie sollten sich so zeigen, wie sie es wollten, sie sollten entscheiden, was sie anziehen, wie sie das Haar tragen, ob sie sich schminken oder nicht", sagt sie.

"[Heike] ist mit meinem Wunsch einverstanden, dass ich mein palästinensisches Gewand trage. Ich mache mir die Haare zurecht und übe vor dem Spiegel, meine Lippen zu einem Lächeln zu formen", sagte eine der Frauen.

Hend aus der Fotoserie "Ich habe mich nicht verabschiedet" © Heike Steinweg

Seit Langem lotet Steinweg in ihren Arbeiten die Verbindungen von Berlin zur Welt aus, weist auf überlappende Geschichten und verschlungene Schicksale hin. Im Mittelpunkt ihres Projekts Open History standen Israelis, die in Berlin leben, und Deutsche, die in Israel leben. Für eine andere Serie, The Last Line, richtete sie ihren Fokus auf Autoren aus aller Welt, die eine Zeit lang in Berlin gelebt und gearbeitet haben. Auch diese Porträts heben den Einzelnen aus dem großen Ganzen heraus – den Machenschaften der Politik, nationalen Erzählungen, geopolitischen Machtspielen – und zeigen einen sehr persönlichen Blick. In Ich habe mich nicht verabschiedet erreicht diese Bevorzugung des Individuellen allein schon deshalb eine völlig andere Dimension, weil der Betrachter so gut wie keine Information über die gezeigte Person erhält. Keinen Nachnamen, kein Alter, kein Herkunftsland. Nur das lebensgroße Porträt einer Frau samt ein paar Zeilen, die sie geschrieben hat. Zeilen wie diese: "Ich nehme nichts als gegeben an, sondern erinnere mich immer daran, dass nichts für immer bleibt."