Wer kennt Hillary Clinton? © Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

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Kaum war die Wahl des 45. US-Präsidenten entschieden, gaben Politiker und Experten Hillary Clinton die Schuld am Sieg von Donald Trump. "Was fehlte Hillary?", fragte der Journalist Chris Matthews auf MSNBC. "Was hat sie falsch gemacht?" – "Vermessenheit", antwortete einer in der Diskussionsrunde. "Die Menschen wollten Veränderung", sagte ein anderer. "Sie hat sie nicht inspiriert." Nicht wenige glaubten, dass Hillary "die Arbeiterklasse und deren Sorgen nicht ansprach".

Der Filmemacher und Aktivist Michael Moore – er hat in den Vorwahlen noch Sanders unterstützt und sich erst sehr spät für Clinton eingesetzt – sagte in derselben Sendung: Sie hätte die Wahl gewonnen. Wenn sie der Presse nur erzählt hätte, dass sie sich mit ihrer Lungenentzündung "richtig Scheiße fühlt". Bernie hätte das so gemacht, meinte Moore, und alle Männer in der Runde nickten und lächelten. "Sie hätte nur ihre menschliche Seite zeigen müssen", sagte Moore.

Am Tag zuvor sah ich Bernie Sanders im Fernsehen. Er lächelte ungeniert, mit kindlichem Vergnügen, als Wolf Blitzer auf CNN von ihm wissen wollte, ob er sich frage, ob die Wahl mit ihm als Kandidat der Demokraten anders ausgegangen wäre. "Was tut das jetzt zur Sache?", entgegnete Sanders ein wenig zu theatralisch; es war unüberhörbar, dass es zu einem früheren Zeitpunkt sehr wohl etwas zur Sache getan hätte. Ich hatte gerade einen Artikel gelesen, der es so zusammenfasste: "Sie war die falsche Kandidatin zu diesem politischen Zeitpunkt und konnte nichts dagegen tun."

Susan Bordo, geboren 1947, ist eine amerikanische Feministin. Sie ist Professorin für Gender and Women's Studies an der Universität Kentucky. In ihrer Forschung setzt sie sich u. a. mit weiblichen und männlichen Körpern in Politik und Gesellschaft auseinander. Zuletzt erschien 2013 ihr Buch "The Creation of Anne Boleyn, A New Look at England's Most Notorious Queen". © privat

Nein, das reicht nicht! Das reicht nicht einmal annähernd als Erklärung. Hillary Clinton war nicht die "falsche Kandidatin". Sie wurde zur falschen gemacht. Von Bernie Sanders  – nicht indem er gegen sie antrat, sondern durch die Art, wie er sie gegenüber seinen jungen Anhängern vertrat. Von FBI-Direktor James Comey, der ein ganzes Land die zwölf von Trump belästigten Frauen vergessen ließ und die Aufmerksamkeit auf einen völlig gegenstandslosen E-Mail-"Skandal" lenkte. Vom unbarmherzigen Verfolgungseifer der Republikaner, die Hillary wegen ihres "Liberalismus" und Feminismus schon immer gehasst haben. Und vielleicht am allermeisten von den Medien, die es Hillary seit Jahren verübelten, dass sie sich von ihnen fernhielt, und die in ihrer Jagd nach reißerischen Überschriften aus einer menschlichen Frau eine fiktionale Figur machten: unglaubwürdig, unehrlich, anmaßend. Sie wurde zur falschen Kandidatin gemacht, von Politstrategen; von allen, die an das absurde Modell der zwei gleichen Übel glaubten; von denen, die die Reinheit ihres "Protests" mit dem Wohl des ganzen Landes erkauften.

In meinem Buch The Creation of Anne Boleyn beschäftige ich mich mit dem Leben und Sterben der Ehefrau König Heinrichs VIII. von England. Ich argumentiere darin, dass es eigentlich zwei Anne Boleyns gab. Die eine ist die vielschichtige Frau aus Fleisch und Blut, die den tödlichen Fehler beging, aus dem Frauen zugewiesenen Bereich auszubrechen und sich auf die falsche Seite, zu Thomas Cromwell, zu stellen. Die andere Anne Boleyn ist eine fiese Karikatur, gezeichnet von ihren politischen Gegnern und über Jahrhunderte tradiert durch katholische Polemiker, wahrheitsferne Biografien, reißerische Romane, Filme und Fernsehsendungen. Diese Anne ist eine überehrgeizige, kalkulierende, unseriöse Intrigantin, und obwohl man sie nicht immer als Ehebrecherin und Verräterin darstellte, betrachtete man doch die Anklage in diesen Punkten als ihr verdientes Schicksal. Ich nenne sie "Default-Anne", denn obwohl es über die Jahrhunderte durchaus sympathischere Versionen von Anne Boleyn gegeben hat, bleibt die ehrgeizige, intrigierende Anne ein wiederkehrendes Motiv in all diesen Varianten. Wie Freddy Krueger in Nightmare on Elm Street ist "Default-Anne" nicht totzukriegen.

Eine fiktionale Karikatur der Republikaner

Diese fiese Anne-Version basiert auf erstaunlich dünnen Fakten. Sie ist ein Fantasieerzeugnis, das in einem fortgeschriebenen Narrativ lebt. Es verwandelte politisch motivierte Lügen in zündelnden Tratsch und sponn aus den Gerüchten das, was wir für die Wahrheit halten.

Heute, dank eines ununterbrochenen Nachrichtenzyklus, in dem sich die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung auflösen, dauert so etwas keine Jahrhunderte mehr. Der echten Hillary Clinton ist genau das im Zeitraffer passiert: Es war dieselbe giftige Brühe, die während der vergangenen Jahrzehnte köchelte und schließlich die "unehrliche", "unglaubwürdige", "lügende" Hillary ausspuckte – eine durch und durch fiktionale Karikatur aus der Hand der Republikaner, gedankenlos vervielfältigt durch quotengetriebene Medienberichte, die letztlich große Teile der amerikanischen Wähler für echt hielten, mit katastrophalen Folgen. Es war nicht nur Sexismus, der dieses Bild erschuf. Es war nicht nur die Politik. Es war nicht bloß der Triumph eines Konsumprodukts über die komplexe Realität. Es war das zeitliche Zusammenspiel all dieser Faktoren.