Wer kennt Hillary Clinton? © Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

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Kaum war die Wahl des 45. US-Präsidenten entschieden, gaben Politiker und Experten Hillary Clinton die Schuld am Sieg von Donald Trump. "Was fehlte Hillary?", fragte der Journalist Chris Matthews auf MSNBC. "Was hat sie falsch gemacht?" – "Vermessenheit", antwortete einer in der Diskussionsrunde. "Die Menschen wollten Veränderung", sagte ein anderer. "Sie hat sie nicht inspiriert." Nicht wenige glaubten, dass Hillary "die Arbeiterklasse und deren Sorgen nicht ansprach".

Der Filmemacher und Aktivist Michael Moore – er hat in den Vorwahlen noch Sanders unterstützt und sich erst sehr spät für Clinton eingesetzt – sagte in derselben Sendung: Sie hätte die Wahl gewonnen. Wenn sie der Presse nur erzählt hätte, dass sie sich mit ihrer Lungenentzündung "richtig Scheiße fühlt". Bernie hätte das so gemacht, meinte Moore, und alle Männer in der Runde nickten und lächelten. "Sie hätte nur ihre menschliche Seite zeigen müssen", sagte Moore.

Am Tag zuvor sah ich Bernie Sanders im Fernsehen. Er lächelte ungeniert, mit kindlichem Vergnügen, als Wolf Blitzer auf CNN von ihm wissen wollte, ob er sich frage, ob die Wahl mit ihm als Kandidat der Demokraten anders ausgegangen wäre. "Was tut das jetzt zur Sache?", entgegnete Sanders ein wenig zu theatralisch; es war unüberhörbar, dass es zu einem früheren Zeitpunkt sehr wohl etwas zur Sache getan hätte. Ich hatte gerade einen Artikel gelesen, der es so zusammenfasste: "Sie war die falsche Kandidatin zu diesem politischen Zeitpunkt und konnte nichts dagegen tun."

Susan Bordo, geboren 1947, ist eine amerikanische Feministin. Sie ist Professorin für Gender and Women's Studies an der Universität Kentucky. In ihrer Forschung setzt sie sich u. a. mit weiblichen und männlichen Körpern in Politik und Gesellschaft auseinander. Zuletzt erschien 2013 ihr Buch "The Creation of Anne Boleyn, A New Look at England's Most Notorious Queen". © privat

Nein, das reicht nicht! Das reicht nicht einmal annähernd als Erklärung. Hillary Clinton war nicht die "falsche Kandidatin". Sie wurde zur falschen gemacht. Von Bernie Sanders  – nicht indem er gegen sie antrat, sondern durch die Art, wie er sie gegenüber seinen jungen Anhängern vertrat. Von FBI-Direktor James Comey, der ein ganzes Land die zwölf von Trump belästigten Frauen vergessen ließ und die Aufmerksamkeit auf einen völlig gegenstandslosen E-Mail-"Skandal" lenkte. Vom unbarmherzigen Verfolgungseifer der Republikaner, die Hillary wegen ihres "Liberalismus" und Feminismus schon immer gehasst haben. Und vielleicht am allermeisten von den Medien, die es Hillary seit Jahren verübelten, dass sie sich von ihnen fernhielt, und die in ihrer Jagd nach reißerischen Überschriften aus einer menschlichen Frau eine fiktionale Figur machten: unglaubwürdig, unehrlich, anmaßend. Sie wurde zur falschen Kandidatin gemacht, von Politstrategen; von allen, die an das absurde Modell der zwei gleichen Übel glaubten; von denen, die die Reinheit ihres "Protests" mit dem Wohl des ganzen Landes erkauften.

In meinem Buch The Creation of Anne Boleyn beschäftige ich mich mit dem Leben und Sterben der Ehefrau König Heinrichs VIII. von England. Ich argumentiere darin, dass es eigentlich zwei Anne Boleyns gab. Die eine ist die vielschichtige Frau aus Fleisch und Blut, die den tödlichen Fehler beging, aus dem Frauen zugewiesenen Bereich auszubrechen und sich auf die falsche Seite, zu Thomas Cromwell, zu stellen. Die andere Anne Boleyn ist eine fiese Karikatur, gezeichnet von ihren politischen Gegnern und über Jahrhunderte tradiert durch katholische Polemiker, wahrheitsferne Biografien, reißerische Romane, Filme und Fernsehsendungen. Diese Anne ist eine überehrgeizige, kalkulierende, unseriöse Intrigantin, und obwohl man sie nicht immer als Ehebrecherin und Verräterin darstellte, betrachtete man doch die Anklage in diesen Punkten als ihr verdientes Schicksal. Ich nenne sie "Default-Anne", denn obwohl es über die Jahrhunderte durchaus sympathischere Versionen von Anne Boleyn gegeben hat, bleibt die ehrgeizige, intrigierende Anne ein wiederkehrendes Motiv in all diesen Varianten. Wie Freddy Krueger in Nightmare on Elm Street ist "Default-Anne" nicht totzukriegen.

Eine fiktionale Karikatur der Republikaner

Diese fiese Anne-Version basiert auf erstaunlich dünnen Fakten. Sie ist ein Fantasieerzeugnis, das in einem fortgeschriebenen Narrativ lebt. Es verwandelte politisch motivierte Lügen in zündelnden Tratsch und sponn aus den Gerüchten das, was wir für die Wahrheit halten.

Heute, dank eines ununterbrochenen Nachrichtenzyklus, in dem sich die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung auflösen, dauert so etwas keine Jahrhunderte mehr. Der echten Hillary Clinton ist genau das im Zeitraffer passiert: Es war dieselbe giftige Brühe, die während der vergangenen Jahrzehnte köchelte und schließlich die "unehrliche", "unglaubwürdige", "lügende" Hillary ausspuckte – eine durch und durch fiktionale Karikatur aus der Hand der Republikaner, gedankenlos vervielfältigt durch quotengetriebene Medienberichte, die letztlich große Teile der amerikanischen Wähler für echt hielten, mit katastrophalen Folgen. Es war nicht nur Sexismus, der dieses Bild erschuf. Es war nicht nur die Politik. Es war nicht bloß der Triumph eines Konsumprodukts über die komplexe Realität. Es war das zeitliche Zusammenspiel all dieser Faktoren.

Die junge wilde Hillary

Hillary Diane Rodham 1969 am Wellesley College © Lee Balterman/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Hillary Clintons Karriere und die Erfindung von "Hillary Clinton" sind nicht zu begreifen ohne ein Verständnis für die Mechanismen des Sexismus. Anders als grob gestrickte Medienexperten meinen, ist das nicht dasselbe wie Frauenhass. Nicht das Frausein wurde Hillary Clinton zum Verhängnis, sondern dass sie eine Frau ist, die die ihr zugeschriebene Rolle und Aufgabe nicht ausfüllen wollte.

Sie war eine überaus erfolgreiche Studentin am Wellesley College, einer Privathochschule für Frauen. Kommilitonen erinnern sich an sie als Studentenaktivistin und "raffinierte Koalitionsschmiedin, die extrem stark und sehr vernünftig zu führen vermochte". Als erste aus der Studentinnenschaft durfte sie bei der Abschlussfeier eine Rede halten. Spontan kritisierte sie darin den offiziellen Redner, den republikanischen Senator Edward Brooke. Die Rede wurde im Life-Magazin veröffentlicht und Hillary gab der New York Times ein Interview. Ihre Freundinnen wunderten sich sehr, als Hillary nach dem Jurastudium Bill Clinton heiratete, anstatt sich auf ein öffentliches Amt vorzubereiten. "Viele von uns dachten, Hillary würde die erste Frau im Weißen Haus werden", sagt Karen Williamson, eine Wellesley-Kommilitonin. "Ich dachte, wenn es überhaupt jemals eine Frau zur Präsidentin bringen könnte, wäre sie es."

Aber trotz all der Unabhängigkeit, die Hillary erreicht hatte, spürte sie offenbar einen starken Druck, zu heiraten. "Ring by spring!" war das Motto der Wellesley-Abschlussklassen. Wie viele Frauen unserer Generation – ich bin nur ein paar Monate älter als Hillary – fühlte sie sich wohl angezogen von einem Leben, das sich den Ambitionen eines Ehemann unterordnete, und konnte es doch nicht aushalten. Schließlich vertrat sie ihre Unabhängigkeit und Persönlichkeit als Rechtsanwältin mit Stolz und musste zwangsläufig mit den gesellschaftlichen Erwartungen kollidieren.

Gay White, die Witwe des Republikaners Frank D. White, der 1980 bei der Gouverneurswahl in Arkansas gegen den amtierenden Bill Clinton antrat, erinnert sich an Hillarys Worte: "Ich weiß gar nicht mehr, wie oft potenzielle Wähler zu mir kamen und mich fragten: ‘Behalten Sie Ihren Mädchennamen, wenn Ihr Mann gewinnt?’. Ich musste es mir immer wieder anhören." Hillary Diane Rodham hat ihren Namen damals nicht geändert, und die Menschen in Arkansas verstanden es als Ablehnung ihrer Rolle, in die sie sich als First Lady und nicht zuletzt als Ehefrau des Präsidenten zu fügen hatte. Bill galt damals schon als jung und arrogant, und viele halten seine als radikal feministisch bezeichnete Ehefrau für einen der Gründe, warum er es damals nicht geschafft hat. "Wie Hillary wahrgenommen wurde", sagt Gay White, "spielte eine große Rolle".

"Du musst dich schützen"

Es war nicht das erste und letzte Mal, dass Hillary das Ressentiment begegnete, sie würde ihren "rechten Platz" als Frau ablehnen. "Als ich zur Jura-Aufnahmeprüfung ging", erzählte sie Henry Louis Gates, "mussten wir alle nach Harvard für den Test, und wir waren in einem großen Saal, nur ganz wenige Frauen unter uns, und wir saßen an den Tischen und warteten auf die Aufsicht und all die jungen Männer um uns herum fingen an, uns zu schikanieren. Sie sagten: ‘Was glaubt ihr, was ihr hier macht? Wenn ihr angenommen werdet, nehmt ihr mir meinen Platz weg. Ihr habt gar kein Recht dazu. Warum geht ihr nicht nach Hause und heiratet.’" Später in einem Interview mit Humans of New York erzählte Hillary mehr über ihre Reaktion: "Ich konnte mir gar keine Ablenkung erlauben, weil ich ja den Test nicht verhunzen wollte. Also blickte ich weiter zu Boden in der Hoffnung, die Aufsicht würde bald kommen. Ich weiß, dass man mich als distanziert, kalt oder gefühllos wahrnehmen kann. Aber ich musste schon als junge Frau lernen, meine Gefühle zu kontrollieren. Und das ist ein schwieriger Weg. Denn du musst dich schützen, die Dinge am Laufen halten, aber gleichzeitig möchtest du nicht wirken, als würdest du dich abschotten." 

In diesem für Frauen klassischen Zwiespalt befand sich Hillary Clinton während ihrer gesamten politischen Karriere. Eine Frau, die zu emotional und verletzlich wirkt, hält man mit hoher Wahrscheinlichkeit für zu schwach oder labil für eine Führungsposition. Wenn sie hingegen zu kontrolliert und selbstständig wirkt, wird sie wahrscheinlich als kalt und männlich und deshalb abstoßend empfunden. Man nannte Golda Meir "den einzigen Mann im Kabinett", Angela Merkel gilt als "die Eisenfrau". Elizabeth I. von England verbrachte ihre gesamte Herrschaft mit dem gefährlichen Balanceakt, ihren Untertanen zu beweisen, dass sie "Herz und Magen eines Königs" habe und zugleich als sorgende Mutter Englands Liebe verdiene. Als regierende Monarchin konnte Elizabeth zumindest ein wenig ihr Bild in der Öffentlichkeit beeinflussen. Hillary hingegen ist auf die Gnade der Medien angewiesen.

Bills Domina

Hillary Diane Rodham und Bill Clinton am Wellesley College, 1979 © Wellesley College/Sygma via Getty Images

Neben Hillarys Verstößen gegen traditionelle Geschlechtermodelle hatte Parteipolitik sicherlich einen ebenso großen Anteil an der Ausformung der anderen Hillary-Version. Das begann schon während ihrer ersten Amtszeit als First Lady, vielleicht sogar noch früher. Sie wollte ein Büro im Westflügel! Sie versuchte, eine umfassende Krankenversicherung durchzusetzen! Sie hatte nur ein Kind! Sie belächelte jene Frauen (so ließ man die Öffentlichkeit zumindest glauben), die zu Hause blieben, um Kekse zu backen und Tee zu servieren. Sie interessierte sich offenbar nicht genug für Mode. Anders als ihre Vorgängerinnen Jackie Kennedy und Nancy Reagan hatte sie keine Ahnung, was sie mit ihren Haaren anstellen sollte. All diese Grenzüberschreitungen machten aus ihr "Die Lady Macbeth von Arkansas"oder "Die Yuppie-Frau aus der Hölle"; eine Karikatur in der New York Post zeigte Bill Clinton als Marionette, an deren Strippen eine grimmige Hillary zog.

Bill Clinton wurde also Präsident. Und während eines kurzen Zeitraums brachte ihr das schlechte Verhalten ihres Ehemannes ein wenig Sympathie ein. Außerdem erntete sie Lob als effiziente, aber zurückhaltende Senatorin (der Journalist Carl Bernstein bezeichnete sie als ehrerbietig). Aber als sie sich 2007 erstmals entschloss, als Präsidenschaftskandidatin anzutreten, kehrte die "höllische Hausfrau", wie Leon Wieseltier sie nannte, wieder zurück. Hillary war "herzallerliebste Mutti", "Debattendomina" und "Gebieterin Hillary" (Maureen Dowd). Und das alles kam nicht nur von rechts. Chris Matthews von MSNBC beschrieb sie als Kreatur aus dem Inneren der Hölle: als hexenhaftes Teufelsweib. Als sie dann gegen Barack Obama verlor, war die rechte Ordnung kurzzeitig wiederhergestellt. Kurz vor der Bekanntgabe, dass sie als Kandidatin in die aktuelle Präsidentschaftswahl gehen wolle, lagen ihre Beliebtheitswerte bei 66 Prozent. Politische Kollegen auf beiden Seiten des Spektrums vertrauten ihr gleichermaßen. Sie galt als eine der am meisten bewunderten Frauen der Welt. Tatsächlich gingen ihre Umfragewerte durch die Decke, als Hillary dem Land diente – als Senatorin, als Außenministerin, sogar als First Lady, wenn sie gerade keine provokanten Bemerkungen über Kekse und Tee machte. Nur wenn sie sich richtig reinkniete, wenn sie Anstalten machte, den Platz zu verlassen, der einer Frau nach Ansicht vieler zusteht, verlor sie an Zuspruch.

Früher kritisierte man ihre Rechtschaffenheit

Das ist ein Zwiespalt, wie er im Buche steht: Du kannst nicht gewinnen, egal welche Seite du wählst. Als Hillary versuchte, ihre Keks-Bemerkung zu "überschreiben", indem sie ihre eigens gebackenen Kekse zu einem Wettbewerb einschickte, war das nicht unbedingt ein zynischer Polittrick. Ich glaube, sie hatte vielmehr begriffen, dass sie die Außendarstellung ihres Feminismus, ihrer Unabhängigkeit und Ambitionen abtönen musste, wenn sie einen Großteil der Wählerschaft ihres Mannes erreichen wollte. Schon vorher, nachdem Bill Clinton gegen Frank D. White verloren hatte, hatte sie den Menschen in Arkansas derlei Zugeständnisse gemacht: Sie verzichtete auf ihren Mädchennamen Rodham, glättete ihre Haare, trennte sich von ihrer Eulenbrille und schminkte sich. Zwar brachten diese Typveränderungen sie einer annehmbaren First Lady etwas näher, befeuerten allerdings auch die Wahrnehmung, sie sei eine ehrgeizige Politikerin, die ihre Persönlichkeit den jeweiligen Anforderungen anpassen würde. Wer lediglich die "unglaubwürdige", "korrupte" Hillary aus dem Wahlkampf 2016 kennt, mag überrascht sein, dass sich frühere Angriffe – neben ihrem Feminismus und ihren Haarbändern – auf ihre scheinbar ostentative Rechtschaffenheit und moralische Überlegenheit konzentrierten. Statt wie heute als verlängerter Arm der Wall Street galt sie früher als übereifrig in ihrem Streben nach moralischer Integrität und Umgestaltung. Ob nun auf "männliche" oder "weibliche" Art – immer wenn sie sich zu sehr bemühte, bezahlte sie teuer dafür.

Die schmerzhaftesten Wunden haben ihr die jüngeren Feministinnen zugefügt. Es birgt eine gewisse Ironie, dass Hillarys Versuche, sich politisch durchzuschlagen, sich negativ auf ihr Image einer fortschrittlichen Kämpferin auswirkten. Vielmehr sah man in ihr die Elitefrau aus der älteren, "konventionelleren" Generation. Amy Wilentz schrieb 2008 in dem Sammelband 30 Ways of Looking at Hillary: "Meistens wirkt sie wie eine Republikanerin. Sie befindet sich irgendwo zwischen Country Club, Golfen, Aktienspekulation, mit einem Anflug von Bingo-Abend, Sonntagsgottesdienst, Supermarktregalen und Kaffeeklatsch. Sie richtet sich an einen politischen Zirkel, den man sich lebhaft vorstellen kann." "Ich vermisse die direkte, kluge, unverfrorene Hillary, die man früher einmal für echt halten konnte", schrieb Ariel Levy in ihrem Beitrag. "Im laufenden Wahlkampf gerieten ihre Reden so süßlich und gewöhnlich wie dieser bekloppte Céline-Dion-Song, den sie für ihre Kampagne gewählt hatte." "Ich kenne keine Frau, die Hillary Clinton mag", fügte Katie Roiphe hinzu. "Sie gibt sich so große Mühe, dass es nur noch beklemmend und peinlich ist, das mit anzusehen. Es ist offensichtlich, dass sich hier eine intelligente Frau als Pretty Woman verkleidet, dass die Karrierefrau Hausfrau spielt – und sie macht keine gute Figur dabei."

Das Buch, in dem 30 verschiedene Frauen ihre jeweilige Sicht auf Hillary Clinton schilderten, erschient 2008. Und damals gab es noch keinen E-Mail-Skandal, keine Spendenaffäre, kein Bengasi, keine Wall-Street-Auftritte, keine zweifelhaften Handelsverträge, keine Enthüllungen über ihre angebliche Gleichsetzung afroamerikanischer Jugendlicher mit "superpredators", gefährlichen Raubtieren. Hillary Clinton bot Feministinnen damals keinen erkennbaren politischen Grund, sie so zu verabscheuen. Wahrscheinlich erinnerte sie sie mittlerweile einfach nur an ihre eigenen Mütter. Als ich die Geburtsdaten dieser Autorinnen recherchierte, stellte ich fest, dass Hillary die Mutter von Roiphe (*1968) und Levy (*1974) hätte sein können. Auffälligerweise zeigten Katha Pollitt und Deborah Tannen in diesem Sammelband das tiefste Mitgefühl für Hillary. Beide sind in den 1940ern geboren und haben zweifellos dieselben Dilemmata erlebt – wie auch ich. Als ich mir meinen ersten Job suchen wollte, empfahl man mir zunächst eine weniger alternative Frisur. Als ich mich für die Uni bewarb, fragte mich der Fachbereichsleiter, ob ich mich selbst als "aggressive Frau" sehe. In meiner Zeit als Doktorandin wurde mein zerschlissener Flashdance-Rock tatsächlich als Argument gegen meine Promotion vorgebracht. Später verlor ich eine angesehene Stellung, weil ich "zu sehr mit meinen Händen wedelte" und im entscheidenen Gespräch zu angestrengt gewirkt hatte, wie mir eine Vertraute erzählte. Ich lernte mit der Zeit: Um zu erreichen, was mir wirklich wichtig war, musste ich mein spontanes und "authentisches" Ich zurückhalten. Als ich politstrategisch vorging, um unserem Programm für Gender and Women’s Studies den Status des Fachbereichs zu sichern, schmierte ich den alten weißen Männern Honig ums Maul und berücksichtigte ihre völlig lächerlichen Einwände ergeben.

Hillarys öffentliche und private Meinung

So sehen präsidiale Ehepaare aus: Die Clintons treffen die Chiracs 1996 in Frankreich. © Reuters

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen finde ich es umso unglaublicher, dass Clinton so für die Bemerkung gescholten wurde, die Haltung in einem öffentlichen Amt müsse zwangsläufig oft von der privaten Meinung abweichen. Ein Beweis ihrer Falschheit? Wie bitte? Wenn wir alle pausenlos öffentlich ausdrückten, was wir im Privaten denken, hätten wir sehr schnell nur noch sehr wenige Freunde und Mitstreiter. Und die Dinge, die uns etwas bedeuten, kämen nicht voran. Clinton verwies in diesem Zusammenhang darauf, wie bedacht Abraham Lincoln die Unterzeichnung des 13. Zusatzartikels der Verfassung vorbereitet hatte. Wir alle – auch wenn wir aus einer weniger mächtigen Position heraus argumentieren – kennen diese Momente, in denen wir alles, wofür wir kämpfen, aufs Spiel setzen würden, wenn wir aussprächen, was wir denken. Ich bin davon überzeugt, dass wir all ihre Wall-Street-schmeichelnden Bemerkungen in ihren Reden so zu verstehen haben. Wenn es nach mir ginge, wäre diese "Kontroverse" damit beigelegt. Warum hat kein Kommentator diesen Punkt vorgebracht?

Der Unmut, den Levy, Wilentz und Roiphe 2008 äußerten, legt nahe, dass es Hillary-Gegnern nicht um "Politik" geht. Und ich habe festgestellt, dass viele jüngere Feministinnen gar nicht dieselbe Hillary sehen wie ich. Es machte Klick bei mir, als ich eine meiner Studentinnen fragte, wie die sogenannten Millenial-Feministinnen Hillary sähen. Sie sagte: "eine weiße Lady". Sie bezog sich dabei nicht auf Hillarys Hautfarbe oder ihre rassenpolitische Einstellung (die übrigens oft missverstanden wurde, zumeist von Weißen – ältere Afroamerikaner sind Hillarys stärkste Verbündete). Sie bezog sich vielmehr auf Hillarys Zugehörigkeit zu einer dominierenden Klasse, sauber, normiert, auf einer Linie mit den mächtigen Institutionen anstatt mit den widerständigen Kräften. Und auf ihren Kleidungsstil (das ordentlich frisierte Haar, ihre akkuraten, langweiligen Hosenanzüge), der ihre Zugehörigkeit zu dieser Klasse symbolisierte.

Die Generation der jüngeren Feministinnen teilt zwar kaum die Ansichten der Rechtskonservativen, die Hillary als Hexe, Teufelin oder Satanistin bezeichnet haben, die man ins Gefängnis werfen oder verbrennen muss. Aber man sollte wie Savannah Barker darauf hinweisen, dass ihr Bild von Hillary Clinton überschattet wird durch 20 Jahre unablässiger persönlicher und politischer Angriffe.

Die rechte Verschwörung

Obwohl sie jeden Tag mit den Konsequenzen dieser Angriffe bombardiert werden, begreifen leider nur wenige von ihnen, welche historischen Bedingungen zu diesen Anfeindungen geführt haben. "Wenn wir Millenials Hillary Clinton betrachten", schreibt Barker, "ignorieren wir all die Jahre, in denen sie niedergemacht wurde von unlauteren Medien im Dienst einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Stattdessen sehen wir nur eine hochglanzpolierte Politikerin, der das volksfreundliche Charisma und die Leidenschaft eines Bernie Sanders abgehen".

Diese jungen Frauen haben nicht erlebt, wie die Republikaner, entsetzt davon, dass "Liberale" wie die Clintons es an die Macht geschafft hatten, eine Hexenjagd begannen, die bis heute andauert. Hillary hatte recht, es war eine "große rechte Verschwörung": angefangen bei Ken Starr, der unablässig im Privatleben der Clintons wühlte, über Mitch McConnell, der sich mit anderen Republikanern in der Nacht von Obamas Wahl zusammenrottete, um jedes Vorhaben des Präsidenten zu blockieren, bis zu Donald Trumps "Birtherism"-Theorie. Die Jungen haben das Jahrzehnt des "Kulturkampfes" nicht miterlebt, in dem man Feministinnen und anderen "politisch Korrekten" unterstellte, den amerikanischen Geist zu verbrämen (Alan Bloom) und höhere Bildung zu untergraben (siehe Dinesh D’Souza, der seine Schlammschlacht in dem herbeifantasierten Film Hillary’s America fortsetzte). Sie alle übersehen die Geschichte des Violent Crime Control and Law Enforcement Act von 1994 (von Reagan initiiert) oder die Herkunft der Formulierung "super-predator" (die gar nicht von Hillary stammte und auch nicht die schwarze Jugend meinte, sondern einflussreiche, ältere Drogendealer).   

Zum Geschichtsverständnis der jüngeren Leute gehört eben auch nicht die "radikale Feministin" Hillary, die Frauen meiner Generation jubeln ließ. Oder all die Gründe, warum sie ihr widerspenstiges Haar und ihre unverstellte Sprache bändigte und immer vorsichtiger wurde. Das Geschichtsverständnis der Jüngeren ist geprägt von der erfundenen Hillary. Diese Hillary ist uns, die wir ihre Erfindung miterlebt haben, völlig fremd. Aber wer nur die Schlagzeilen kennt, mag sie für die wahre Hillary halten.

Frauen sollten Kaffee kochen und still sein

Föhnfrisur und Hosenanzug: Hillary Clinton 2016 im Wahlkampf © Ty Wright/Getty Images

Im Februar erlebte ich einen besonders schmerzhaften Moment. Der Vorwahlkampf nahm gerade Fahrt auf und eine Gruppe junger Bernie-Sanders-Anhänger buhte Hillary Clinton aus, als sie sich selbst als "fortschrittlich" bezeichnete. Das Wort ist im politischen Zusammenhang ohnehin keine besonders sinnvolle Beschreibung, zumal jemand in einigen Belangen fortschrittlicher sein kann als in anderen und kein mir bekannter Politiker jemals voll und ganz progressiv war. Aber dieses Wort war mittlerweile zu einer Art Ehrenmedaille geworden, zu einem Symbol dafür, dass der Träger einer der Guten ist. Und man zeigte Clinton auf sehr grobe Art, mit Buhrufen, dass sie es eben nicht sei. Es waren diese Buhrufe, nicht die Unterstützung für Bernie Sanders, die mich wütend machten. Wochenlang hatte ich mir angehört, wie 19-Jährige und allerlei Experten Bernie Sanders mit Lob überschütteten – für seine kühne und revolutionäre Botschaft – und Hillary als "Establishment" verhöhnten. Er galt als "Herz" und sie als "Kopf" – eine bittere Ironie für alle, die um die lange Geschichte philosophischer, religiöser und medizinischer Hetzreden wissen, mit denen Frauen aufgrund ihrer unkontrollierten Gefühle als Führungspersonen disqualifiziert wurden. Seine Fortschrittlichkeit wurde als "authentisch" angesehen, während Hillary doch nur aus politischer Berechnung nach links gerückt sei. Als ob ein ganzes Leben im Kampf für die Krankenversorgung, für die Gleichberechtigung von Geschlechtern und Rassen, für Kinderrechte den Lackmustest im Fach Fortschrittlichkeit leider nicht bestehen könne. Er war der Held der Arbeiterklasse, während ihr Einsatz für Kinderkrippen, Krankengeld, die Aufhebung des Hyde Amendments, das staatlich durchgeführte Schwangerschaftsabbrüche untersagt, die Angleichung der Bezahlung von Männern und Frauen – ja, während sich all das in Luft aufgelöst hatte, weil sie für viel Geld bei Goldman-Sachs Reden gehalten hatte. 

Meine und Hillary Clintons Generation weiß, dass die Sanders-Anhängerschaft nicht die erste junge Massenbewegung ist, die mit großem Eifer gegen das Establishment antritt. Viele von uns waren damals "Sozialisten" (oder so etwas ähnliches). Aber einige von uns waren eben auch Frauen. Frauen, die Kaffee kochen sollten, während die Männer ihre großen Reden schwangen. Frauen, die man anschrie und erniedrigte, wenn sie es wagten, in linken Gesprächskreisen das Thema Gleichberechtigung aufzubringen. Frauen, deren Proteste als bedeutungslos, hormongesteuert und "konterrevolutionär" galten. Frauen, denen man im Namen eines fortschrittlichen Umbruchs immer und immer wieder erzählte, sie müssten ihre Anliegen in den Dienst der "großen Sache" stellen. Einige von uns erkannten, dass diese "große Sache" eng verbunden war mit Geschlechterfragen. Deshalb entwickelten wir Denkweisen, die sich nicht auf eine einzige "Botschaft" beschränkten, sondern in ihre komplexen Analysen (und Handlungen) die Betrachtung von Rasse, Geschlecht und Klasse mit einbezogen. Damals, vor der Frauenbewegung, brodelte es oft in uns, wenn unsere Freunde und Ehemänner definieren wollten, was revolutionär, ehrenwert und "progressiv" ist.

Das Geschlechterthema wurde im Wahlkampf ignoriert

Ich hatte also so etwas wie ein Dé­jà-vu, als ein charismatischer Politiker den Frauen mal wieder erzählte, welche Themen "fortschrittlich" sind und welche nicht. Paradoxerweise war die Frauenbewegung, zusammen mit dem Kampf um Rassengleichheit, eine der großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Die Katastrophe der Präsidentschaftswahl hat gezeigt, dass diese Revolution noch lange nicht vollzogen ist. Und doch: Bis Donald Trumps frauenfeindliche Grapschereien ans Licht kamen, hatte die Presse im Wahlkampf 2016 zum Geschlechterthema nichts zu sagen. Während der Vorwahl der Demokraten sprach Bernie Sanders über die Arbeiterklasse als neutrale (aber implizit männliche) Gruppe, als ob weder schwarze noch weiße Frauen zählten. (Das war wahrscheinlich sein größter Fehler, besonders gegenüber schwarzen Wählerinnen.) Auf Seiten der Republikaner wurden Trumps ekelhafte Kommentare über die Körper von Frauen weitgehend ignoriert und diejenigen, die vor ihm warnten, wurden beschuldigt, "die Frauenkarte auszuspielen". Während der ganzen Zeit schlachteten die Massenmedien Hillary Clintons E-Mails und "Glaubwürdigkeitsprobleme" aus, das waren die einzigen berichtenswerten "Skandale".

Hillarys "Glaubwürdigkeitsprobleme" hätte der Historiker Daniel Boorstin in den sechziger Jahren als "Pseudo-Ereignis" bezeichnet. Ein Pseudo-Ereignis erhält seine Wahrhaftigkeit nicht dadurch, dass es wahr ist, sondern dadurch, dass die Medien darüber berichten, es weiterverbreiten, überspitzen und wiederholen, es zu einem unauslöschlichen Mantra machen. Wie ein schmutziges Gerücht, das in der Schulcafeteria die Runde macht, prägt sich das Pseudo-Ereignis schließlich im Kopf des Zuschauers oder Lesers als wahr ein. Ein frühes Beispiel ist Richard Jewell, der Sicherheitsmann, der fälschlicherweise für den Rohrbomber der Olympischen Spiele in Atlanta 1996 gehalten wurde. Man fand Klebeband unter seinem Bett, das theoretisch auch beim Bombenbau eingesetzt werden kann. Wochenlang wurde ausschließlich darüber berichtet. Es gab keine stichhaltigen Indizien gegen ihn und er wurde sofort freigesprochen. Aber dieses Klebeband wurde zu einem so überzeugenden Detail aufgebauscht, dass ihn heute noch viele Leute für den Attentäter halten.

Hochspannungsschlagzeilen in Dauerschleife

Dieses Muster findet sich überall: in Familienanekdoten, im Ansehen prominenter Personen, in historischen Mythen. Wenn ich das Publikum in meinen Vorträgen über Anne Boleyn frage, was sie von ihr wissen, rufen die Leute meistens: "Sie hatte sechs Finger!" Nun ja, nicht wirklich. Diese Geschichte hat sich der katholische Prediger Nicholas Sanders ausgedacht, der Anne nicht ein einziges Mal getroffen hat. Aber der Mythos kursierte so lang, dass er schließlich den Status des Faktums erreichte. Selbst in einer Umfrage würden die meisten Menschen einfach nur das Gerücht wiedergeben. Wenn die Leute erst einmal überzeugt sind, ist es äußerst schwierig, ein Pseudo-Ereignis zu nivellieren.

Heute verbreitet sich solch ein Pseudo-Ereignis im Äther – auf den dauersendenden Nachrichtenkanälen werden Enthüllungen, Umfrageergebnisse, Ausrutscher und Fehltritte sofort zu Hochspannungsschlagzeilen in Dauerschleife. Die Informationen aus fragwürdiger Quelle erscheinen dem Publikum als Narrative, die sofort untersucht und analysiert werden muss. Hillary Clintons "Glaubwürdigkeitsprobleme" gehören zu dieser Kategorie. Die Republikaner mögen das Gerücht durch zahllose Beschuldigungen, Untersuchungen, Anhörungen geschaffen haben. Aber erst indem die Medien unablässig auf Hillarys "Vertrauensfrage" herumritten, wurde sie zu einer (Pseudo-)Realität. Es war so einfach: Bringe jeden Vorwurf von Seiten der Republikaner als Eilmeldung, berichte über jede neue E-Mail als potenziellen Hort brisanter Geheimnisse, erinnere die Zuschauer bei jeder Gelegenheit daran, dass "die Menschen ihr nicht vertrauen". Und wenn dann der Telefonist in der Meinungsumfrage auf das "Vertrauensproblem" zu sprechen kommt, ist es bereits eine dokumentierte Wahrheit.

James Comeys großer Fehler

Hillary Clinton am 11. September 2016. Sie dachte, sie könne ihre Lungenentzündung einfach durchstehen. © Mohammed Elshamy/Getty Images

Blicken wir auf den Umgang der Medien mit dem Bericht des FBI-Direktors James Comey über die Untersuchungen bezüglich Clintons Nutzung eines privaten E-Mail-Servers. Comeys Aussage entlastete Clinton von allen strafbaren Handlungen – das hätte die Schlagzeile sein können und sollen. Gleichzeitig, und damit wagte sich Comey weit über die Grenzen des Protokolls hinaus, kritisierte er Clinton und das Außenministerium in aller Öffentlichkeit für ihre "extreme Sorglosigkeit" im Umgang mit geheimen E-Mails. Für das Publikum wirkte es wie ein zwiespältiges Urteil (aber das war es nicht, Clinton war von der Schuld freigesprochen) und versorgte die Republikaner mit einer Menge rohen Fleischs, mit dem sie den Medienzirkus während des Wahlkampfs füttern konnten.

Comey deutete außerdem an, dass Clinton gelogen haben könnte. Entgegen ihrer öffentlichen Bekundung habe sie 110 geheime E-Mails erhalten (von 30.000, die das FBI gefunden hatte). Erst später, als die Abgeordneten Elijah Cummings und Matt Cartwright Comey ins Verhör nahmen, kam heraus, dass Clinton nicht gelogen hatte. Die fraglichen E-Mails waren eben nicht als geheim gekennzeichnet gewesen, als Clinton sie empfangen hatte. Dennoch: Ohne Comeys Aussagen auch nur etwas genauer zu untersuchen oder ein paar Widersprüche und Fehler des FBI-Direktors zu hinterfragen, begannen Journalisten sofort damit, den Bericht in ihr Lieblingsnarrativ von der "unglaubwürdigen" Hillary Clinton einzuweben. "Es ist eine politische Anklageschrift ihres Fehlverhaltens", erklärte Kristen Welker auf MSNBC. "Es stellt alle Geschichten, die sie erzählt hat, direkt infrage." (Chris Cillizza, in derselben Sendung) Es zeige, "dass Ehrlichkeit und Vertrauen weiterhin die Clinton-Kampagne vor sich hertreiben" (Chuck Todd, ebenda). Als dann am nächsten Morgen auch noch Joe, Mika und Nicole Wallace im Frühstücksfernsehen darauf ansprangen, war aus der Angelegenheit ein offensichtlich böses Märchen auf Clintons Kosten geworden. Die Sendung "Morning Joe" begann mit sorgsam gegeneinander gestellten Videos von Clintons Aussagen und Comeys "Urteil". Gäste der Sendung, die wie der Investor Steve Rattner und der Politiker Howard Dean vor voreiligen Schlüssen warnten, wurde das Wort abgeschnitten. Nichts durfte das Bild von der "unseriösen Clinton" stören.

Tatsächlich hat Clinton nicht gelogen. Comey hat gelogen (oder er verließ den Pfad der Wahrheit, wenn man großzügig sein will). In früheren Aussagen hatte Comey die Frage nach fehlender Kennzeichnung der geheimen E-Mails als irrelevant abgetan, da die E-Mails Themen behandelten, die in einem offenen System nichts verloren gehabt hätten, "wie jeder vernünftige Mensch hätte wissen müssen". Aber in der Kongressanhörung nach seiner öffentlichen Verlautbarung musste Comey dann unter Befragung von Matt Cartwright zugeben, dass gar keine der E-Mails, die Hillary bekommen oder abgeschickt hatte, korrekterweise als geheim gekennzeichnet waren. Genau das hatte Clinton gesagt. Und wie Comey später einräumte, entsprach das exakt dem Standardvorgehen, wie es im Handbuch des Außenministeriums festgelegt ist.

Hillarys Schwächeanfall

Zu diesem Zeitpunkt hätte Comey eine umfassende Pressekonferenz abhalten müssen, in der er sich dafür entschuldigte, Clintons Umgang mit geheimen Informationen falsch eingeschätzt zu haben. Stattdessen schwieg er, während die Presse auf Clintons "Unbedachtheit" und "Lügen" eindrosch. Dieses Gerücht wurde völlig gedankenlos in die Welt gesetzt und entbehrte jeder Grundlage. Und als Comeys Fehleinschätzung bekannt wurde, bot er noch nicht einmal eine öffentliche Korrektur seiner Aussage an. Er ließ die Medien einfach weiter ihre schmutzige politische Arbeit machen, unbeeindruckt von der Faktenlage. Das Publikum, das sich auf Fernseh-"Nachrichten" – von  MSNBC bis Fox – verlässt, hat von diesen entlastenden Entwicklungen nie erfahren.

Man muss sich schon wundern, dass Comey elf Tage vor der Wahl das Gefühl ereilte, es sei unerlässlich, die Öffentlichkeit über die jüngsten Entdeckungen "möglicherweise einschlägiger" Emails auf Anthony Weiners Rechner zu unterrichten. Dass er es aber nicht für nötig hielt, den zutiefst irreführenden Eindruck zu korrigieren, den er über Clintons Umfang mit Geheiminformationen in die Welt gesetzt hatte. Sein Geständnis gegenüber Matt Cartwright hätte die große Schlagzeile sein sollen, aber es wurde einfach begraben unter dem ewig gleichen Narrativ.

Oder die "Angst um Hillarys Gesundheitszustand": Sie hatte eine Lungenentzündung und wie viele Frauen gegen den Rat ihres Arztes weitergearbeitet. Und als sie beinahe ohnmächtig wurde – was schon ganz anderen passiert ist, die während politischer Veranstaltungen zu lange in der heißen Sonne standen –, beging sie die unverzeihliche Sünde, sich dem Zugriff der Medien für 90 Minuten zu entziehen, während sie in der Wohnung ihrer Tochter Chelsea um Fassung rang. Wo war sie? Hatte sie sich versteckt? Als ein Video auftauchte, in dem sie wackelig und mit Hilfe des Secret Service in ein Auto stieg, während sich die Nachricht von ihrer Lungenentzündung verbreitete, waren die Reporter sofort davon überzeugt, dass sie ihre Krankheit bewusst verheimlicht hatte und erst eingestand, als sie "auf frischer Tat ertappt" wurde. Hillary erklärte, und das erscheint mir sehr einleuchtend, dass sie ihre Krankheit nicht bekannt gegeben hatte, weil sie einfach dachte, sie durchstehen zu können, ohne eine große Sache draus zu machen. Und wie sich herausstellte, hatten John Kerry und andere auch schon eine Lungenentzündung gehabt, ohne die Welt darüber in Kenntnis zu setzen. Hillary jedoch machten die Bilder gleich verdächtig. Die Medien verbreiteten wieder und wieder die Großaufnahmen ihrer zitternden Knie. Und unredliche Experten behaupteten, sie habe ihre Glaubwürdigkeit selbst beschädigt, in dem sie ihre Krankheit "versteckt" habe.

Wie Pseudo-Ereignisse zur Normalität werden

Der 9. November, eine schmerzliche Niederlage für Clinton und viele, die sie schon längere Zeit kennen © Matt Rourke/AP/dpa

Ist Hillary wirklich unglaubwürdig? Die Faktenprüfer sagen eindeutig: nein. Es stellte sich heraus, dass sie die ehrlichste aller Kandidaten war. Statistisch gesehen hat sie sogar öfters die Wahrheit gesagt als Bernie Sanders, den die Presse niemals als Lügner bezeichnete, auch wenn er es offensichtlich war. Über die Umstände seines Rombesuchs sagte er zum Beispiel die Unwahrheit. Und was Trump angeht, unseren designierten Präsidenten: "Wenn Täuschung ein Sport wäre", schreibt Nicholas Kristof in der New York Times, "wäre Trump Olympiasieger; Clinton hingegen gewänne nur eine Teilnehmerurkunde des Jugendsportvereins".

Nein, ich halte das Spiel der Medien nicht für eine Verschwörung. Ich glaube, die Journalisten tun, was sie für ihren "Job" halten. Aber die Vorstellung der Journalisten von ihrem Beruf hat sich verändert. Als Walter Cronkite noch jeden Abend seine 20-minütige Sendung auf CBS hatte, galt es als höchst verschwenderisch, sich in den Fernsehnachrichten auf haltlose Gerüchte zu kaprizieren. Heute muss man Sendezeiten füllen, die Zuschauer bei der Stange und die Einschaltquoten oben halten. Dadurch werden Spekulationen und überspitzte Schlagzeilen in den Rang von "Nachrichten" erhoben. Vor allem im US-Wahlkampf 2016 hat sich das Pseudo-Ereignis zur Normalität in der Berichterstattung entwickelt. Dies sind nur einige der schlimmsten Parameter:

  1. Verdächtige Anzeichen wie in diesem fiktiven Beispiel: "Es gibt keinen Beweis dafür, dass zwischen der Clinton Foundation und dem Außenministerium irgendwelche Gelder geflossen sind. Aber die Anzeichen sind besorgniserregend." Seit wann ist der optische Anschein eines möglichen Fehlverhaltens strafbar?
  2. Falsche Gleichsetzungen gehen als objektiv durch, siehe: "Die Debatte wird immer hässlicher und Clinton und Trump beschuldigen sich gegenseitig des Rassismus." Oder: "Ja, Trump ist ein tobsüchtiger Irrer. Aber was ist eigentlich mit Clintons E-Mails?" Objektivität bedeutete einmal, einen meinungsneutralen Beleg vorzubringen. Heute heißt es offenbar, dass man sicher geht, nie den einen Kandidaten zu kritisieren, ohne es durch Kritik am Gegenkandidaten wieder "auszubalancieren".
  3. Von beständigem Verdacht geprägte Deutungen: "Wir müssen uns klarmachen, dass Clintons Rede über die Rassen lediglich von ihrem Problem mit der Clinton Foundation ablenken sollte." Ja, die MSNBC-Reporterin Kasie Hunt versuchte wirklich, das zum Hauptargument in einer Talkrunde über Hillary Clintons Ansprache in Las Vegas zu machen. Dort hatte Clinton Trumps Verbindungen zur extremen Rechten offengelegt. Offensichtlich hätte Clinton die Gettysburg-Rede unserer Zeit halten können, man hätte es trotzdem als Ablenkungsmanöver im E-Mail-"Skandal" beurteilt.
  4. "Wahrnehmung" wird zur Realität: "Clinton hat ein andauerndes Glaubwürdigkeitsproblem." Sie hat kein Verbrechen begangen und Politifact.com bewertet sie als ehrlichste aller Kandidaten. Trotzdem glaubt das "amerikanische Volk", sie habe ein "Glaubwürdigkeitsproblem". Hmmm, ich frage mich, wie das "amerikanische Volk" auf die Idee kam, man könne Clinton nicht trauen. Könnte es vielleicht daran liegen, dass die Medien pausenlos von ihrer "mangelnden Ehrlichkeit" berichten? Könnte die permanente Berichterstattung über ihr sogenanntes Vertrauensproblem (von ihren politischen Gegnern ins Spiel gebracht) tatsächlich einen Einfluss darauf haben, wie Menschen in Meinungsumfragen antworten? Vielleicht verhält es sich mit den "Anzeichen" des "Misstrauens" wie mit dem Klebeband unter Richard Jewells Bett oder den "dramatischen Plünderungen" nach Hurrikan Katrina. Das "amerikanische Volk" hielt auch diese Berichte für wahr. Und als sie widerlegt wurden, schaffte es die Korrektur nicht in die Schlagzeilen. Warum wohl?
  5. Die Narrative ersetzt die Wahrheit: Während der Vorwahlen erzählte Chris Christie, er habe 2012 nicht fürs Präsidentenamt kandidiert, weil er in den Spiegel geblickt und erkannt habe, dass er "noch nicht bereit" sei. Der Kommentar des Journalisten Sam Stein in der Sendung Morning Joe: "Das war ein bemerkenswert aufrichtiger Moment. Ob es die Wahrheit war oder nicht, weiß ich nicht." Möglicherweise ist es genau dieses Verhältnis zur Wahrheit, das Trump so weit gebracht hat. Monatelang hörten wir während der Vorwahlen, wie "geradeheraus" Trump sei, wie "authentisch", dass er (anders als die vorsichtige, bedachte Clinton) "sagt, wie es ist". Das blieb so lange Zeit die beliebteste Trump-"Narrative", dass sich niemand mehr darum scherte, ob seine Aussagen tatsächlich stimmten. Jetzt sehen wir, wohin uns die Verblendung gegenüber Trumps angeblicher Aufrichtigkeit gebracht hat.

Wann kippte der Journalismus ins Postmoderne? Klar, Fakten sind echt langweilig. Der "Anschein" und die "Narrative" sind viel cooler. Im Literaturseminar haben wir zumindest gelernt, wie man Texte analysiert und dekonstruiert. Journalisten haben die elegante Sprache adaptiert, ohne die Werkzeuge der Kritik zu übernehmen, mit denen man Fiktion und Realität unterscheidet. Aber das wiederum ist eine "Narrative", die es wahrscheinlich nie in die Schlagzeilen schaffen wird.

Auch Sanders trägt eine Mitschuld

Die zwei Hillarys. Nur eine von beiden ist echt. © Andy Clark/Reuters

Die Medienberichterstattung über Hillary Clinton war eine riesige Ansammlung von "Anzeichen", Anspielungen, von "Wahrnehmungen", die mit Fakten verwechselt wurden, und von Pseudo-Ereignissen. Und wenn dein Gedächtnis nur acht bis zehn Jahre (oder sogar kürzer) zurückreicht, ist es wahrscheinlich ausgefüllt von der Annahme, dass Hillary Clinton eine schamlose Lügnerin ist, die das Vertrauen der Amerikaner nicht verdient hat. Wir haben es jeden Tag gehört, nicht nur von ihren politischen Gegnern oder von Journalisten. Auch in lockeren Bemerkungen und Witzen unter Nachbarn. Und wir haben gesehen, wie es die Zustimmungsraten in den Umfragen beeinflusst hat.

Auch Bernie Sanders trägt eine Mitschuld. Er selbst hat Hillary zwar nie als "Lügnerin" bezeichnet. Aber er hat es versäumt, seinen Anhängern klarzumachen, dass "Establishment" nicht bedeutet, von der Wall Street "gekauft" oder "bezahlt" zu sein. Sie riefen "Korruption", "Vertuschung" und "Kriminelle". Und wieder bediente das Bild der "Lügnerin Hillary" alles, was die Medien brauchen, um ihre Zuschauer zu halten: Diese Seifenopern-Reality-Show wurden angeheizt durch den Eindruck, man müsse diesem "Kopf-an-Kopf-Rennen" atemlos zuschauen; durch die Annahme, es könnten jederzeit neue Details über ihre Täuschungsversuche ans Licht kommen; durch die leicht verdauliche, skandalöse Figurenkonstellation der Kandidaten – "die unpopulärsten Kandidaten mit den niedrigsten Vertrauenswerten aller Zeiten". Zugleich weckte die Story der "Lügnerin Hillary" den Anschein einer ausgewogenen Berichterstattung zwischen Trump und Clinton. Dieses absurde Paradigma trug meiner Meinung nach mehr zur Zersetzung von Hillarys Wahlkampf bei als alle anderen Faktoren.

Wir können von Anne Boleyn lernen

Als Bernie Sanders die Nominierungsabstimmung verlor, baten seine Stellvertreter Hillary Clintons Unterstützer unablässig, seinen Anhängern "Zeit zum Trauern" zu geben. Nun, viele von uns betrauern seit 2008 (und noch länger), was Hillary erleiden und durchmachen musste. Jetzt sollen wir uns "vorwärts bewegen", um "aufgeschlossen" einen "friedlichen Übergang" zu ermöglichen.

Entschuldigung, das geht nicht so schnell, und vielleicht niemals.

In den vergangenen Tagen musste ich meinen Fernseher oft stumm schalten. Ich kann einfach nicht mit anhören, wie die Experten ihre Klischees von Amerikas wütender Mitte oder Hillarys "Unfähigkeit, dieselben Wählerschichten wie Obama zu aktivieren", oder von der Sehnsucht nach "Veränderung" ausbreiten. Keiner von ihnen spricht über seine eigene Rolle: die endlosen und ergebnislosen Skandale, die Beschwerden über ihre Stimme, über ihren Mangel an Charisma, ihre Neigung zu Privatheit, ihre "Unechtheit". Wie auch Michael Moores unfassbar ärgerliche Bemerkung, sie hätte sympathischer gewirkt und die Wahl gewonnen, wenn sie uns nur mehr von ihrer echten Persönlichkeit gezeigt hätte. 

Wir können viel aus der Geschichte lernen. Nach Anne Boleyns Hinrichtung bereuten viele Richter ihre Entscheidung und äußerten Vermutungen, dass die Vorwürfe von Annes politischen Gegnern erfunden worden waren. Aber es war zu spät – man hatte ihren leblosen Kopf und ihren Körper schon in eine Kiste gestopft und sie verschwinden lassen. Und das Volk? Ihm blieb nur ein schillernder, narzisstischer, wankelmütiger Herrscher, mit dem sich niemand mehr sicher fühlen konnte.

Aus dem Amerikanischen von Rabea Weihser