Ein paar Tage nach der US-Präsidentschaftswahl bin ich mit meinem vierjährigen Sohn zum BBQ bei Freunden eingeladen. Plötzlich knallt einer seiner Kumpel beim Spielen von einem Fensterabsatz auf den Boden. Lautes Gebrüll, alarmierte Eltern, mitfühlend dreinblickende kleine Jungs. Die Gliedmaßen werden auf mögliche Brüche untersucht, das Kind muss seinen Namen sagen und ein paar Schritte geradeaus laufen, kurze Zeit später lacht es wieder und wirft mit Spielzeugautos um sich. 

In diesen Tagen driftet jedes Gespräch unvermittelt zurück zum Wahlausgang. Die Menschen hier befragen ihren Alltag, ihre jeweilige Lebens- und Arbeitssituation auf mögliche Konsequenzen. Freunde, die wie ich selbst zwar eine Greencard besitzen, aber bislang nicht die Staatsbürgerschaft beantragt haben, holen das nun eilig nach, um sich abzusichern. Nach dem harten Aufprall wird nun Schadensanalyse betrieben. In vielen Bundesstaaten werden immer noch Stimmen ausgezählt und das liberale Amerika vergewissert sich seiner selbst: "Hillary won the popular vote." Wir versichern uns gegenseitig, dass dieses Land immer noch unser Land ist, wenn schon nicht von Kalifornien bis New York, so doch wenigstens in Kalifornien und New York. Für alles dazwischen hat sich der abfällige Begriff flyover country etabliert, und diese Arroganz fliegt uns jetzt um die Ohren.

Während also Clinton ihren Stimmenvorsprung weiter ausbaut, tröpfeln via Facebook, Nachrichtenseiten, Radio und Fernsehen immer mehr Meldungen herein, die von Hasstags und Übergriffen auf muslimische, afroamerikanische und hispanische SchülerInnen an den Highschools des Landes, auch in Kalifornien, berichten. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Hakenkreuze gesehen wie in den letzten Tagen. Schmierereien auf Wänden, Autos, Schultoiletten, die mich via Internet erreichen, ebenso wie  auf zahllosen Protestbannern, die die Nähe des republikanischen Kandidaten zum Ku Klux Klan mit großzügiger Verwendung von Hakenkreuzen illustrieren.

Trump-Stimmen aus Hispanics-Lager

Seit dem 14. November kursiert ein Statement des kalifornischen Senatspräsidenten und des Sprechers des Repräsentantenhauses im Netz: Auf Englisch und auf Spanisch distanzieren sie sich von der Rhetorik des Wahlsiegers und kündigen an, die Zeit bis zur Inauguration zu nutzen, um sämtliche rechtliche Möglichkeiten auszuloten, zentrale Errungenschaften in Bezug auf Minderheitenschutz, Umweltschutz, Arbeitsrecht und den Schutz illegal hier lebender Menschen gegen die zu erwartenden Angriffe der Zentralregierung zu verteidigen. Diese Taktik wird, so lese ich, als stonewalling bezeichnet. Ich spüre, zu meiner eigenen Überraschung, einen Anflug von Patriotismus in Bezug auf mein "adoptiertes Zuhause". California, si puede

Zurück zur BBQ-Gesellschaft. Mehrere Gäste sind in der zweiten bzw. dritten Generation Einwanderer aus Lateinamerika. Ich frage, wie es dazu kommen konnte, dass schätzungsweise jede vierte Stimme aus dem Hispanics-Lager an den republikanischen Kandidaten ging. Trotz dessen aggressiven Äußerungen in Bezug auf die hier lebenden Mexikaner ("rapists and thieves") und der Ankündigung, eine "wunderschöne" Mauer entlang der südlichen Grenze zu errichten.

Annette Weisser ist Künstlerin und pendelt zwischen Los Angeles und Berlin. Sie lehrt seit 2007 im Graduiertenprogramm Freie Kunst am Art Center College of Design, Pasadena. 2015 erschien die Monografie "Make Yourself Available" im Verlag The Green Box. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

"Ach, die Latinos", sagt einer, dessen Eltern in den 1980er Jahren aus Nicaragua in die USA kamen, "die haben kein Gedächtnis. Kaum sind sie selber legal, machen sie hinter sich die Tür zu." Seine Frau wirft ein, dass das Bild, welches die Medien von "den Latinos" zeichne, extrem einseitig sei. "Als wären das alles bettelarme, illegale Hausmädchen und Orangenpflücker." Die wohlhabendere Mittelschicht der Latinos sei wertkonservativ, sie sehen ihren wirtschaftlichen Erfolg als Ergebnis ihrer eigenen harten Arbeit, sie identifizieren sich mit dem Image des self-made businessman ebenso wie mit seinem Machismo.

Metropolen widersetzen sich

Der adoptierte Sohn der beiden – der kleine Fensterstürzer – ist, ebenso wie mein eigener, das Kind einer mexikanisch-stämmigen Mutter. Die biologische Mutter meines Sohnes lebte, als wir zum letzten Mal Kontakt hatten, als Illegale in Los Angeles, ihr wurde das Sorgerecht für alle vier ihrer in Los Angeles geborenen Kinder vom Jugendamt entzogen. Ich war erstaunt (und natürlich beruhigte es auch mein Gewissen), dass ihr Aufenthaltsstatus während des gesamten Adoptionsverfahrens, das sich über mehrere Jahre erstreckte, keine Rolle spielte.

Erst jetzt, im politischen Aufruhr der letzten Wochen, erfahre ich, was es mit den sogenannten sanctuary cities auf sich hat. Um die 30 größere und kleinere Städte in den USA, die meisten davon in Kalifornien, signalisieren damit, dass es Behörden und der Polizei untersagt ist, grundlos den Aufenthaltsstatus abzufragen bzw. diesen bei Straffälligkeit oder, wie in diesem Fall, beim Einschreiten des Jugendamtes, im Verfahrensverlauf geltend zu machen. Los Angeles trägt diesen Titel bereits seit 1979. Der Begriff sanctuary city ist unscharf, es verbindet sich damit keine einheitlich-verpflichtende Vorgehensweise. Der designierte Präsident hat im Wahlkampf angekündigt, diese "sicheren Häfen" mittels Entzug von Steuergeldern zu zwingen, diese Praxis aufzugeben. Seit Montag, 14. November haben mehrere Metropolen angekündigt, sich dem zu widersetzen, unter anderem Los Angeles, Seattle, Santa Fe, San Francisco und Chicago.