Vor Kurzem hat die ARD einen Dokumentarfilm über jüdisches Leben in Deutschland gezeigt, in dem verschiedene Geschichten erzählt wurden. Die Geschichten handelten von der Schriftstellerin Mirna Funk, dem Rabbiner Daniel Alter, dem Studenten Armin Langer und einigen anderen Juden, die in Deutschland lebten, und sie hatten alle eines gemeinsam: Sie drehten sich um die Schoah und Antisemitismus.

Es war nur ein einzelner Beitrag, aber er ist nicht im leeren Raum entstanden. Für den Umgang mit dem Judentum in Deutschland war der Film exemplarisch. Es ist, als könnte man sich in der Bundesrepublik jüdisches Leben über die Schoah und Antisemitismus hinaus kaum vorstellen. Als sei es allein die Bedrohung, die das Judentum in Deutschland definiere.


Die deutschen Juden nehmen dieses Selbstbild durchaus auch an, und aus der Perspektive der Post-Holocaust-Generation ist das sicherlich nachvollziehbar. Sie wurde kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren und von Menschen sozialisiert, die den Holocaust am eigenen Leib erfahren haben. Jüdisches Leben in Deutschland ist für sie etwas, was nicht selbstverständlich ist und geschützt werden muss.

Haltung des Deutschen

Bemerkenswert aber ist, dass auch die jüngeren Juden in Deutschland dieses trostlose Selbstverständnis noch immer weitertragen. Auch sie verstehen ihr Judentum bis heute allein über die Frage des Antisemitismus der anderen.


Das zeigen nicht zuletzt die Bücher, die diese Generation schreibt: Mirna Funks Winternähe oder Maxim Billers Biografie, Shahak Shapiras Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! oder Oliver Polaks Ich darf das, ich bin Jude. In all diesen Büchern wird das eigene Jüdischsein durch die Haltung des "Deutschen" zum "Juden" verhandelt. Ein solches Judentum hat im Grunde keinen Inhalt. Man kennt nur offenbar kein anderes.

Vertraglich geregelt

An dieser unerfreulichen Lage haben aller Wahrscheinlichkeit nach beide Seiten ihren Anteil: Die Deutschen, weil sie den Juden in Deutschland die undankbare Rolle als lebenden Beweis für ihre eigene moralische Reinigung zuweisen. Und die Juden, die diese Rolle einnehmen. 

Das Verhältnis ist sogar vertraglich geregelt: Im Jahr 2003 hat der Bund mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland einen Vertrag geschlossen, der bezeichnenderweise am Holocaustgedenktag unterzeichnet wurde. Darin heißt es, im Bewusstsein des "unermesslichen Leides, dass die jüdische Bevölkerung in den Jahren 1933 bis 1945 erdulden musste", verpflichte sich die Bundesregierung "zur Erhaltung und Pflege des deutschjüdischen Kulturerbes, zum Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft und zu den integrationspolitischen und sozialen Aufgaben des Zentralrats in Deutschland" beizutragen. Dafür stelle die Regierung jährlich einige Millionen Euro zur Verfügung.