Am Berliner Alexanderplatz steigt ein Mann in zerlumpter Kleidung in die S7. Er schwankt durch das Abteil und versucht, sichtlich angestrengt, sich an die Verkaufsfloskeln für seine zerfledderte Obdachlosenzeitung zu erinnern. Irgendwo zwischen der Bitte um die freundliche Aufmerksamkeit der Mitreisenden und dem abschließend zu wünschenden "Schönen Tach noch" verliert er die Contenance.

Er habe Hunger, brüllt er, den ganzen Scheißtag habe er noch nichts eingenommen, man möge ihm verdammt noch mal endlich ein paar Cent geben.

Ein junger Mann im Anzug blickt von seinem iPhone auf: "Schlechte Performance, Alter", sagt er zu dem Bettler und fügt an: "Wer ficken will, muss lieb sein."

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Ein Spruch aus der Prä-Parship und Prä-Tinder-Zeit, in der "Mann" marodierenden Rosenverkäufern noch ganze Sträuße abkaufte, um sie der Herzensdame zum Fünf-Gänge-Menü auf den Tisch stellen zu lassen. Die Herzensdame heißt inzwischen Fuckbuddy und mehr als ein Heiß- oder Kaltgetränk wird in der Regel beim ersten Date aka Interessensabgleich nicht mehr investiert.

"Lieb sein", also sich in Unterwerfung fügen, müssen allerdings die Blumenverkäufer, die Milchaufschäumer oder die Bettler – all jene also, die mit Almosen oder Mindestlohn ihr Auskommen bestreiten. Faustregel: Je häufiger der "Schöne Tag" gewünscht werden muss, desto niedriger die Bezahlung.

Jeder weiß, dass "Sehr gern!" das neue "Du mich auch" ist. Dass erschöpfte Call-Center-Kräfte bei patzigen Anrufern jederzeit auflegen würden, gäbe es die automatischen Mitschnitte nicht. Und dass für Supermarkt-Kassiererinnen ihre täglich hundertmal gestellte Frage nach dem Sammeln von Treuepunkten mit anschließendem Guten-Tag-Gewünsche ein double bind des Grauens ist.

Im Sinne eines aufgeklärten falschen Bewusstseins führt dieses Wissen jedoch nicht zur Überprüfung des eigenen Sprachgebrauchs. Im Gegenteil: Die Ausweitung der Floskelzone und damit der Unterwerfungskultur, deren Ausdruck sie ist, scheint unaufhaltbar zu sein.

Dabei hatten die antiautoritären Umbrüche der sechziger und siebziger Jahre schlechte Laune und ebensolche Manieren nicht nur salonfähig, sondern auch geschäftsfähig gemacht. Ungeachtet hierarchischer Gegebenheiten behandelte erst einmal einfach jeder jeden scheiße: der Schüler den Lehrer, der freie Autor den Redakteur, der Gast den Moderator. Das war kritisch, das war richtig und Komplimente machten ohnehin nur Arschkriecher.

Das Dienstleistungsgewerbe zog rasch nach. Die "Servicewüste Deutschland" wurde zum geflügelten Wort angesichts, meist festangestellter, Kellner und Verkäufer, die sich nicht entscheiden konnten, wer ihnen mehr zuwider war: der Laden oder die Kunden. Warum? – Weil sie es konnten. Denn, so reagierten sie auf die Bitte um freundlicheres Benehmen: "Für gute Laune werd' ich nicht bezahlt."

Das neue Jahrtausend mit seiner Call-Centerisierung und Ich-AGisierung der Erwerbsbiografien einerseits und dem expandierenden Internet der Gefühle andererseits, hat dieser Rotzigkeit den Garaus bereitet. Und damit den Boden für Unterwerfung mit und mittels Gefühls. Dieselben USA-Touristen, die einst nach der Rückkehr die überschwänglichen Amerikaner pauschal als " ziemlich oberflächlich" herabwürdigten, verwenden heute so penetrant wie unkritisch bis zu fünf Emoticons pro Posting.

Die kommunikative Währung dieses Internets der Gefühle wäre die "Emoticoin", also der geldwerte Vorteil des Likens, Liebens und Verneigens, der sich seinerseits ins analoge Geschäft zurückverlagert, das dieselben Hdgdl-Rituale einfordert.