Die Präsidentschaftswahlen in Amerika sind vorbei und die Welt ist flächendeckend bestürzt. Der von Trump in seinem Wahlkampf offen propagierte und zelebrierte Chauvinismus, Rassismus und die Bigotterie sind in Kroatien jedoch seit langem Alltäglichkeit und gehören zum nationalistischen Selbstverständnis.

Die von der Bura verwehten Fahnen mit dem bekannten rot-weißen Schachbrettmuster zäumen den Straßenrand auf dem Weg nach Čiovo, wo der Bekannte wohnt, den mein Mann und ich besuchen. Um auf die Halbinsel in der Šibenik-Knin Region zu gelangen fahren wir im Schritttempo über die Brücke bei Trogir. Kolonnen an Autos schachteln sich an der Küstenstraße entlang, die Stadt platzt aus allen Nähten, es ist Touristen-Hochsaison im dalmatinischen Teil Kroatiens.

Unser Bekannter ist Journalist. Und wo ein Journalist ist, besser gesagt Kriegsreporter, sind schnell auch mehr. Bei dem für uns aufgedeckten Frühstück wird gleich Wodka gereicht, der Genozid, Srebrenica und der Jugoslawienkrieg stehen auf dem Menü.

Der Bürgerkrieg, der zur Zerstörung Jugoslawiens führte, endete offiziell vor 21 Jahren. Und während die ethnisch motivierten Massenmorde auf dem Balkan der Vergangenheit angehören, bleiben der Hass und die Fremdenfeindlichkeit, die sie angeheizt haben. Aber nicht nur das. Sie wurden als Nationalstolz umbenannt – der von Tito verkündigte Begriff der "Brüderlichkeit und Einheit" wurde durch eine billige Form des Faschismus ersetzt, der sich als einfacher Nationalismus maskiert.

Ana Marija Pasic, geboren 1984 in Calw, studierte Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften an der Universität Siegen und Angewandte Literaturwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sie lebt als freie Autorin in Brooklyn, New York. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Kroatien ist sicherlich nicht allein mit diesem Schicksal – sein Nachbar Serbien erlebt eine Wieder-Normalisierung der Milošević-Schergen, darunter den derzeitigen Premierminister Aleksandar Vučić und die gefeierte Rückkehr des offiziell in Den Haag freigesprochenen, aber eindeutig schuldigen Kriegsverbrecher Vojislav Šešelj. Šešelj hat in letzter Zeit Rallyes von Serben für Donald Trump organisiert, was passend erscheint. All das schwirrte mir durch den Kopf, als wir uns an der dalmatinischen Küste versammelten. Vielleicht kann die kroatische Erfahrung lehren, was aus der Asche brutaler sektiererischer Kriege hervorgeht und wie der Wiederaufbau einer Gesellschaft ihre eigene verkrüppelte Mythologie rechtfertigt, dachte ich.

Es ist still im Dorf, brütende Hitze, ein paar zahnlose Gestalten haben sich vor dem einzigen Supermarkt versammelt, man hört die Bierdosen in ihren Händen knattern, das Wehen der kroatischen Fahne am Eingang, die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Ein ruinenartiges Gebäude erinnert an ein Restaurant, dessen beste Zeiten eindeutig vorbei sind; ein paar leerstehende Rohbauhäuser, die nie fertig gebaut wurden, stehen zum Verkauf; Feigenbäume haben sich derweil angesiedelt und wachsen aus den Fenstern heraus. Nur fünf Autominuten entfernt ist jeder Küstenstein befleckt mit Touristen. An den Klippen reihen sich neugebaute Villen mit privaten Stränden, protzigen Sportwägen und Motorbooten. Eine Mittelschicht gibt es in Kroatien nicht mehr.


Zum Abendessen gibt es Fleisch, eine Menge Fleisch, so wie es sich auf dem Balkan gehört. Die Frau eines der anwesenden Journalisten ist Bosnierin und sorgt für die authentischen Darreichungen: Pljeskavice eine Art Hackfleischburger, gefüllte Pita, und Orahovac, selbstgebrauter Walnussschnaps. Der Likör fließt, zwischendurch ist man in Zigarettennot, das Problem wird aber schnell gelöst, dann geht die Sonne unter und die Diskussionen werden hitziger. Es ist ein Tag vor dem 21. Jubiläum der Operation Sturm, Oluja genannt, die an den glorreichen Sieg der Kroaten über die Serben 1995 erinnern soll und in Kroatien als großer Feiertag begangen wird. Dass bei der Operation ungefähr 250.000 der in der Krajna-Region lebenden Serben gewaltsam vertrieben wurden, dass es sich also um eine verheerende ethnische Säuberung handelte, wird hierzulande nicht gerne gehört. Befreit habe man sich am 4. August vom serbischen Aggressor, eine andere Meinung wird gleich als proserbisch und antikroatisch abgetan. Und so sind sich auch die hier am Tisch versammelten Journalisten, die in den 90ern alle als Kriegsreporter aus dem zerfallenden Jugoslawien berichteten, uneinig. Mit zunehmender Stunde wird gestritten.