DIE ZEIT: Welcher Amerikanische Traum wird jetzt wahr? Ein neuer oder ein alter?

Nancy Fraser: Es ist kein neuer Amerikanischer Traum, der am Anfang stünde, sondern ein alter, der endlich endet. Diese Wahl ist eine Revolte gegen die zurückliegenden 30 Jahre eines Systems, in dem die Finanzmärkte mithilfe der Regierungen die Macht einvernehmlich übernahmen und der alte sozialdemokratische New Deal zerstört wurde.

Eli Zaretsky: Der amerikanische Traum tritt uns in einer Verschiebung entgegen. Die Amerikaner träumen eigentlich von einem Präsidenten wie Franklin Roosevelt, der versteht, wie schwer das Leben in den Vereinigten Staaten ist und der dem hart arbeitenden Menschen anerkennend den Rücken stärkt. Trump bietet ihnen an, für sie eine solche Führerfigur zu sein. Das wichtigste Wort, das Europäer kennen sollten, um das gegenwärtige Amerika zu verstehen, lautet rigged – geschmiert. Dass unsere Elite, unsere Wirtschaft, das Rechtswesen, das Bildungssystem, dass das ganze System geschmiert und manipuliert ist, das haben sowohl Sanders wie Trump klar ausgesprochen. Der Traum heißt: der Präsident soll endlich den ersehnten Wechsel bringen.

ZEIT: Aus dem Mund von Intellektuellen der amerikanischen Neuen Linken ist das eine verblüffend verständnisvolle Diagnose.

Fraser: Wir haben diesen Wahlsieg weder gewollt noch für möglich gehalten. Trump ist ein Symptom dafür, dass die seit 1945 bestehende Nachkriegsordnung am Ende ist, aber er ist keine Lösung.

ZEIT: Fürchten Sie zunehmende Gewalt in den Straßen?

Zaretsky: Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Sie beunruhigt mich. Trump hält Gewalt für in Ordnung, er legitimiert sie sogar. Allerdings findet er seit seiner Wahl auch Worte der Beschwichtigung und des Respekts vor der Opposition. Die Zeichen sind nicht eindeutig. Keiner weiß, was dieser irrlichternde Mann mit seiner Macht wirklich tun wird.

ZEIT: Die Mehrheit der weißen Frauen hat Trump gewählt. Hat Frauenfeindlichkeit den liberalen Feminismus besiegt?

Fraser: Diese Wahl ist ein Weckruf für den Feminismus, endlich den eigenen Horizont zu erweitern. Clinton ist mit ihrem weißen liberalen Feminismus nie für alle Frauen eingetreten, er verkörpert nur die erfolgreichen gebildeten Elitefrauen an der Wall Street, nicht aber die Heerscharen an mexikanischen und schwarzen Kindermädchen, die unterdessen die Fürsorgearbeit leisten. Von Gleichheit keine Spur. Und auf Trumps misogyne Entgleisungen hat Clinton immer nur mit dem moralischen Ton der Schulleiterin reagiert, die denen, die sich nicht benehmen können, verkündigt, was sich nicht gehört. Damit hat sie den Wahlkampf moralisiert und zugleich entpolitisiert. Es ist auch diese puritanische Political Correctness, die abgewählt worden ist.

Zaretsky: Die Verächtlichkeit gegenüber den vermeintlich Unanständigen, die in dieser Moral mitklingt, hat zu Trumps Sieg maßgeblich beigetragen. Aber ich glaube nicht, dass die Gleichstellung der Frauen zurückgedreht wird, das Wahlvotum ist so nicht zu verstehen, so widerwärtig ich die misogynen Tiraden Trumps auch finde.

Fraser: Hätte Clinton in den zurückliegenden Monaten nur einmal gesagt, dass auch sie das politische System der USA für rigged hält, sie hätte die Wahl gewonnen.

ZEIT: Der Milliardär Trump ist aber für Klassenkampf nicht die geeignete Besetzung.

Fraser: Er wird als Außenseiter wahrgenommen, als nouveau riche, der von unten kommt und auch für die Ausgeschlossenen sprechen kann. Er ist ein Unterschichtsmilliardär. Damit können sich viele identifizieren.

ZEIT: Was folgt politisch daraus?

Fraser: Ich kann nicht erkennen, was genau Trump und seine Wähler sich jenseits der Versprechungen vorstellen. Es gibt keinen Weg zurück zum alten New Deal Franklin Roosevelts. Und ein anderer ist nicht in Sicht.