Der Fortschritt kommt vielleicht langsam, aber unaufhaltsam, dachten wir. Deshalb heißt es ja "Fortschritt", weil es nur eine mögliche Richtung gibt – hin zu mehr Freiheit, mehr Gleichberechtigung, mehr Vielfalt, mehr Besonnenheit, mehr Vernunft. Das Weltwirtschaftsforum zum Beispiel gibt jedes Jahr einen Gender-Gap-Report heraus, der beziffert, wie lange es bis zur ökonomischen Gleichstellung von Frauen und Männern noch dauert: 170 Jahre sind es aktuell. Dass es irgendwann dazu kommen wird, scheint außer Frage. Allerdings: Voriges Jahr hieß es, es dauere nur noch 118 Jahre. Wenn sich der Fortschritt in diesem Tempo weiter verlangsamt – nämlich um 44 Prozent pro Jahr – werden wir 2026 lesen, dass wir leider noch 6.500 Jahre warten müssen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Oder handelt es sich beim Fortschritt gar nicht um einen zwangsläufigen Prozess? Ist etwa die Gleichstellung der Frauen am Ende gar keine Frage des Wann, sondern des Ob? Der Wahlsieg von Donald Trump war auch deshalb so ein Schock, weil er die Möglichkeit des Rückschritts mitten im Herzen der westlichen Welt verdeutlicht. Die Selbstgewissheit, wonach wir Fortschrittlichen Sexismus, Rassismus, Homophobie und religiösen Fanatismus bereits überwunden hätten, während die Zurückgebliebenen dafür eben noch etwas länger brauchen, war schon immer überheblich.

Der Glaube, dass Fortschritt immer in eine bestimmte Richtung geht, ist nichts anderes als die säkularisierte Variante christlicher Heilserwartung: Die Welt läuft auf ein Ziel zu, das bereits feststeht. Wenn Trumps Sieg etwas Gutes hat, dann, dass er uns zwingt, diese Illusion zu verabschieden. Die Weltgeschichte hat kein vorbestimmtes Ziel. Auf die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, gibt es keine richtige Antwort, sondern nur eine faktische.

Wie die Realität aussieht, hängt davon ab, wen die Leute wählen

Sicher, wir mögen finden, dass es objektiv richtig ist, für Frauenemanzipation, sexuelle Selbstbestimmung, kulturelle Vielfalt und dergleichen zu sein. Und dass es objektiv falsch ist, Frauen zu unterdrücken, Menschen in Kategorien zu unterteilen und dann unterschiedlich zu beurteilen, nationalistisch zu denken. Und wir haben dafür gute Argumente, Statistiken oder sonstige Indizien. Aber im Bereich des Politischen geht es nicht darum, was wahr ist, sondern darum, was die Leute wollen. Wen sie zum Präsidenten wählen. Davon hängt ab, wie die Realität aussieht. Um die Frage, ob diese Antwort wahr ist, schert sich die Realität nicht die Bohne. Die freiheitliche, emanzipatorische, liberale Gesellschaft ist nur dann und so lange die bessere Gesellschaft, wie die Menschen, die in ihr leben, auch tatsächlich der Ansicht sind, dass es die bessere Gesellschaft ist. Solange sie bereit sind, dafür einzustehen und zu streiten. Und genau das ist häufig leider nicht der Fall.

Viel zu oft lassen wir zu, dass antiemanzipatorische Positionen einen unverhältnismäßig großen Anteil an öffentlicher Aufmerksamkeit bekommen. Weil das Einschaltquoten und Klicks generiert. Viel zu oft haben wir uns außerdem mit politischer Korrektheit zufriedengegeben anstatt die Diskussion darüber hinaus weiterzuführen: Da werden Bekenntnisse zu Frauenemanzipation, Akzeptanz von Homosexualität und multikultureller Vielfalt heruntergeleiert, weil es sich so gehört und nicht, weil man persönlich dahintersteht. Es ist gut, wenn Menschen sich politisch korrekt verhalten, denn auf diese Weise verursachen sie weniger Leid. Aber auf Dauer hat die bloß konformistische Zustimmung zu emanzipatorischen Projekten eben nicht genug Substanz, um rechtspopulistischen Versprechungen etwas entgegenzusetzen. 

Viel zu sehr haben wir schließlich darauf vertraut, dass die Gesetze und Institutionen hinter uns stehen, dass die Macht im Großen und Ganzen auf unserer Seite ist. Wir haben fast schon mantraartig betont, dass Rassismus, Sexismus und Homophobie keine Meinung sind, um uns in der Gewissheit zu wiegen, dass ein ordentlich funktionierender Rechtsstaat die destruktiven Kräfte im Griff hat. Darüber haben wir vergessen, dass Gesetz und Staat nur dann auf der guten Seite sind, wenn die Mehrheit der Bevölkerung inhaltlich dahintersteht. Rassismus, Sexismus und Homophobie sind nämlich sehr wohl Meinungen, und zwar solche, die sich zunehmend der Institutionen bemächtigen. Sie werden wieder offen sagbar und finden parteipolitische Repräsentantinnen und Repräsentanten. Und Gesetze lassen sich ändern.