In diesem Monat hat Google seinen "smarten" Lautsprecher Home auf den Markt gebracht. Mithilfe einer Spracheingabe steuert der Assistent Hausgeräte, reguliert die Heizung, bestellt Pizza und sorgt für Unterhaltung. "Es ist ihr eigenes Google, immer zur Hilfe bereit", so bewirbt das Unternehmen sein neues Gadget. Seit September ist in Deutschland auch das Konkurrenzprodukt Amazon Echo erhältlich, dessen smarte Assistentin Alexa auf Zuruf das Wetter ansagt oder Witze über Donald Trump macht. Laut einer aktuellen Studie des Digitalverbands Bitkom können sich vier von zehn Bundesbürgern vorstellen, solche digitalen Sprachassistenten zu nutzen. Die neuen Technologien werden uns von der Industrie immerzu als Komfortgewinn verkauft. Doch dahinter steckt eine neue Stufe der Überwachung. Um seine KI zu optimieren, zeichnet Googles Assistent unsere Gespräche auf. Jedes Wort landet in Googles Serverfarmen, wo es von Algorithmen analysiert wird und mit Stimmanalysen detaillierte Psychogramme erstellt werden können. Google lauscht am Küchentisch mit.

Seit den Enthüllungen von Edward Snowden gelangen ständig neue Ungeheuerlichkeiten über das Ausmaß der Überwachung ans Tageslicht. Dennoch begegnen die meisten Menschen Privatsphäre-Bedenken mit Gleichgültigkeit und dem ewig gestrigen Biedersinn-Argument: "Sollen Sie doch spähen, ich habe nichts zu verbergen." Wer nichts zu verbergen habe, müsse auch nichts fürchten, lautet die verquere, nachgerade totalitäre Logik. Doch dieses Diktum ist in einer digitalisierten Welt nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Im Jahr 2014 lancierte der Aktivist Noah Dyer, auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eine Kampagne mit dem Titel A Year Without Privacy. Dyer wollte ein Jahr lang 24 Stunden am Tag sein gesamtes Leben filmen und sein Innerstes zuäußerst kehren. E-Mails, Kontoauszüge, Telefongespräche, selbst intime Dinge wie Schlafen oder Sex sollten live gestreamt und mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Dyer wollte sein Leben zur Truman-Show machen und den Beweis antreten, dass Privatsphäre nicht bloß ein theoretisches Konzept ist. Das Experiment scheiterte mangels Finanzierung. Doch im Voraus wurde darüber heftig diskutiert.

"Ich habe nichts zu verbergen!"

Der Journalist Conor Friedersdorf brachte in einer Geschichte für die Zeitschrift The Atlantic (This Man Has Nothing to Hide—Not Even His Email Password) ein wichtiges Gegenargument vor: In einer modernen Gesellschaft verfügt jeder von uns über Informationen über Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen, von denen erwartet wird, dass wir sie privat halten: Partyfotos, Facebook-Alben, vertrauliche Gespräche.

Wenn Dyer nun sein E-Mail-Postfach oder Facebook-Profil publik gemacht hätte, wären auch Informationen exponiert gewesen, die der Sender oder Betroffene nur von einem bestimmten Adressatenkreis genutzt sehen wollte. Daten sind ja kein statisches Gut wie eine Skulptur, die ein Künstler erschafft und wofür er auf dem Markt einen Preis erzielt, sondern ein dynamisches Gebilde, ein digitaler Doppelgänger, mit diversen Verknüpfungen. Wenn wir unsere Daten verkaufen, verkaufen wir ja nicht nur Informationen über uns selbst, sondern auch Informationen über Verwandte und Freunde, mit denen wir interagieren und die dies unter Umständen gar nicht wollen. Wir verkaufen auch sie. Es ist wie bei einem Genom, auf dem auch Informationen unserer Eltern gespeichert sind.

Insofern ist die Sentenz "Ich habe nichts zu verbergen" ein äußerst egoistisches Motiv, das das Schutzbedürfnis Dritter komplett ignoriert. Der Satz "Ich habe nichts zu verbergen" ist gleichbedeutend mit dem verantwortungslosen "Ich besitze nichts und muss niemanden schützen" – was allenfalls ein Eremit von sich behaupten kann.

Edward Snowden sagte in einer Fragerunde im Online-Forum Reddit: "Zu argumentieren, dass man sich nicht um das Recht auf Privatsphäre schert, weil man nichts zu verbergen habe, ist nichts anderes, als wenn man konstatiert, dass man sich nicht um freie Meinungsäußerung schert, weil man nichts zu sagen hat." Nur weil man ein Recht nicht ausübt, heißt das noch lange nicht, dass dieses nicht existiert. Snowden gelingt mit diesem Gedanken ein Schachzug, der die Bringschuld von einer systemischen auf die individuelle Ebene verlagert.

Ist den Bürgern die Privatsphäre wirklich egal?

Das Problem ist, dass Verletzungen der Privatsphäre im Gegensatz zur Meinungsfreiheit geräuschloser und unsichtbar erfolgen: Man merkt nicht, wenn Facebook unsere persönlichen Daten an Unternehmen weiterverkauft, Geheimdienste unsere Mails lesen oder Google Home unsere Gespräche mithört. Wenn man dagegen in seinem Recht auf freie Meinungsäußerung etwa durch Zensur beschränkt wird, merkt man das sofort – und protestiert womöglich. Vielleicht war deshalb die Aufregung über die massenhafte Datensammlung der NSA vergleichsweise gedimmt. Das bedeutet aber nicht, dass den Bürgern Privatsphäre egal ist.

Die britische Bürgerrechtsorganisation Liberty Human Rights hat diesen Widerspruch in einer lustigen Guerilla-Aktion aufgezeigt. Eine Frau – herrlich gespielt in ihrer Naivität – läuft in einer Fußgängerzone in London mit einem Abhörgerät bewaffnet auf Passanten zu und fragt sie dreist, ob sie ihre Anrufe oder persönliche Historie einsehen könne. "Ist das Ihre Tochter auf dem Foto?" Die Menschen reagieren verstört bis empört auf den Spähversuch. Der Sicherheitschef einer Behörde erwidert: "Warum sollen wir Ihnen unsere Kommunikationsdaten zeigen?" Die Bürger sind offenbar nur dann beunruhigt sind, wenn sie den Übergriff persönlich merken, obwohl der Staat (hier: Großbritannien) und Unternehmen ständig nichts anderes machen. Das Experiment zeigt, dass sich Bürger sehr wohl um ihre Privatsphäre sorgen und einen flagranten Eingriff in dieselbe als etwas Anstößiges rezipieren.