Am Anfang des Animationsfilms The LEGO Movie sieht der Zuschauer die Figur des Baumeisters Emmet. Wenn er nicht gerade auf der Baustelle malocht, verbringt Emmet die meiste Zeit zu Hause und hört den Popsong Everything is Awesome, eine etwas infantile Version von Pharrell Williams' Happy. Emmet ist eine ziemlich bedauernswerte Kreatur in einer aus Lego gebauten und nur von Lego-Figuren bevölkerten Welt: Er hat immer denselben Tagesablauf, dieselben Konversationen mit seinen Kollegen, steht immer in dem gleichen Stau und kehrt abends nach Hause zu seiner Topfpflanze zurück, seinem besten und einzigen Freund. Mittags geben die Bewohner des Lego-Universums im Gleichschritt ihre Kleider in die Reinigung, trinken überteuerten Kaffee und müssen dennoch gute Laune haben. Ein Schild gemahnt die Lego-Figuren, Komplimente zu erwidern. In Emmets Regal stehen Anleitungen, wie man sich in dieses Baukastensystem einpasst. Schritt für Schritt wird dies erklärt, als könne man Integration wie Lego-Steine zusammensetzen.

Es gibt Billionen Möglichkeiten in diesem Modellstaat und doch ist der Alltag monoton, weil alle Interaktionen mechanisch sind. Man konnte diesen Film (übersieht man einmal die Kritik, dass er aus der Kulturindustrie geboren wurde) auch als Sozialkritik an unserem tayloristischen Wirtschaftssystem lesen. Wir leben in einer arbeitszentrierten Welt, Arbeit ist der zentrale soziale Mechanismus, um Einkommen zu verteilen, es befriedigt unsere materiellen Bedürfnisse. Arbeit hat daneben auch eine identitätsstiftende Funktion, es ist ein Statussymbol, man definiert sich darüber, vergleicht sich mit anderen. Politiker ergreifen gern Partei für die "arbeitende Bevölkerung", für diejenigen, die morgens früh aufstehen, was auch schon den Stellenwert von Arbeit in der Gesellschaft deutlich macht. Doch Arbeit wird in den nächsten Jahren eine fundamentale Transformation vollziehen. Die Fortschritte künstlicher Intelligenz und Computertechnologie stellen die Idee von Arbeit auf den Prüfstand.

Die Roboter halten Einzug in die Wirtschaftswelt. In den Werken großer Automobilbauer zurren sie Schrauben fest und montieren Karosserieteile, in Amazons Logistikzentren sortieren sie Pakete, bei Banken managen sie das Portfolio und entwickeln Anlagestrategien (Robo-Advisors). Und bei der Nachrichtenagentur AP schreiben Algorithmen sogar Quartalsberichte. Die Automatisierung schreitet immer schneller voran. Die Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben in einer vielbeachteten Studie ausgerechnet, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden 10 bis 20 Jahren von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden könnten. Die Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust durch Roboter ist größer denn je. "Nehmen Roboter den Menschen die Arbeit weg?" sind Tausende Artikel überschrieben, untermalt mit apokalyptischen Untertönen. Wenn man in Google die Begriffe "Machines" und "Take" sucht, ergänzt die Autocomplete-Funktion automatisch "machines take over the world" oder "machines take over jobs". Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, weil es ja eine Maschine oder genauer gesagt ein Algorithmus ist, der uns über die maschinelle Konkurrenz informiert und uns sagt, wie die Zukunft dereinst aussehen wird. Die Machtübernahme der künstlichen Intelligenz stehe kurz bevor, sagen die Schwarzmaler.

Fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch nicht, lasst die Roboter doch kommen! Das ist, brutal vereinfacht, die Antwort des Fully Automated Luxury Communism (Falc), einer Bewegung, die ihren Ursprung in London hat und auf dem politischen Spektrum der futuristischen Linken zu verorten ist. Die Namensgebung ist eigentlich ein Oxymoron. Luxus und Kommunismus, das passt nicht so recht zusammen (es sei denn, man verwendet es abwertend wie bei der gauche caviar). Luxus für alle, riefen schon die Spontis, es wurden Kritiken des Arbeitsfetischismus formuliert, ehe sich irgendwann mal die Industrie des Schlachtrufs bemächtigte und Luxus für alle proklamierte.

Der Ausgangsgedanke des vollautomatisierten Luxuskommunismus ist ein marxistischer: die Annahme, dass der technologische Fortschritt die Produktion von immer größeren Gütermengen mit immer weniger Humankapital möglich macht. Man braucht keine Taxi- oder Lkw-Fahrer mehr, die Güter über Autobahnen transportieren, das machen die Roboter besser, effizienter und vor allem billiger. Wir können uns, so die politische Schlussfolgerung, den Luxus leisten, Arbeit an Maschinen zu delegieren. Das klingt irgendwie progressiv und avantgardistisch und in der Tat speist die neomarxistische Strömung ihren Optimismus aus dem Futurismus. Linkssein ist irgendwie wieder schick, das wurde spätestens mit dem Erfolg des Sozialisten Bernie Sanders klar. Die Postulate des Falc fallen in eine Zeit, in der der publizistische Boden für solche Ideen bereitet ist. Mit Postcapitalism von Paul Mason und Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work von Nick Srnicek und Alex Williams sind in den letzten Monaten zwei einflussreiche Werke erschienen, die die Vision einer "Post-scarcity Economy" entwerfen, in der es keine Knappheit mehr gibt, weil jedes Gut kostenlos verfügbar ist.

Die entscheidende Frage, die die Luxuskommunisten aufwerfen (und die noch nicht mal ansatzweise beantwortet ist), ist: Wem gehören die Roboter? Wie werden die Automatisierungsgewinne verteilt? Die Vision ist es, die Gesamtheit der Maschinen in ein genossenschaftliches System zu überführen. In einer Post-Arbeitsgesellschaft wären wir alle gemeinsam Produktionsmittelbesitzer, Maschinen würden für uns arbeiten und unsere Rente erwirtschaften. Der Mensch könnte es sich in der sozialen Hängematte bequem machen. 

Flirten mit Arbeit

Solche Utopien gab es bereits. Karl Marx träumte von einer Gesellschaftsordnung, die es jedem möglich mache, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". Der französische Sozialutopist Charles Fourier hatte die Idee von zwanglosen Arbeitsgesellschaften, die ihren räumlichen Ausdruck im sogenannten Phalanstère fanden – um einen Hof gruppierte Schlösser, in denen die Menschen schlafen und arbeiten, forschen und feiern konnten. Die Arbeit wird dergestalt transformiert, dass sie ein Spiel wird, die Liebe frei, die Triebe nicht mehr unterdrückt. Aus Arbeit wird Sex, und aus Sex Arbeit. Man würde mit der Arbeit flirten, egal wie produktiv das am Ende ist. Arbeit, so könnte man heute mit modernen Worten sagen, müsse sexy sein. Der Marxismus gründete auf der Ablehnung dieser Idee: Es galt, Arbeit als wertschöpfenden Faktor auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig die Freizeit zu maximieren.

Die von Theodor W. Adorno als "bürgerlich" bezeichnete Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten, die Grenzen sind mit der ständigen Erreichbarkeit fließend geworden. Die Wissenschaftlerin Jordan Etkin zeigte jüngst sogar auf, dass die Quantifizierung Freizeit wie Arbeit erscheinen lasse. Wenn man nur noch irgendwelchen Benchmarks von einer Mindestschrittzahl am Tag, die ein Algorithmus bestimmt hat, oder virtuellen Monstern hinterherrennt, macht man sich zum Sklaven der Industrie. Und wenn US-Amerikaner durchschnittlich 5,6 Stunden am Tag mit digitalen Medien verbringen, wie der Risikokapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB) in einer Untersuchung herausfand, muss man sich fragen, für wen man eigentlich arbeitet.