Satiremagazin - "Charlie Hebdo" erscheint erstmals auf Deutsch Eine Merkel-Karikatur ziert die erste deutsche Ausgabe des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo". Die Macher planen neben Übersetzungen künftig mehr deutsche Inhalte. © Foto: John MacDougall/Getty Images

Angela Merkel auf dem Klo. Wie witzig ist das denn? Nun, Werbung soll ja potenzielle Kunden zunächst bei deren Erwartungen abholen. Und aus ihrer unglücklichen Position heraus vermittelt die Kanzlerin eine klare Botschaft: "Charlie Hebdo erscheint jetzt auch auf Deutsch. Das wirkt befreiend." Das französische Satiremagazin ist mit seinem Werbeplakat für die erste deutsche Ausgabe seinem Stil treu geblieben: derb, respektlos, ein bisschen pennälerhaft und gerne fäkal. Doch kann das Produkt auch positiv überraschen? Denn sonst, das besagen die gleichen Marktgesetze, kauft es bald kein Mensch mehr.

Die Macher in Paris denken offensichtlich sehr positiv: 200.000 Stück haben sie für die erste Auflage im deutschsprachigen Raum drucken lassen. Vom französischen Original wurden bisher 1.000 Exemplare pro Woche verkauft. Eine optimistische Sicht also. Großkotzig könnte man auch sagen. Wobei schon wieder dieses Staunen mitschwingt über so viel Maßlosigkeit. Und Bewunderung.

Charlie Hebdo war in Frankreich lange eine mediale Nischeninstitution mit 10.000 Abonnenten, bis am 7. Januar 2015 zwei Islamisten in die Pariser Verlagsräume eindrangen und acht Redaktionsmitglieder und vier weitere Menschen erschossen. Frankreich war erschüttert. Eine riesige Solidaritätswelle breitete sich aus, in den Medien, in den sozialen Netzwerken, und brachte wenige Tage später anderthalb Millionen Menschen in Paris zu einem Trauer- und Solidaritätszug zusammen. #JeSuisCharlie waren auch viele Menschen im Ausland.

"Die Deutschen sollten das echte 'Charlie' bekommen"

Vor allem in Deutschland. "Dort war die Anteilnahme am größten", sagt die Sprecherin von Charlie Hebdo, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte. Von der ersten Ausgabe nach dem Anschlag, der "Ausgabe der Überlebenden", wurden in Deutschland 70.000 Stück verkauft – so viele wie in keinem anderen Land außerhalb Frankreichs.

In der kleinen französischen Redaktion, die inzwischen in neuen Räumen an einem streng geheimen Ort arbeitet, reifte der Plan zur Expansion. Er sollte weit darüber hinausführen, als ein paar Texte für die Website zu übersetzen, wie das bereits bei der englischen Ausgabe geschieht. "Die Deutschen sollen das echte Charlie bekommen", sagt die Sprecherin. 

Ein Hamburger Straßenverkäufer und Gesine Schwan

Der Chefzeichner und Herausgeber Laurent Sourisseau, bekannt als Riss, begab sich auf eine ausgiebige Reportagereise ins Nachbarland. Sie führte ihn an so unterschiedliche Orte wie den Hamburger Hafen, die Berliner Gedächtniskirche, einen Ökobauernhof bei Dresden. Gemein ist diesen Plätzen lediglich, dass sie als typisch deutsch angesehen werden können – in Frankreich, aber auch bei uns.  

"Wer hat den Kaugummi in die Tonne für Papier geworfen?" Szene aus der "grünen Stadt", die ein Interview mit dem liberal-konservativen Bürgermeister von Växjö begleitet. © Charly Hebdo / Repro ZEIT ONLINE

Riss und seine Kollegin Angélique Kourounis führten zahllose Gespräche mit Menschen, die hier leben: mit einem Reeder und einem Straßenverkäufer in Hamburg, mit einem schwulen Gelegenheitsjobber aus Berlin, einem Ökobauern und seinem Team, einem jüdischen Erzieher, einem Biolehrer, mit Gesine Schwan. Was die französischen Journalisten gesehen und gehört haben, ist auf vier Seiten in der Mitte der deutschen Ausgabe, nun, tatsächlich zu bewundern. Unter dem Titel Rabenmutti und Vaterstaat: Wer lebt glücklich in Deutschland? breiten sie ein deutsches Panorama aus, das ihnen im besten Wortsinne und auch ganz übertragen feinstrichig und detailreich gelungen ist.

Die 20 Protagonisten, die zu Wort kommen, sprechen ausführlich über ihr Leben in Deutschland, ihre Wünsche und Ängste, Flüchtlinge und Integration, Gewalt, den Umgang mit Homosexualität und die Gründe für den erstarkenden Populismus. Und während in den groben Karikaturen zur vierten Kanzlerkandidatur Merkels seltsam ältlich wirkende Deutschland-Klischees und -Bilder bemüht werden wie unrasierte Achseln, der Trabbi und die Merkel-Anrede "Mutti", liest man diese zentrale Reportage auch als Deutscher mit Gewinn.