Sechzig zu vierzig – das ist ein deutlicher Sieg der Neinsager. "Die Italiener sind wütend", sagt der Politologe und Historiker Gian Enrico Rusconi. Viele fühlten sich abgehängt. Italiens Wirtschaft wächst schon lange nicht mehr. Der Mittelstand verarmt, die Jugend bleibt ohne Perspektive, und die Gewerkschaften zerfallen. Und von der Regierung, von den Spitzen der Vereinigungen und der Verbände, von den Aufsichtsräten der Banken und Industrieunternehmen kamen zuletzt immer abwiegelnde Sprüche, wenn der Missmut laut wurde.

Das Referendum über die Verfassung eröffnete vielen die Gelegenheit, Dampf abzulassen. Das hätten sich die Italiener, sagt Rusconi, nicht entgehen lassen. Es kam dabei zu einem merkwürdigen Schulterschluss: Zwischen Linksextremen, die das Schreckgespenst einer autoritären Staatsführung an die Wand malen, und Rechtsextremen, die sich vor Globalisierung und Emigrationsdruck durch Abschottung schützen wollen, Nationalisten, die Europa für den Hort allen Übels halten und den Euro für eine Währung der Deutschen.

Jene, die eine radikale Veränderung wollen, sagten genauso "Nein" zu Renzi wie jene, denen jede Veränderung ein Gräuel ist, weil sie dadurch mühsam erworbene Privilegien verlieren könnten. Unter den Neinsagern waren auch solche, die Matteo Renzi überhaupt mal eins auswischen wollten. Darunter auch Mitglieder seines Partito Democratico (PD), einer nicht besonders einheitlichen Partei aus Altkommunisten, Sozialdemokraten und linken Christdemokraten. Die Koalition der Neinsager war eine kuriose Mischung aus Antikapitalisten und Moralisten, aus Populisten und Liberalen, aus Sozialempfängern und Intellektuellen, aus Arbeitslosen und Millionären – aus Volk und Elite.

Eine Art Parallelstaat

Nun gehört in Italien eine kritische, ja ablehnende Haltung gegenüber staatlichen Einrichtungen und gegenüber der Elite der Gesellschaft zur Tradition. Als das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Einheitsstaat wurde, stärkte man aus Angst vor großen regionalen Unterschieden den Zentralstaat mit seinen von Rom aus gesteuerten Institutionen.

Viele Menschen entwickelten Strategien gegen die als fern und fremd empfunden Präfekturen und Polizeikasernen, in denen wenig Verständnis für lokale Wirklichkeiten herrschte. Man sicherte sich im Privaten ab, um sich vor dem Öffentlichen zu schützen. Man fand Arbeit über Verwandtschaft, wurde von Verwandten sozial unterstützt und in allen Lebensfragen gefördert. Zugleich bildeten sich lokale Eliten heraus. In Süditalien kam es örtlich zu Fehlentwicklungen durch mafiöse Gebilde, die auf verbrecherische Weise eine Art Parallelstaat mit eigenen Gesetzen und Sozialmaßnahmen aufbauten.

Mehr Wut im Süden als im Norden

Italien - "Niemand kann Italien derzeit regieren" Nachdem Italiens Premier Matteo Renzi mit seinem Referendum für eine Verfassungsreform scheiterte, haben Jugendliche in Norditalien wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Während Italiens Entwicklung zur inzwischen achtgrößten Industrienation der Welt hat sich vieles verändert. Den Regionen wurde größere Selbstbestimmung zugebilligt. Aus dem Familiensinn hat sich als solidarischer Ableger eine Freiwilligenbewegung gebildet, die in Europa ihresgleichen sucht. Aufgrund der langen handwerklichen und kulturellen Tradition gibt es im Land viele wirtschaftliche Möglichkeiten. Italienische Unternehmen sind weltweit führend in einigen hoch spezialisierten Industriezweigen, bei Luxusgütern ebenso wie bei Lebensmitteln, Design, Mode.

Und es bleiben gravierende regionale Unterschiede. Die Lombardei mit der Metropole Mailand gehört wie Venetien zu den reichsten Regionen Europas. Die Schattenseiten zeigen sich hier in den sozial schwachen Peripherien und abgelegenen ländlichen Gebieten, wo die Verlierer der Deindustrialisierung und Globalisierung leben. Bei Wahlen geben sie der kleinbürgerlich-reaktionären Partei Lega Nord ihre Stimme. Ausgerechnet diese beiden Regionen werden von Vertretern der Lega in Koalitionen mit Berlusconis Rechtsliberalen verwaltet.

Der Süden des Landes leidet hingegen unter einer mediokren lokalen Politklasse ebenso wie unter katastrophalen Missachtung durch das Rest-Italien, das dem Süden höchstens folkloristische Qualitäten zuspricht. Ein Autor wie Roberto Saviano wird nicht müde, mehr Respekt und Aufmerksamkeit für die Region einzuklagen und die organisierte Kriminalität ernst zu nehmen, die einer wirtschaftlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Modernisierung im Wege steht.

Der Süden rutscht immer weiter ab. Nach jüngsten Zahlen des nationalen Statistikamts leben 55,4 Prozent der sizilianischen Bevölkerung an der Armutsgrenze. Zum Vergleich: In Südtirol sind es lediglich 13,7. Was das für die politische Stimmungslage bedeutet, lässt sich am Wahlergebnis ablesen. Südtirol gehört zusammen mit der Emilia-Romagna und der Toskana zu den wenigen Regionen, wo die Jasager vorne lagen. Auf Sizilien erreichten die Neinsager mit 71,3 Prozent geradezu eine plebiszitäre Mehrheit. Andere Regionen des Südens standen dem Ergebnis kaum nach, übertroffen wurde es auf Sardinien sogar mit 72,5 Prozent. Im Süden habe das Nein gewonnen, kommentiert Roberto Saviano in La Repubblica das Ergebnis der Volksabstimmung, "weil die Menschen es einfach nicht mehr aushalten, marginalisiert zu werden".