Bevor die Tür aufgeht, hier an diesem Freitagabend in Dresden, eine schnelle Witzkunde: Der Männerwitz ist bekanntlich ein Witz, den sich Männer über Frauen erzählen. Der Frauenwitz hingegen ist kein Witz, den sich Frauen über Männer, sondern ebenfalls einer, den sich Männer über Frauen erzählen. Wer also glaubt, die Gleichberechtigung sei vollzogen und man könne doch jetzt endlich wieder über die Rente reden, muss sich nur deutsche Humorverhältnisse anschauen. In denen ist Mario Barth seit Jahren der König. Bei keinem lacht Deutschland lauter. Kein Comedian lockt mehr Zuschauer zu seinen Shows, keiner hat so viele Rekorde aufgestellt wie der gelernte Kommunikationselektroniker aus Kreuzberg, der nur rufen muss, und schon ist das Berliner Olympiastadion wieder voll. Auch vor der Dresdener Messehalle warten knapp Fünftausend. Drei Abende nacheinander wird Barth hier in ausverkauftem Haus auftreten.

Der Name Mario Barth ist ein eingetragenes Warenzeichen, Humor Made in Germany, sein Waren-Imperium wächst stetig: Es gibt Adventskalender, Badehandtücher, einen Bildband namens Größenwahn, Magnetsets für den Kühlschrank, Fußmatten, Plüschtiere ("weltweit einzigartig"), Kaffeetassen, den Zollstock "Mannometer", der alles "doppelt so groß" macht, es gibt Fruchtgummi und natürlich T-Shirts, auf denen Dinge stehen wie "Du hast recht, ich hab meine Ruhe". "Janz wichtig: Fressehalten angesagt" steht auf einer Mütze, die der 44-jährige Barth vertreibt, und man kann sich fragen, wer damit gemeint ist. 

Diesen Ratschlag indes hat der Komiker in den vergangenen Monaten schon öfter selbst bekommen, nicht nur von Kritikern, sondern auch von Kollegen. Im Juli, nach dem Amoklauf in München, hatte Barth auf Facebook geschrieben, dass man ja nicht mehr sagen könne, was man so angesichts des Terrors empfinde, ohne sofort als "Nazi", "Hetzer" oder "Angstverbreiter" zu gelten. Der Comedian Michael Mittermeier antwortete, Barth bediene sich der Floskeln der "besorgten Bürger" und eines "nebulösen Populismus".

Bildung, Recherche, Tatendrang und Hoffnung

Als kürzlich Hunderte US-Bürger abends vor dem Trump Tower in New York gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl demonstrierten, stellte sich Barth mit einer Videokamera tags darauf vor das Gebäude und sagte kichernd, er wisse gar nicht, von welchen Protesten die Medien da schrieben – schließlich sei die Straße leer. Dass der Abschnitt zu der Zeit wegen einer Parade gesperrt war, wusste Barth vielleicht nicht, er sagte aber, nachdem sein Video kritisiert wurde: "Ich war vor Ort. Da war keine Demo, als ich vor Ort war." Der Applaus von rechts, auch vom Österreicher Norbert Hofer, war ihm sicher. Die Satirepartei Die Partei rief daraufhin "Die Barthei" ins Leben und schlug Mario Barth ironisch für das Amt des Bundespräsidenten vor. Barth stehe nämlich für "Bildung, Aufklärung, Recherche, Tatendrang und Hoffnung".

Barths Showprogramme hießen bisher: "Männer sind Schweine, Frauen aber auch!", "Männer sind primitiv, aber glücklich!", "Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch!", "Männer sind schuld, sagen die Frauen!", das aktuelle heißt "Männer sind bekloppt, aber sexy!" Und alle, die gekommen sind, scheinen diese Ansichten zu teilen. Eine Menge voller Vorlust und Glühwein, Männer und Frauen zu gleichen Teilen. Frauen machen Selfies, Männer nennen einander "Kollege", obwohl sie nicht zusammen arbeiten. Und einige Paare reden miteinander schon im selben Modus, den Barth in Stadien und Mehrzweckhallen des Landes populär gemacht hat: einem Ton putzig gemeinter Ignoranz. Ey, Frau. Ey, Mann. Na, Spatzi? Na, Mausi? Ein Streichelzoo an Kosenamen erwärmt draußen den kalten Dezemberabend, drinnen gibt's dann Currywurstpfanne und Krautnudeln. Barth erscheint kurze Zeit später, im gelben T-Shirt, umhüllt von Bühnennebel vor einem Raumschiff. Er sei schließlich der "größte Paartherapeut der Galaxie". Geil, sagt er. 

Ach, siehste, wie bei uns

Wenn er lacht, sieht Barth aus wie der nett zupackende Nachbar, der beim Grillfest einen Witz macht. Er hat nichts von der Aggressivität anderer deutscher Zotenreißer, nicht das Knallchargenhafte von Atze Schröder, nicht das Grinsen eines Dauernachsitzers wie Oliver Pocher. Barth ist einer, der fröhlich aufgekratzt Bericht erstattet aus den Wohnzimmern und Küchen dieses Landes, wo vermutlich Cappuccinotassentapete an den Wänden hängt und auf dem Glasregal eine Flasche Baileys steht. "Männer wollen ja immer alles anfassen", kichert Barth, und "jede Frau steht auf Fifty Shades of Grey", weiß er auch, und im Publikum stößt der Mann die Frau an und sagt: Ach, siehste, wie bei uns, oder Schatz? 

Die komische Identifikation, die Barth offenbar seinen Fans anbietet, besitzt etwas Heimeliges: Man erfährt nur Dinge über sich, die man schon zu wissen glaubt. Kennstekennstekennste?, fragt Barth, und kriegt sich selbst kaum ein vor lauter Vorfreude auf das, was er gleich erzählen wird. Und sein seliges Publikum antwortet begierig: Kennichkennichkennich, und damit ist der Pakt geschlossen. Ein Pakt zum "Ablachen", wie das inzwischen heißt, und was im Grunde so hysterisch klingt, wie es sich dann auch in der grauen Messehalle anhört.