Gesellschaft für deutsche Sprache - Das Wort des Jahres ist "postfaktisch" Brexit, Gruselclown und Trump-Effekt: Die politischen Debatten und Veränderungen des Jahres spiegeln sich in der Auswahl zum Wort des Jahres. © Foto: Susann Prautsch/dpa

Der Begriff "postfaktisch" ist zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden. Das gab die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt. In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten, hieß es in der Begründung der Philologen. Immer größere Bevölkerungsschichten seien aus Widerwillen gegen "die da oben" bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Insofern stehe das Wort für einen tief greifenden politischen Wandel.

Die Gesellschaft wählte das Wort des Jahres erstmalig 1971 aus, seit 1977 sucht die Jury alljährlich aus Tausenden Vorschlägen Wörter und Wendungen heraus, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich besonders bestimmt haben. 2015 lag der Begriff "Flüchtlinge" ganz vorn. "Postfaktisch" hatte es vor Kurzem in der englischen Übersetzung post-truth schon zum Word of the Year 2016 gebracht. 

Auf Platz zwei der Liste der Gesellschaft landete das Kunstwort "Brexit", mit dem der geplante Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) bezeichnet wird. Das vorangegangene Referendum sei zugleich ein "Triumph postfaktischer Politik" gewesen, denn die Befürworter seien mit zum Teil gezielten Fehlinformationen vorgegangen. Auf Platz drei wählten die Experten den Begriff "Silvesternacht", mit dem nach den massenhaften Übergriffen auf Frauen vor allem in Köln nun neue, unerfreuliche Assoziationen verbunden seien.

Für die Auswahl entscheidend ist der Sprachgesellschaft zufolge nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz, Popularität und sprachliche Qualität. So war die Berliner "Lichtgrenze" zum Mauerfall-Jubiläum das Wort des Jahres 2014. Den sprachlichen Nerv der Zeit hatten in den Jahren zuvor – nach dem Urteil der Jury – die Abkürzung "GroKo" für große Koalition (2013), die "Rettungsroutine" (2012) und der "Stresstest" (2011) getroffen.

"Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung"

Eine andere Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten kürt zudem jedes Jahr ein sogenanntes Unwort. Am 10. Januar wird die Entscheidung für 2016 bekannt gegeben.

Auch in Österreich wurde ein Wort des Jahres gekürt: Das fiktive, 51 Buchstaben umfassende "Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung". Anders als bei der deutschen Auswahl wird der prominente Terminus in Österreich nicht von einer Jury, sondern per Abstimmung ausgewählt. Initiiert wird die jährliche Wahl von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz in Kooperation mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Das Ergebnis beruht auf einem Onlinevoting und einer anschließenden Juryentscheidung.

Demnach sei das "anschauliche Wort" von den Wählern mit deutlicher Mehrheit an die erste Stelle gesetzt worden. Es sei "ein Sinnbild und ironischer Kommentar für die politischen Ereignisse dieses Jahres, das vom überaus langen Wahlkampf für die Bundespräsidentenwahl, der Anfechtung der Stichwahl, deren Wiederholung und zusätzlich auch noch von der Verschiebung derselben gekennzeichnet ist", urteilte die Jury. Sprachlich zeige das Wort auch sehr gut eine Eigenart der deutschen Sprache, in der beliebig viele Substantive aneinandergereiht und so neue Wörter gebildet werden können, deren Länge praktisch unbegrenzt ist.