Wenn man ein Wort, das sich ohnehin in der Krise befindet, vollständig unbenutzbar machen möchte, gibt es eine sehr verlässliche Methode: Man kürt es zum Wort des Jahres. Insofern hat die sogenannte Gesellschaft für deutsche Sprache dem Wie-Wort "postfaktisch" mit seiner Sterbehilfe gewissermaßen einen Dienst erwiesen und es so schmerzlos wie möglich über den Jordan komplimentiert. Es ist jetzt in einer besseren Welt. 

Hinter ihm liegt ein kurzes Leben: Im März dieses Jahres hat die Harvard-Historikerin Jill Lepore erstmals darüber nachgedacht, wie es kommt, dass bei der Kandidatenkür der republikanischen Partei in den USA die Wahrheit offenbar keine Rolle spielt. Während der Fernsehdebatten diskutierten verschiedene Kandidaten nicht etwa darüber, mit welchen politischen Strategien man den Problemen des Landes am besten begegnen sollte. Sie stritten darüber, wer überhaupt die Wahrheit sagte. Weil es keine Instanz gab, die von allen Beteiligten anerkannt wurde, war es ihnen unmöglich, eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sie diskutieren konnten. So blieb ihnen nur, sich gegenseitig zu diskreditieren.

Jeb Bush, Ted Cruz, Marco Rubio und ein gewisser Donald Trump behaupteten allesamt von den jeweils anderen, dass sie logen und nur sie selbst die Wahrheit sagten, was sie so lange durchhielten, bis niemand mehr den Überblick hatte, außer den notorischen Faktenprüfern in den Politikredaktionen der großen Medienhäuser, für die sich allerdings niemand interessierte. Am Ende ging es nicht mehr darum, wer recht oder das bessere Programm hatte, sondern wer die kommerziellen Massenmedien besser bespielte, und in dieser Disziplin war der ehemalige Reality-TV-Star Donald Trump unschlagbar.

Keine absolute Wahrheit

Nun geht es in der Politik nicht erst seit gestern um die Kunst der Überzeugung, das gab es schon bei Ciceros Reden gegen Catilina. Dass es keine absolute gesellschaftliche Wahrheit gibt, sondern dass sie erstritten und ausgehandelt werden muss, ist gerade das Kennzeichen freier Gesellschaften, in denen weder die Kirche noch der Herrscher die Richtung vorgibt, sondern mündige Bürger darüber entscheiden, wie sie gern zusammenleben möchten. 

Um allerdings überhaupt in der Lage zu sein, sich miteinander zu verständigen, brauchen sie eine gemeinsame Basis und das war bislang die Vernunft. Seit Descartes versucht hat, logisch zu beweisen, dass er selbst existierte, anstatt sich einfach auf das Wort der Kirche zu verlassen, hatte sich außerhalb totalitärer Staaten ein gewisser Konsens durchgesetzt: Wir halten für wahr, was sich belegen lässt. Weil er nachweisen kann, dass die Erde rund ist, hätte Galileo Galilei heute keinen Prozess mehr zu befürchten.

Das politische Jahr 2016 hat nun allerdings offenbart, dass dieser Konsens auch in demokratischen Gesellschaften nicht mehr unantastbar ist. Wir haben offenbar das Zeitalter faktischer Begründungen als Triebfeder unseres Handelns hinter uns gelassen. In den USA konnte ein Kandidat Präsident werden, der den menschengemachten Klimawandel leugnet, obwohl 99 Prozent der Wissenschaftler, die sich weltweit mit dem Thema auseinandersetzen, nicht den geringsten Zweifel daran haben. In Großbritannien konnte die Brexit-Kampagne ein Referendum gewinnen, obwohl sämtliche ökonomischen Institute erklärten, dass der Brexit dem Land erheblich schaden würde. 

Gesellschaft für deutsche Sprache - Das Wort des Jahres ist "postfaktisch" Brexit, Gruselclown und Trump-Effekt: Die politischen Debatten und Veränderungen des Jahres spiegeln sich in der Auswahl zum Wort des Jahres. © Foto: Susann Prautsch/dpa