Die Hüter des Rationalismus sind von den verschiedenen Interessensgruppen diskreditiert und haben auf das politische Geschehen offenbar keinen Einfluss mehr. Unwahrheiten stehen gleichberechtigt neben der Wahrheit, Glauben steht gleichberechtigt neben Wissen. Das Gestaltungsprinzip aller Diktatoren, das darin besteht, jeden als korrupt, boshaft, heuchlerisch, hintertrieben und einiges Weitere mehr zu denunzieren, der auf unangenehme Tatsachen aufmerksam macht, hat sich im Jahr 18 nach Google auch in den westlichen Demokratien durchgesetzt. Die moderne Demokratie als ultimatives aufklärerisches Gesellschaftsprojekt, als einzige Regierungsform, die den Fortschritt für wichtiger hält als den Machterhalt, sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. 

Die bittere Ironie ist nun, dass das Wort "postfaktisch" und seine englische Entsprechung "post-truth" selbst unmittelbar von diesem Strudel erfasst wurden. Seit auch die Anhänger des Totalitarismus das Wort entdeckt haben, ist niemand mehr selbst postfaktisch, sondern immer nur der andere. Und eine Instanz, die entscheiden könnte, wer denn nun wirklich postfaktisch argumentiert, gibt es immer noch nicht.

Die Maschine munitioniert

Auf diese Weise hat das Wort auf seinem Weg vom historischen Institut der Harvard University über die Medien und die sozialen Netzwerke in die Reden führender Politiker wie Angela Merkel all seine Bedeutung verloren. Es bedeutet schon jetzt, neun Monate nach seiner Erfindung, nur noch: nicht den Fakten entsprechend. Dafür gab es allerdings schon vorher Wörter: "falsch" oder "unwahr" haben sich zum Beispiel lange bewährt. Der Erkenntnisfortschritt, der sich in diesem Wort ursprünglich ausgedrückt hat, ist schon jetzt wieder dahin. 

In diesem Sinne hat die Karriere des Wortes seine Diagnose selbst unfreiwillig belegt. Jill Lepores brillanter Essay hat das öffentliche Gespräch nicht auf eine höhere Ebene gehoben, sondern lediglich die Maschine munitioniert. "Die Wurzel des Problems (…) ist ein bekanntes Paradox", schreibt Lepore, "die Vernunft kann sich nicht verteidigen, ohne auf die Vernunft zurückzugreifen." In einem öffentlichen Gespräch, das an der Vernunft kein Interesse hat, ist sie schutzlos.