Das einzig Naheliegende nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt geschah nachmittags um 15 Uhr. Es war der Vorgang "sich blicken lassen".

Kanzlerin, Innenminister, Außenminister und Regierender Bürgermeister standen dicht beieinander an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz und schauten mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Müdesein auf Blumen und Kerzen. Sie hielten die Situation vielleicht zwei Minuten aus. Es gab ja nichts zu sehen, außer Blumen und Kerzen. Dann gingen sie weiter. In der Liveschalte sah man, dass sie noch woanders herumstanden, wahrscheinlich um keine Bilder zu erzeugen, die den Eindruck erwecken könnten, dass sie sofort weggegangen wären. Kurzer Gang in die Kirche, Eintrag ins Kondolenzbuch, das war’s.  

Seit dem Anschlag war eine der am häufigsten geäußerten Bitten von Seiten der Öffentlichkeit, dass man sich nicht auseinandertreiben lassen dürfe. Diese Botschaft wird oft retweetet und sicher meint jeder damit etwas anderes. Der eine will vielleicht Bilder sehen, auf denen von der AfD bis zur Linken alle geeint am Tatort stehen, sich an den Händen fassen und geloben, dieses Ereignis nicht zu missbrauchen. Die anderen wollen vielleicht Bilder von wehrhaften Deutschen sehen, die sich – obwohl sie ja vom Täter nichts wissen – gegen Muslime und Geflohene abgrenzen und dem Ganzen eine nationalistischere Farbe verpassen.

Es war jedenfalls ein interessant, zuzuschauen, wie wenigstens die Regierungsspitzen des Bundes und Landes es einfach taten: rausgehen, sich blicken lassen und einfach mal nichts sagen. Dieser Moment war der vielleicht wichtigste und wahrhaftigste an diesem ganzen Tag. Und es ist zu befürchten, dass seine Botschaft aus Versehen entstand, denn das Ganze wirkte so hilflos und gänzlich ohne Plan. Sie standen einfach so zusammen.

Auf dem Sender Phoenix sah man diese Eindrücke vom Breitscheidplatz deshalb auch nur im kleinen Fenster links oben im Bildschirm. Zur gleichen Zeit wurde das eigentliche Ereignis groß gesendet. Die Übertragung der Pressekonferenz der Generalbundesanwaltschaft, auf die das ganze Land ungeduldig wartete, weil alle anderen Pressekonferenzen nach jeder Frage zu Details des Tathergangs auf diese eine Konferenz hinwiesen.

Die Einzelstatements waren gerade vorbei, man war schon bei der Fragerunde. Natürlich erfuhr man nichts, was man nicht auch schon vorher lesen konnte. Dass eventuell der Falsche geschnappt und verhört wurde, dass man keine, eine oder viele Spuren hatte.

Reaktionsrhetorik und Liveschalten

Spätestens da stellte man fest, dass man in einer Art Anschlagsreaktionsroutine gefangen ist, die aus immer wiederkehrenden Elementen besteht.

Zum Beispiel die Berichterstattungsroutine mit Liveschalte direkt vom Ort des Geschehens ("Wir stehen hier mit unserer Kamera wenige Meter vom Tatort entfernt"). Dazu zählt auch der Terrorexperte im Studio ("Zum derzeitigen Zeitpunkt lässt sich nur wenig sagen") oder die Empörung über jene Medien, die auf die Opfer zoomen ("Verantwortungslos, pfui!").

Es gibt auch eine Reaktionsrhetorik der Politiker ("Bitte keine voreiligen Schlüsse ziehen", "Wir werden die Täter finden und hart bestrafen", "Wir werden trotz des Terrors weitertanzen/Glühwein trinken/Karikaturen zeichnen", "Dieser Anschlag ist ein Anschlag auf unsere Werte/Freiheit/Demokratie").

Auch die Ikonografie der Ereignisse ist überall gleich: die Bebilderung der Statements der Premierminister, Kanzler, Präsidenten an den Stehpulten mit Landesfahne im Hintergrund. Die Gedenkveranstaltungen an den Hauptstadtsymbolen. Die roten Grablichter. Die Beflaggung auf Halbmast. Die Blumen der anteilnehmenden Bevölkerung, die Hashtags, die Facebookbilder, mit denen man seine Seite einfärben kann, die schwarze Trauerschleife auf der Startseite von Google.

Wie Handgranaten

Man begreift, dass der Terrorakt ein Drama der Rede und Gegenrede ist; der Bilder und Gegenbilder. Das Entsetzen, die Empörung, die Trauer, aber auch die Zwietracht innerhalb der Bevölkerung sind eine kalkulierte Reaktion des Anschlags. Die Attentäter senden eine Mitteilung, die im Wesentlichen aus Zerstörung besteht. Die Getroffenen senden zurück und signalisieren Widerstand.

Angela Merkel hat in ihrer kurzen Botschaft einen ähnlichen Gedanken geäußert, als sie den Terror als Affront beschrieb:

"Gegenüber den vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und sich um Integration in unser Land bemühen."

Dabei hat sie es sehr geschickt geschafft, beide Gesellschaftsgruppen, die Deutschen und die Geflohenen, als Opfer dieses Terrors zu kategorisieren und nicht, wie es andere Stimmen derzeit versuchen, als Verursacher und Leidtragende gegeneinander in Stellung zu bringen. Damit adressierte sie auch jene, die im Terror nur eine Konsequenz erkennen: Grenzen dicht, Flüchtlinge raus.

Auch die Empörung ist reine Routine

Diejenigen aber, die Terror in seiner ganzen Komplexität verstehen wollen und nicht als nationales Ereignis ohne Bezug zu Ökonomie und internationaler Politik, bleiben unbefriedigt zurück. Die Routine lässt nicht zu, dass man sich die Zeit nimmt, um die richtigen Fragen zu stellen. Zeit, um in Ruhe zu formulieren, ob man diese Routine für akzeptabel hält. Und die wichtigste Frage bleibt immer unbeantwortet. Wenn Terror eine Botschaft hat, welche? Wenn Terroristen etwas mitteilen wollen, was?

Wenn Terror eine Reaktion auf politische Verhältnisse ist, kann es doch nicht sein, dass die getroffenen Länder sich freiwillig in dieses Opferschema vom nichtsahnenden, Glühwein trinkenden und tanzenden Europa manövrieren. Die Lösung kann nicht darin bestehen, aufzufordern, weiter zu feiern als sei nichts geschehen. Wie muss das in den Ohren jener klingen, die gerade ihre Angehörigen verloren haben oder aktuell in einem Berliner Krankenhaus um das Leben eines Anschlagsopfers bangen?

Der Journalist Georg Mascolo erinnerte noch am Abend des Ereignisses in der ARD an einen Ausspruch Margaret Thatchers, die sinngemäß sagte, dass die Reaktion auf den Terror der Sauerstoff des Terrorismus sei. Vielleicht ginge ja beides. Anders reagieren und berichten und gleichzeitig nicht PR-Handlanger der Terroristen sein.

Verzichtbar wäre es sicher auch, die populistischen und rechtsextremen Aussprüche jener Politiker rauf und runter senden, die es kaum erwarten können, Anschläge zu missbrauchen, um das zu sagen, was sie auch ohne den Terror schon immer meinten. Diese Textpassagen, die nichts anderes sind als Kriegserklärungen, wirken selbst im Licht der horrenden Gewalt und ihrer Opfer noch wie Handgranaten auf einem Schauplatz, dem es an Eskalation nun wirklich nicht mangelt. Den Kommentaren all jener Akteure, die nur darauf warten, wiederholt jene Teile der Gesellschaft zu diffamieren, die sich beharrlich weigert, in Kategorien von "Der Westen und seine Werte" und "Die fremden Barbaren" zu denken, dreht man in dem Moment den Hahn zu, indem man sich weigert, diese Sprüche zu wiederholen und zu kommentieren. Auch die Empörung über den neuesten Tabubruch der neuen Rechten ist zu reiner Routine verkommen. Sie ist weder mutig noch gewinnbringend.