Vielleicht sollten wir einfach nicht so ein Theater machen – und das Fest als eine Chance nutzen, die sich alle Jahre wieder nur für wenige Tage bietet. Gerade die Konfrontation und Unausweichlichkeit der familiären Zwangsgemeinschaft weitet den Blick. Steht in meiner Zeitung nicht, was ich ohnehin schon denke, bestelle ich sie ab. Sendet die Tagesschau nicht, was ich wissen will, schalte ich um. Plappert im Bahnabteil ein "Gutmensch" dummes Zeug, steige ich um. Und wer auf Facebook um Sympathien für die falschen Politiker wirbt, wird sogleich entfreundet. An Weihnachten ist das nicht möglich. Da sind, während es aus der Küche duftet und der Nieselregen gegen die Fenster haucht, die unterschiedlichsten Weltanschauungen einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das mag ein Fluch sein, noch mehr aber ist es ein Segen.

Wirklich frustrierend am Fest "im Familienkreis" sind im Grunde nur die Versuche, unter zehenspitzender Umgehung aller heiklen Themen das künstliche Idyll vor jeder Eintrübung bewahren zu wollen. Nichts ist Anstrengender und Zehrender als ein Fest der Lügen. Das beginnt ja schon mit der präfaktischen Erzählung vom Christkind, das der Lena und dem Jonas die Geschenke bringt. Es geht weiter mit dem Verschweigen der faktischen Tatsache, dass Mutters Braten diesmal etwas zäh geraten ist. Und es endet noch lange nicht mit den postfaktischen Verschwörungstheorien, die Onkel Alfons nach dem dritten Kirschlikör so auftischt. Die Fronten, die längst als waffenstarre Schützengräben die Gesellschaft spalten, sie reichen bis unter den Weihnachtsbaum.

Wenn ich aber in der Familie nicht frei meine Abneigungen und Vorlieben äußern kann – wo dann? Wenn ich umgekehrt nicht den Ängsten und Hoffnungen der buckligen Verwandtschaft mein Ohr leihen mag – wem dann? Was wir im Kleinen nicht hinbekommen, ist im Großen schon verloren.

Kein Duell, lieber ein Tanz

Trauen wir uns. Das geht. Es geht vielleicht überhaupt nur noch zu einem Fest wie Weihnachten, in einer Gemeinschaft wie der Familie – ganz gleich, wie demoliert beide Konzepte längst sind. Es soll kein Fest der Liebe sein, darf aber auch kein Fest der Lüge bleiben. Was nicht bedeutetet, dass nun eine therapeutische Familienaufstellung inszeniert oder ein Abend bei Anne Will nachgestellt werden muss. Das Gespräch muss kein Duell, es darf ein Tanz sein. Eine Lockerung. Dazu bedarf es nicht viel. Es genügt schon, sich gegenseitig nicht an die Gurgel zu gehen.

Akzeptanz wäre gelogen, Toleranz reicht völlig aus. Ich muss nicht Beifall klatschen, wenn mir etwas nicht behagt. Ich muss es nur dulden und erwarten können, selbst geduldet zu werden.

Hilfreich ist auch, sich auf die Interdependenzgewitter zu besinnen, in denen wir alle blind herumstolpern. Niemand weiß Genaues, aber jeder hockt auf seinen angehäuften Meinungen wie auf einem Olymp, Blitze schleudernd. Alle sind sich ihrer Standpunkte so verflucht sicher.

Wenn wir aber eigene Ansichten tastend äußern, fragend, mit Luft für Widerspruch von rechts und links – dann steht etwas im Raum, das man versuchsweise dort stehen lassen, über das geredet werden kann. Sei es Groll auf Merkel oder Verständnis für Putin, sei es Angst vor dem Terror oder eine Vorliebe für Helene Fischer. Alles Ausgesprochene, und sei es noch so blauäugig oder empörend, ist immerhin noch verhandelbar. Es ist das Unausgesprochene, das verlässlich ins Verderben führt.

Es ist doch nur Onkel Alfons!

Wir können ohne Sorge sein. Es handelt sich nicht um ein digitales Artilleriegefecht mit anonymen Hasskommentatoren oder arroganten Intellektuellen. Es ist nur ein Gespräch mit Onkel Alfons aus Bottrop, der nach 30 Jahren um seine Rente bangt. Oder mit der neuen Freundin der Tochter, die in Berlin irgendwas mit Gender studiert. Keine gesichtslosen Gegner, sondern Leute, mit denen wir vor zehn Jahren schon gefeiert und eben erst die Soße abgeschmeckt haben.

Der Versuch ist es wert, denn er bringt nur Gewinner. Erst ein spielerischer Abgleich der Standpunkte macht das System der Koordinaten sichtbar. Widerspruch zwingt zum Argument und weitet den Horizont. Alle Meinungen müssen sich im Wettbewerb bewähren. Vielleicht werden sie revidiert, vielleicht werden sie geschärft. Dieser freie Wettbewerb ist die Urszene jeder Debatte und die Sippe womöglich der letzte Schutzraum, in dem sie noch ohne Anfeindungen geprobt werden kann – und sei es auch nur mit dem Ergebnis, dass danach der Umgangston im Alltag für eine Weile ein verhaltenerer, friedlicherer ist.

Die Energie für diese Debatten ist da, nur vergeuden wir sie traditionell im mühseligen Aufrechterhalten von Fassaden. Investieren wir sie lieber in ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Wir müssen nicht auf Political Correctness pochen, wenn es auch das Beharren auf den altmodischen Anstand tut. Wir können uns sogar der christlichen Zumutung entziehen, unseren Nächsten lieben zu müssen. Verständnis reicht, und über allen Tannenwipfeln ist Waffenruh.