Die Gedenkstätte Buchenwald hat Björn Höcke ausgeladen. Er darf am heutigen Gedenktag zum 72. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nicht teilnehmen. Höckes jüngste Rede hat vor einigen Tagen für Aufregung gesorgt, obwohl sie wenig überraschend war. Die vielen Kommentare lassen sich nicht mit seiner rechtsradikalen Weltanschauung erklären, die war bekannt. Es war das Symbol, an dem Höcke sich abarbeitete: das Berliner Holocaust-Mahnmal. 

Höcke und seine Anhänger glauben, dass die Erinnerung an den Nationalsozialismus den deutschen Nationalstolz schwächen würde. Das Gegenteil ist richtig: Über mangelndes Selbstbewusstsein können sich die Deutschen 2017 nicht beklagen, und das liegt auch am Berliner Mahnmal. Es gibt den Deutschen das Gefühl, eine geläuterte Nation zu sein, die nun Europa und die Welt führen dürfe. Ein neuer deutscher Patriotismus. 

Natürlich stimmt es, dass der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte heute besser ist als in vielen anderen Ländern. Italien hat seinen Faschismus wenig aufgearbeitet, ebenso wie Frankreich seine Kolonialgeschichte und die Amerikaner die Verbrechen an Indigenen.

Diesen Fortschritt festzustellen und sich über ihn zu freuen, ist noch kein Problem. Darauf stolz zu sein aber schon. Der neue deutsche Patriotismus zeigt sich in vielen Reaktionen auf Höckes Rede, besonders deutlich wird er in einem Essay in der Süddeutschen Zeitung: Die Autorin Kia Vahland fordert, man dürfe es nicht Höcke überlassen, aus der Erinnerungspolitik "eine große Erzählung zu machen", und fordert Merkel und Seehofer dazu auf, mit dieser Erfolgsgeschichte Wahlkampf zu machen. Selbst die deutsche Wirtschaft profitiere von der Aufarbeitung: "Deutschland wäre kaum Exportweltmeister, würde das Land immer noch Anlass zu internationalem Misstrauen geben." Der "Mut zum Eingeständnis" habe aus Deutschland einen globalen Sehnsuchtsort gemacht.

Deutschland, Gedenkweltmeister der Herzen

Man könnte es sich nun leicht machen und die Vorstellung lustig finden, dass syrische Flüchtlinge in Boote steigen, um das Holocaust-Mahnmal zu besichtigen. Man könnte auch mit Photoshop CDU-Plakate basteln mit dem Slogan "Deutschland, Gedenkweltmeister der Herzen".

Nur: Lustig ist der neue deutsche Patriotismus nicht. Der Gedenkstolz ist nicht nur rhetorisch fragwürdig, er bestimmt auch ganz praktisch die deutsche Politik. Längst instrumentalisieren Politiker aller Parteien die Aufarbeitung deutscher Schuld für ihre Interessen. Joschka Fischer begründete den Kosovo-Krieg mit Auschwitz, und auch der scheidende Bundespräsident Gauck wollte, dass Deutschland außenpolitisch und militärisch mehr Verantwortung übernimmt und begründete dies mit der deutschen Geschichte. 

In seiner Rede zur Münchner Sicherheitskonferenz 2014 sagte er: "Ich muss wohl sehen, dass es bei uns – neben aufrichtigen Pazifisten – jene gibt, die Deutschlands historische Schuld benutzen, um dahinter Weltabgewandtheit oder Bequemlichkeit zu verstecken." Gauck leitet das neue deutsche Selbstverständnis aus der erfolgreichen Erinnerungspolitik ab. "Nicht weil wir die deutsche Nation sind, dürfen wir vertrauen, sondern weil wir diese deutsche Nation sind." Die Nachkriegsgenerationen hätten noch gute Gründe gehabt, misstrauisch zu sein gegenüber der deutschen Staatlichkeit und der deutschen Gesellschaft. "Aber die Zeit dieses ganz grundsätzlichen Misstrauens, sie ist vorüber."

Nun, drei Jahre und einen globalen Rechtsruck später, stellt sich die Frage, ob dieses Misstrauen nicht doch angebracht ist. Ist es im Angesicht der AfD und der Zunahme rechter Gewalt ratsam, das Misstrauen gegenüber Deutschland aufzugeben, weil wir angeblich Auschwitz so gut aufgearbeitet haben?

Wenn es tatsächlich um humanitäre Verantwortung geht, ist der Verweis auf die Geschichte löblich. Doch viele Deutsche beziehen sich nur dann auf Auschwitz, wenn es ihnen gerade passt. Nimmt man die Geschichte aber ernst, sollte die Frage erlaubt sein, warum Deutschland im vergangenen Jahr seine Grenzen für Flüchtlinge weitgehend geschlossen hat, so wie viele Länder ihre Grenzen 1938 für jüdische Flüchtlinge schlossen. Wer sich auf Auschwitz berufen will, um eine schlagkräftigere Außenpolitik zu legitimieren, muss auch seine Asylpolitik daran messen. Sonst wird das Gedenken instrumentalisiert und entwertet.

Bitte die Hausordnung einhalten

Die Debatte um das Berliner Mahnmal zeigt, dass es den Deutschen in ihrem Gedenken selten um die Opfer, sondern meistens um sich selbst geht. Am Freitag findet am Mahnmal eine Mahnwache von Überlebenden statt. Bis heute erhalten einige Opfer der Nazis keine sogenannten Ghettorenten. Statt über das Mahnmal zu streiten, statt stolz auf Deutschland und seine Erinnerungskultur zu sein, könnte man sich zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mal wieder den Überlebenden zuwenden. Das wäre Gedenken, das sich nicht nur um sich selbst dreht.

Man könnte auch sagen: Wer morgens auf einer Stele Yoga oder einen Handstand macht und abends einem Flüchtling bei seinem Asylantrag hilft, hat die deutsche Geschichte besser verstanden als Horst Seehofer, der in Dachau einen Kranz niederlegt und dann eine Obergrenze für Flüchtlinge fordert. Abgesehen davon, dass Seehofer nicht der Typ für Yoga ist.

Wie sehr heute noch um die deutsche Vergangenheit gerungen wird, zeigen mehrere Veröffentlichungen der vergangenen Wochen. Am Tag nach Höckes Rede veröffentlichte der deutsch-israelische Satiriker und Autor Shahak Shapira ein Kunstprojekt mit dem Titel Yolocaust (das er mittlerweile beendet hat). Es zeigte Fotos von Besuchern des Mahnmals, die gute Laune haben. Fuhr man mit der Maus über die Bilder, wurden die Stelen ausgeblendet und Bilder aus Vernichtungslagern gezeigt: Eine Frau im Handstand balancierte nun auf einem Leichenberg, ein junger Mann jonglierte in einem Massengrab. Yolocaust wurde tausendfach geteilt, die Collagen haben viele angesprochen. Ob das eine gute Sache ist?

Offenbar haben die vielen Deutschen, die Yolocaust geteilt und gelikt haben, eine genaue Vorstellung davon, was richtiges Gedenken ist. Wer die Hausordnung nicht einhält, darf bloßgestellt werden. Jeder, der die Seite teilte, beteiligte sich daran gern. Ein Klick auf den Teilen-Knopf zeigte: Ich habe verstanden. Die mühsame Arbeit, zu erklären, was angemessenes Verhalten ist, machte sich keiner.

Rentenansprüche von Überlebenden? Nur nicht die Party stören

Das Mahnmal ist weder ein Friedhof noch steht es an einem Ort der Vernichtung. Es wurde bewusst abstrakt und offen gehalten. Ursprünglich war es anders geplant: Hohe Stelen, die bis an die Straße reichen, sollten auffallen und stören. Jetzt aber ist das Stelenfeld harmonisch eingebettet ins Berliner Regierungsviertel. Es gibt, anders als bei Gedenkstätten an Vernichtungslagern, keinen Ein- und Ausgang, keine Schleuse, die für den Besucher die Bedeutung des Ortes deutlich macht. Der Tourist, der hier ein Foto von sich macht, handelt also nicht zwangsläufig unsensibel, sondern möglicherweise schlicht unwissend. Vielleicht hat er den Ort einfach besser verstanden als Höcke und Shapira: als Fototermin, als Selfie der #Bundesrepublik. 

Wie deutsch es ist, ein richtiges Gedenken zu verlangen und anderes zu verbieten, zeigen zwei aktuelle Filme aus Deutschland und Israel. In Die Blumen von Gestern spielt Lars Eidinger den Holocaustforscher Totila Blumen, der zu Wutausbrüchen neigt. In einer Szene hat die neue Mitarbeiterin im Forschungszentrum zum Einstand Essen mitgebracht. Als alle Mitarbeiter in ihre Würste beißen, staucht Blumen die Kollegen zusammen: Wie könnten sie nur unter einem Bild der Bahngleise nach Auschwitz essen! Später sagt er noch: "Ich bin Holocaustforscher, ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein." Ein Zitat, das auch Björn Höcke gefallen würde. Dabei soll Erinnerungskultur kein schlechtes Gewissen machen, sondern aufklären.

Dass zeitgemäße Erinnerungskultur auch anders aussehen kann, zeigt ein israelischer Dokumentarfilm. Uploading Holocaust (abrufbar in der Mediathek des RBB) besteht ausschließlich aus YouTube-Videos, die israelische Schüler auf ihren Klassenreisen in Polen aufgenommen haben. Sie zeigen Jugendliche, die herumalbern und in der Gedenkstätte von Majdanek eine Schneeballschlacht veranstalten. In einer anderen Szene fragt ein Schüler im Selbstgespräch mit seinem Smartphone, ob er betroffen genug ist: "Es tut mir leid, ich spüre es nicht! Ist etwas falsch mit mir?" So widersprüchlich und verschieden, unpassend und komisch kann Gedenken sein. Statt sich mit Benimmregeln zu beschäftigen, könnten die Deutschen auch mal die lebenden Juden fragen, wie sie sich ein Gedenken vorstellen.

Aber, so zynisch das ist: Mit gutem Gewissen auf eine Erinnerungskultur stolz zu sein, ist einfacher, als über die Rentenansprüche von Überlebenden oder die neuen Opfer von Krieg und Verfolgung zu reden. Die würden die Party nur stören.