Seit einigen Jahren grassiert eine Behauptung, die offenbar vielen Menschen einleuchtet: Die politische Korrektheit, heißt es, habe Sprechverbote aufgestellt, gegen die man sich zur Wehr setzen müsse.

Folgt man dieser Behauptung, scheint sich die öffentliche Diskussion derzeit entlang einer Konfliktlinie zwischen ideologisch motivierten Moralisten und den Verteidigern der freien Rede zu bewegen. Allerdings zeigt schon die Gegenüberstellung an, dass es sich um eine Erzählung derer handelt, die sich gegen die Verbote der politischen Korrektheit meinen wehren zu müssen: Andere wollten festlegen, was gesagt werden darf und was nicht; man selbst verteidige sich nur gegen diese moralistische Repression. Die Erzählung ist nicht immer falsch. Aber sie ist deswegen noch lange nicht immer richtig.

Dieses Muster ließ sich gerade an der Diskussion um den Artikel beobachten, in dem die Grünen-Politikerin Simone Peter auf die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2016 reagierte. Sie trifft dort eine abwägende und eine kategorische Aussage. Einerseits, so Peter, stelle sich, trotz eines erfolgreichen Polizeieinsatzes, "die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1.000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden". Andererseits lehnt sie die Bezeichnung 'Nafri' als "herabwürdigend[e] Gruppenbezeichnun[g]" und als "völlig inakzeptabel" ab. Frau Peter spricht als Politikerin, also als Vertreterin einer Partei, die eine bestimmte Vorstellung von unserer Gesellschaft hat. Ihre Aussagen sind demnach Angebote, die man annehmen oder auch ablehnen kann.

Auffällig – und interessanter als die Aussagen selbst – ist nun, wie Peters Kritiker auf ihre Aussagen reagieren. In vielen dieser Reaktionen, etwa bei Facebook, werden nämlich Sprechverbote aufgestellt. Frau Peter wird, offenbar von einem moralisch überlegeneren Standpunkt aus, aufgefordert, sich für ihre Meinung zu schämen. Sie sei eine "Schande für Deutschland". Ihre Aussagen sind, aus Sicht der Kommentatoren, "unqualifiziert" und "weltfremd". Das setzt freilich voraus, dass diese Kommentatoren festzulegen haben, welche Aussagen "qualifiziert" sind und welche nicht, welche mit der Welt zu tun haben und welche ihr fremd bleiben. Weil die Kommentatoren das offenbar einfach bestimmen können, wird Frau Peter ein "fehlendes Rückgrat" und "Dummheit" attestiert. Et cetera.

Die Kritiker von Frau Peter tun also genau dasselbe, was die Kritiker der politischen Korrektheit beklagen: Sie reißen Aussagen aus dem Kontext, unterstellen dem Gesagten eine bestimmte Haltung, grenzen sich von dem Unterstellten ab. Sie setzen die aussagende Person Hohn und Spott oder moralischer Verdammung aus. Unter Peters Facebookbeitrag kann man Hunderten Menschen dabei zusehen, wie sie sich in die Pose der moralischen Überlegenheit werfen. Die Politikerin, so kann man nach der Lektüre dieser Kommentare feststellen, hat sich offensichtlich politisch unkorrekt verhalten – und wird dafür nun auf schärfste Weise zur Rechenschaft gezogen.

Es geht in dieser Beobachtung nicht darum, Frau Peters Aussage inhaltlich zu verteidigen. Die Debatte um ihre Äußerung steht aber exemplarisch für eine Entwicklung unserer demokratischen Debattenkultur.

Demokratie als Konflikt unter Gleichen

Diese Kultur setzt voraus, dass wir, bei allen sonstigen Unterschieden, stets etwas gemeinsam haben, wenn wir miteinander sprechen. Zum Beispiel nehmen wir das Recht in Anspruch, an einer Debatte teilzunehmen. Wir äußern unsere Meinung in dieser Debatte und wollen, dass sie von anderen anerkannt wird. Wir formulieren Gegenargumente und erwarten, dass diese Argumente ernst genommen werden. Demokratie basiert auf dieser Übereinkunft, die wir durch unser Handeln immer wieder bestätigen können. Bei allem notwendigen und freien Dissens, bei aller politischen Uneinigkeit setzen wir stets den Rahmen voraus, der diesen freien Dissens und diese Uneinigkeit erst ermöglicht.

Demokratische Auseinandersetzung ist Konflikt unter Gleichen. Sie beruht daher auf dem stillschweigenden Gebot, dass man anderen in der Debatte nichts vorzuschreiben hat. Wer politische Korrektheit beklagt, nimmt dieses Gebot in Anspruch: "Du hast nicht das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich zu sprechen oder zu denken habe." Wer sich selbst die höheren moralischen Rechte verleiht, wer von sich selbst behauptet, die eigene Wahrnehmung sei "die Realität", der beendet die Debatte, bevor sie begonnen hat.

Das Problem an dieser Inanspruchnahme ist nur: Sie verpflichtet ihren Anwender. Derjenige, der andere dafür anklagt, ihm etwas vorschreiben zu wollen, sollte das nicht selbst tun. Sonst müsste seine Klage ja auch seine eigene Praxis betreffen. Wer bei anderen etwas beklagt, was er selbst tut, der misst offenbar mit zweierlei Maß. Indem er dasselbe bei anderen ablehnt, was er selbst in Anspruch nimmt, widerspricht er sich.

Ebenso wie der Vorwurf der politischen Korrektheit hatte auch dieser Vorwurf eines doppelten Standards in den letzten Jahren Konjunktur. Das zeigt sich etwa am Begriff des "Gutmenschen". Ein "Gutmensch" hat hohe moralische Ansprüche, vor allem an andere. Dabei, so der Vorwurf, entpuppt er sich als Heuchler, der sich selbst nicht an seine eigenen moralischen Regeln hält. Bei einem solchen Diskursteilnehmer wird entsprechend ganz genau auf Konsistenz geachtet. Jede Abweichung wird, oft mit Genugtuung, registriert und verbreitet. Solche Belege für doppelte Standards sind sehr beliebt – so sehr, dass man sich fragt, ob derjenige, der sie erhebt, eigentlich weiß, wozu er sich selbst damit verpflichtet.

Natürlich lässt sich dieses Vorgehen auch zu einem Selbstläufer machen. Setzt man zum Beispiel voraus, dass ein Einzelner sich immer und jederzeit tadellos verhalten muss, dann ist der Nachweis eines doppelten Standards so gut wie garantiert. Denn wer wäre schon auf diese Weise moralisch perfekt? Doch was ist da eigentlich genau der Maßstab, an dem gemessen wird? Genau: Eine höchst anspruchsvolle Moral, der man zu genügen hat. So schnell kann aus jemandem, der "Gutmenschen" wegen ihrer Heuchelei kritisiert, selbst ein Gutmensch werden.

Genauso leicht lässt sich der doppelte Standard mithilfe von Unterstellungen automatisieren. Unterstellt man, dass der Gegner für sich selbst solche hohen moralischen Standards annimmt, ist es ein Leichtes, ihm zu zeigen, dass er falsch liegt. Je beliebiger der Maßstab, desto sicherer die Abweichung, die man beklagen kann. Genau in diesem Moment wird der Kritiker aber selbst zu dem, was er kritisiert. Er wirft dem anderen einen doppelten Standard vor – und begeht dabei selbst einen.