Es war eine linke Rede. Eine, die von Teilhabe und Aufstieg handelte und die natürlich auch ein wenig die eigenen Leistungen hervorhob. Aber immer nur solche, die inhaltlich passten. Die Aufwertung des Studiums, indem man den Tag der Immatrikulation als National College Signing Day zelebriert. Oder die ständigen Anrufe bei Popstars, ob man bildungspolitisch nicht gemeinsam was auf die Beine stellen könne ("can you come, can we sing, can we rap?"), weil ohne die nötige credibility nichts läuft.

Michelle Obamas letzte öffentliche Rede als First Lady handelte nicht von Trump, nicht vom drohenden Verlust der Demokratie, nicht von der gespaltenen Gesellschaft. Sie handelte nicht davon was war. Sondern was möglich ist. Nicht ein einziger Halbsatz aus dem politischen Repertoire der Hassenden wurde zitiert, kommentiert, gar aufgenommen oder zurechtgerückt. Die First Lady ging über all das, was gerade in den USA und weltweit vor sich geht, einfach so hinweg. Im Grunde genommen sagte sie nur einen Satz: "Ihr, die ihr gerade diffamiert und gegeneinander in Stellung gebracht werdet, hört auf all das nicht, geht zur Schule und findet euren eigenen Weg!"

Das hörte sich so an:

Wenn ihr oder eure Eltern Immigranten seid, wisset, dass ihr Teil einer stolzen, amerikanischen Tradition seid. Die Verschmelzung neuer Kulturen, unterschiedlicher Talente und Ideen Generationen über Generationen hat uns zur größten Nation auf der Erde gemacht. Wenn eure Familie nicht viel Geld besitzt, dann möchte ich euch daran erinnern, dass in diesem Land eine Menge Leute – einschließlich meiner und meines Ehemanns – mit ganz wenig begonnen haben.

Oder so:

Wenn ihr gläubig seid, dann wisset auch, dass religiöse Vielfalt eine große amerikanische Tradition ist. Darin liegt der Ursprung, weshalb Menschen in dieses Land kamen, nämlich um in Freiheit glauben zu können. Ganz gleich ob ihr Muslims, Juden, Hindus oder Sikhs seid: Diese Religionen erzählen etwas über Gerechtigkeit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Lebt diese Werte mit Stolz.

Und so:

An die jungen Leute hier und da draußen: Lasst nicht zu, dass irgendjemand euch das Gefühl gibt, dass ihr nicht zählt oder dass ihr keinen Platz in unserer amerikanischen Geschichte habt, denn das habt ihr. Ihr habt das Recht, exakt die zu sein, die ihr seid.

Wenn die Tochter eines einfachen Mannes, der bei den staatlichen Wasserwerken beschäftigt war, es ins Weiße Haus schaffen kann, heißt die Botschaft "Mach mit!" Teilhabe sagt man dazu im deutschen Diskurs. "Bildung für alle" hieß es mal, als Willy Brandt Kanzler war und das Bafög eingeführte wurde.

Das Gegenteil von Resignation

Michelle Obama adressierte ihren letzten Auftritt aus dem Weißen Haus an junge Menschen und betonte damit den Aspekt, dass etwas Neues und Besseres immer möglich ist. Es ist das Gegenteil von Resignation. Das Gegenteil davon, sich mit den politischen, sozialen oder gesellschaftlichen Verhältnissen abzufinden. Gestalten, verändern, anpacken, selten hat eine so banale Losung derart provoziert. In der amerikanischen Variante von "Wir schaffen das!" stecken ja immer zwei Botschaften drin. In den USA provozierte das "we" im "Yes, we can". In Deutschland und Europa las man in dem Wort "schaffen" die konkrete Kampfansage.

Es ist eigentlich die Spezialität der Linken, junge Leute zu mobilisieren, ihnen Lust auf Zusammenhalt zu machen, darauf, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, und sie immer wieder anzuspornen, sich nicht klein und machtlos zu fühlen. Empowerment ist das Schlagwort dazu.

Vielleicht wirken Äußerungen von Linken deshalb so verstörend, wenn sie sich im autoritären Ton vergreifen, wenn sie in Gutsherrenart außer Angstmache nichts mehr im Repertoire haben. Weil es die klassischen Ingredienzen der Reaktionäre sind. Dass die CSU das AfD-Getue imitiert, ist zwar dumm, aber verständlich, was aber haben Politikerinnen wie Sahra Wagenknecht in diesem Morast zu suchen? Wenn die sogenannte Merkel-Politik so ein staatsgefährdender Mist ist, wie es Wagenknecht hoch und runter knattert, müsste doch gerade die Linke massenhaft Zulauf bekommen? Tut sie aber nicht. Es ist die AfD, die wächst.

Was unterscheidet die AfD von allen anderen Parteien? Es ist ihr offen propagierter Rassismus, ihre Lust am Völkischen und der Kampf gegen Minderheiten und Schutzbedürftige. Dagegen kann man nur antreten, wenn man etwas im Gepäck hat, das mehr Glamour und Sexappeal in sich trägt als Menschenhass.

Mischmasch an Kulturen und Zugehörigkeiten

Michelle Obama hat nicht das Naheliegende gemacht. Sie hat nicht eine Silbe aus der politischen oder rhetorischen Agenda der politischen Gegner gepickt. Sie hat ihre (eigene) Agenda propagiert. Sie sagte nicht, da draußen sind eine Menge Feinde, nein, sie erinnert daran, dass zu einer Gesellschaft alle gehören und dass der erste Schritt zum Wandel, immer ein Schritt ist, den man vor allem selbst tätigen muss. Das kann einem keine Partei abnehmen, aber eine Partei kann diese Vision zum politischen Programm erklären.

Gerade in Zeiten des rechts blinkenden Politspektakels wäre es ein Leichtes, immer wieder daran zu erinnern, dass die Ursache für gesellschaftliche Unruhe soziale Ungleichheit ist und die wiederum nicht bedingt von Gott, Kultur oder Herkunft ist, weshalb man immer etwas tun kann. Aber nicht, indem man Gesellschaft als eine Ansammlung von solchen und anderen begreift, sondern als eine Gruppe von verschiedenen, die, wie Michelle Obama sagt, alle dazugehören und zählen.

Wenn die AfD eines Tages mit ihrem völkischen Reload ernst macht, kann man jeden dazu ermuntern, bei Gelegenheit mal in den Spiegel zu gucken. Sollte die AfD in diesem Land irgendwann in der Regierung sitzen, wird Frau Wagenknecht bei künftigen Nafri-Kontrollen auch nur noch den rechten Eingang benutzen dürfen. Dann zählt nur noch die Farbe des Teints, der Augen oder die Herkunft des Vaters.

Eine europäische Erfahrung

Kein Mensch in Deutschland, den USA, Ungarn oder Frankreich wird ein besseres, erfülltes Leben führen, wenn man Flüchtlinge oder andere Gruppen drangsaliert und jeden Tag aufs Neue in Stellung für ideologische Zwecke missbraucht. Wenn die Linke den gleichen Feind zum Feind erklärt wie die Rechte, wird das für die Rechten trotzdem kein Grund sein, die Linken zu wählen. Diese Erfahrung machen alle linken Parteien in ganz Europa.

Habt keine Angst. Hört ihr mich? Habt keine Angst! Seid zielstrebig, seid entschlossen, habt Hoffnung und führt dieses Land. Führt es immer mit Hoffnung und nie mit Angst.

So endete Michelle Obamas Rede. Die Linke, die sich über ihr Verhältnis zu Demokratie, Menschenrechten und Rassismus offenbar nie ernsthaft unterhalten hat, wie sich am Beispiel von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine stets aufs Neue offenbart, kann aus diesen Worten etwas Wichtiges lernen.

Es wird in Deutschland nämlich irgendwann der Tag kommen, an dem die Wähler nicht mehr die größten Angstmacher bei der Stimmabgabe belohnen werden, sondern sich daran erinnern werden, wer sie ermutigte und ihnen die Möglichkeit gab, auf die Uni zu gehen. Der Wähler wird sich daran erinnern, wer für Arbeitsplätze sorgte, wer Lust darauf machte, in diesem Land zu leben und zu bleiben. In einer Welt, die durch Technologie und Fortschritt immer näher zusammenrückt, wird jeder Wähler in seiner Familie bald einen Flüchtling, Homosexuellen, Muslim, Sikh oder Veganer als Familienmitglied kennen oder mit ihm liiert sein und sich genau daran erinnern, wer einem beim Verlassen eines Bahnhofes die linke oder rechte Tür aufhielt. Viele junge Leute wählen auch deshalb nicht rechts außen oder jene, die so reden, weil dieser Mischmasch an Kulturen und Zugehörigkeiten bereits Teil ihres Alltags ist.