Michelle Obama hat nicht das Naheliegende gemacht. Sie hat nicht eine Silbe aus der politischen oder rhetorischen Agenda der politischen Gegner gepickt. Sie hat ihre (eigene) Agenda propagiert. Sie sagte nicht, da draußen sind eine Menge Feinde, nein, sie erinnert daran, dass zu einer Gesellschaft alle gehören und dass der erste Schritt zum Wandel, immer ein Schritt ist, den man vor allem selbst tätigen muss. Das kann einem keine Partei abnehmen, aber eine Partei kann diese Vision zum politischen Programm erklären.

Gerade in Zeiten des rechts blinkenden Politspektakels wäre es ein Leichtes, immer wieder daran zu erinnern, dass die Ursache für gesellschaftliche Unruhe soziale Ungleichheit ist und die wiederum nicht bedingt von Gott, Kultur oder Herkunft ist, weshalb man immer etwas tun kann. Aber nicht, indem man Gesellschaft als eine Ansammlung von solchen und anderen begreift, sondern als eine Gruppe von verschiedenen, die, wie Michelle Obama sagt, alle dazugehören und zählen.

Wenn die AfD eines Tages mit ihrem völkischen Reload ernst macht, kann man jeden dazu ermuntern, bei Gelegenheit mal in den Spiegel zu gucken. Sollte die AfD in diesem Land irgendwann in der Regierung sitzen, wird Frau Wagenknecht bei künftigen Nafri-Kontrollen auch nur noch den rechten Eingang benutzen dürfen. Dann zählt nur noch die Farbe des Teints, der Augen oder die Herkunft des Vaters.

Eine europäische Erfahrung

Kein Mensch in Deutschland, den USA, Ungarn oder Frankreich wird ein besseres, erfülltes Leben führen, wenn man Flüchtlinge oder andere Gruppen drangsaliert und jeden Tag aufs Neue in Stellung für ideologische Zwecke missbraucht. Wenn die Linke den gleichen Feind zum Feind erklärt wie die Rechte, wird das für die Rechten trotzdem kein Grund sein, die Linken zu wählen. Diese Erfahrung machen alle linken Parteien in ganz Europa.

Habt keine Angst. Hört ihr mich? Habt keine Angst! Seid zielstrebig, seid entschlossen, habt Hoffnung und führt dieses Land. Führt es immer mit Hoffnung und nie mit Angst.

So endete Michelle Obamas Rede. Die Linke, die sich über ihr Verhältnis zu Demokratie, Menschenrechten und Rassismus offenbar nie ernsthaft unterhalten hat, wie sich am Beispiel von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine stets aufs Neue offenbart, kann aus diesen Worten etwas Wichtiges lernen.

Es wird in Deutschland nämlich irgendwann der Tag kommen, an dem die Wähler nicht mehr die größten Angstmacher bei der Stimmabgabe belohnen werden, sondern sich daran erinnern werden, wer sie ermutigte und ihnen die Möglichkeit gab, auf die Uni zu gehen. Der Wähler wird sich daran erinnern, wer für Arbeitsplätze sorgte, wer Lust darauf machte, in diesem Land zu leben und zu bleiben. In einer Welt, die durch Technologie und Fortschritt immer näher zusammenrückt, wird jeder Wähler in seiner Familie bald einen Flüchtling, Homosexuellen, Muslim, Sikh oder Veganer als Familienmitglied kennen oder mit ihm liiert sein und sich genau daran erinnern, wer einem beim Verlassen eines Bahnhofes die linke oder rechte Tür aufhielt. Viele junge Leute wählen auch deshalb nicht rechts außen oder jene, die so reden, weil dieser Mischmasch an Kulturen und Zugehörigkeiten bereits Teil ihres Alltags ist.