Die Wahl von Donald Trump war ein Kulturbruch. Nicht bloß, weil mit ihr ein Mann zur mächtigsten Person der Welt aufstieg, dem sein eigener Ghostwriter die "Aufmerksamkeitsspanne eines Dreijährigen" attestierte, sondern weil sich Trump gegen den geballten Widerstand der öffentlichen Meinung durchsetzen konnte. Noch am Wahlabend proklamierte die New York Times mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit Trumps Niederlage – dann konnte der verwunderte Zeitgenosse dem Waterloo der demoskopischen und politischen Intelligenz zuschauen.

Seither herrscht großer Jammer über den Triumph des Ressentiments und der Fake-News, während die eigentliche Lektion dieses Abends in Vergessenheit zu geraten schien: dass wir dem Untergang dessen beigewohnt haben, was als Öffentlichkeit galt. Hieß es früher Video killed the radio star, hat nun das Netz die klassischen Medien aus dem Feld geschlagen. Dabei hätte man vorgewarnt sein können. Schon als der türkische Präsident Erdoğan seinen Putsch mit der Hilfe von Apples FaceTime zu seinen Gunsten zu wenden vermochte, hatte sich dieser Machtwechsel angekündigt – und mit ihm das verstörende Phänomen, dass ein erklärter Feind der Meinungsfreiheit die neuen, vermeintlich emanzipatorischen Kommunikationsverhältnisse zu seinen Gunsten zu nutzen versteht.

Wo die Politik der Repräsentation geherrscht hat, triumphiert die Simulation. Führt uns der Begriff in das Feld der Täuschung hinein, wohnt ihm doch auch eine harte Seite inne. Hier geht es um Computersimulationen, Algorithmen, machine learning-Techniken, kurzum: um das, was unsere Gegenwart ausmacht. Im Unterschied zu den klassischen, "repräsentablen" Medien erzeugt das Gewebe des Netzes eine sehr viel dichtere Spannung. Da jeder mit jedem verbunden ist (Peer-to-peer), kann ein lebendiges Kommunikationsnetz von 3.000 Menschen eine größere Medienwirksamkeit als die auflagenstärkste Zeitung erreichen – ein Faktum, das die Wirksamkeit der Filterblasen erklärt.

Und weil die Nutzung der Medienoberfläche längst ein Kinderspiel ist, macht sich das ehedem zum Zuschauen verdammte Volk in basisdemokratischer Selbstermächtigungsgeste bemerkbar: Das Mündel will Vormund sein. Haben die Beobachter diesen Wandel bislang mit dem Rubrum der Zivilgesellschaft belegt, werden sie nun mit den Gärungen einer Volksseele konfrontiert, die mit dem schmeichelhaften Selbstbild einer aufgeklärten, weltoffenen Zivilgesellschaft wenig zu tun haben. Dabei beruht die neue Mündigkeit auf einer geradezu obsessiven Nutzung jener Medien, deren Folgen man erbittert beklagt (Globalisierung, Jobverlust, allgemeine Verunsicherung, etc.). Insofern wäre der allgegenwärtige Schlachtruf "Wir sind das Volk" als gleichermaßen paradoxes wie schizophrenes "Protect me from what I want" zu übersetzen. Wollen sich die Tatsachen dem Weltbild nicht fügen – umso schlimmer für die Tatsachen!

Warum sollte, wo sich alles verflüssigt, die Wahrheit davon ausgenommen sein? Warum nicht einem Foto eine andere Überschrift verpassen oder Hillary Clinton zur Meisterin eines Kinderpornorings zu erklären? Make America great again! Mögen derlei Wünsche gestrig-allzugestrig erscheinen, sind sie, medial betrachtet, ein überaus modernes Phänomen – umso mehr, als die virale Logik des Netzes die besonders eingängigen, einfältigen Botschaften mit einem Übermaß an Aufmerksamkeit belohnt. Wandelnde Selfies, überlebensgroß – so wirken die Propheten der Vergangenheit sehr viel zeitgeistiger als die Repräsentanten des Establishments, die dem anschwellenden Bocksgesang mit wachsender Hilflosigkeit begegnen. Verschanzt man sich hier hinter den Symbolen der Macht, sucht man die hässliche Realität unter einem Schwall von Leer- und Beruhigungsformeln zu ersticken: der Staatsmann, zur Gouvernante geschrumpft.

Moralpredigten und Wutgeheul

Weil Regierung und Regierte, wie zwei Spiegel, in einer komplementären Realitätsverleugnung einander gegenüber stehen, löst sich das Politische auf, kann die Moralpredigt das Wutgeheul nur weiter anschwellen lassen. Und nicht zufällig wird das Netz zum Anlass einer Debatte, hat sich doch auch in Regierungskreisen herumgesprochen, dass man es hier nicht mit einem Kinderspielplatz zu tun hat, auf dem Piraten und andere Kindsköpfe herumtollen, sondern um einen politischen Raum, eine fünfte Gewalt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verlangen viele die Sanktionierung von Hatespeech, Beleidigung und Volksverhetzung, ebenso wie man die Verbreitung von Falschinformationen unter Strafe stellen möchte.

Naturgemäß geraten hier die Betreiber der Social-Media-Plattformen ins Visier. So werden Ansprüche geltend gemacht, die Algorithmen der Plattformen zu überwachen, ja, die Betreiber für das Fehlverhalten ihrer Nutzer in Haftung zu nehmen. Bedenklich aber wird es, wenn der Justizminister von einer Task Force fabuliert, die den allüberall hervorquellenden Unrat zu beseitigen verspricht. Ganz abgesehen davon, dass diese ministerielle Spezialeinheit keine Rechtsform besitzt, sondern auf einen Gesprächskreis hinausläuft, in dem der Minister seine Wünsche darlegt, verwandelt sich die bei vielfältigen Gelegenheiten so machtvoll unter Beweis gestellte IT-Impotenz des Staates zur Drohung – werden die Konzerne doch dazu angehalten, ihrerseits prophylaktisch tätig zu werden.

Von welcher Art die ministeriellen Forderungen sind, lässt sich studieren, wenn man Heiko Maas' Katalog digitaler Grundrechte studiert, die vom Recht aufs Vergessenwerden bis zur Forderung reichen, dass "kein Mensch […] zum Objekt eines Algorithmus werden" darf. Wäre dies ein Anlass, zuallererst den eigenen Twitteraccount abzuschaffen, liefe ein solches "digitales Grundrecht", ernst genommen, auf das Verbot der Sozialen Medien hinaus. Wenn die Nutzer Facebooks Lizenzbestimmungen unterschreiben, betreten sie eine privatwirtschaftliche Zone, bei der sie dem Konzern im Gegenzug für die kostenlose Nutzung der Plattform die Verwertung ihrer Daten einräumen.