Mein Sohn ist vier Jahre alt. Er geht in eine Kita, die aus der Kinderladenbewegung der 1970er Jahre entsprang. Auch wenn die meisten Mädchen dort lange Haare haben und die Jungen kurze, wird die Zuschreibung von Geschlechterrollen nicht sonderlich vorangetrieben. Eine Weile lang war die liebste Spielgefährtin meines Sohnes ein Mädchen. Das änderte sich schleichend mit dem Merchandising, das eines Tages Einzug in die Kita hielt: Erst kam Star Wars mit seinen Sammelkarten und Laserschwertern, mit "Lars Wader" und "Baby 1", wie die Kinder den Roboter BB-8 aus völlig unklaren Gründen nennen. In vergangenen Sommer kamen dann die golden schimmernden Fußballsammelalben der EM hinzu, und obgleich mein Sohn nie ein Fußballspiel sehen wollte, kannte er die coolsten Spieler. Die ehemals engste Freundin ist Geschichte, weil sie sich wiederum nur noch für Pferde interessiert und mit ihren neuen Freundinnen Springturniere im Garten veranstaltet. Und mir, mir gehen die Vorbilder aus.

Esther Boldt ist Theaterwissenschaftlerin und schreibt als freie Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Medien wie "Theater heute", "taz" und "Nachtkritik". Ein Sammelband über Kritik in der Darstellenden Kunst mit Beiträgen von ihr ist vergangenes Jahr im Alexander Verlag Berlin erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Harald Schröder

Denn es sind nicht nur Kindermode und Spielzeug in Farbe und Design radikal gegendert, sodass es für Jungs nur Blau, Grau und Grün gibt und für Mädchen nur Rosa-Rüschiges und Psychedelisch-Glitzerndes. Auch die heißgeliebten Kinderbuchhelden im Bücherregal sind fast ausnahmslos männlich: Ritter Rost, Drache Kokosnuss, Petterson und Findus und Baumeister Bob. Sie sind Abenteurer, die in unbekannte Lande aufbrechen, Gespenstern, Fabelwesen und Piraten standhalten, oder wenigstens Helden des Alltags, die mutig Füchse vertreiben und Spielplätze bauen. An männlichen Vorbildern, die Herausforderungen mit Witz und Cleverness meistern, mangelt es nicht.

Weibliche Hauptfiguren sind allerdings rar – im politisch korrekten Glücksfall darf die beste Freundin des Helden ein Mädchen sein. Diese weiblichen Figuren sind Sidekicks, sie dienen als Stimme der Vernunft, Haushälterin, Mama-Ersatz und Notnagel. Während Mütter und Väter in Sachen Haushalt und Fürsorge um Gleichberechtigung ringen, während die geschlechtergetrennten Verhältnisse durch politische wie mediale Diskurse, durch Elterngeld und Gleichstellungsgesetze sukzessive verändert werden sollen, während in den USA über eine Unisextoilette diskutiert wird und im Iran Männer aus Protest Kopftuch tragen, sind die Verhältnisse in der Bilderbuchwelt meines Sohnes nach traditionellen Gesichtspunkten geordnet. Die Dominanz der männlichen Figuren setzt sich sogar im ausgesprochen Fantastischen fort, bei den Monstern und Puppen der öffentlich-rechtlichen Sesamstraße beispielsweise oder im Tierreich des Raben Socke, wo alle Figuren Jungs sind bis auf Frau Dachs, die in der weitgehend elternlosen Bande irgendwie als Kindergärtnerin fungiert.

Rosa ist nicht immer rosig

Ich hätte gern ein paar solide weibliche Heldinnen für meine Jungs, denn ja, im vergangenen Jahr habe ich noch einen Sohn bekommen – und wurde dafür bereits in der Schwangerschaft mit mitleidigen Blicken versehen. In welch paradoxer Gesellschaft leben wir, die immer noch tiefgreifend patriarchal geprägt ist, in der Söhne aber als gesellschaftliche Problemfälle wahrgenommen werden und als Verlierer unseres Bildungssystems gelten, wie Soziologen es behaupten? Auch ich ertappe mich bisweilen dabei, versonnen Mädchen in bunten Kleidchen anzuschauen, um mir vorzustellen, dass das Leben mit ihnen doch sicherlich viel konfliktärmer wäre – nur um mich im nächsten Moment für den Gedanken in Grund und Boden zu schämen und mir von befreundeten Eltern versichern zu lassen, dass keinesfalls alles rosig ist, was Rosa trägt.

Auch in der Kinderbuchwelt war es schließlich einmal anders: Es gab Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter, die Rote Zora und Momo. Mädchen, die Banden anführten, Räuber und Polizisten nach Strich und Faden an der Nase herumführten und die gruseligen grauen Herren besiegten. Nur ist diesen Büchern ihr jeweiliger historischer Kontext eben auch sehr deutlich anzulesen. Im heutigen Neoliberalismus wirken die grauen Herren, diese Schreckgespenster des entmenschlichten Kapitalismus der frühen 1970er Jahre, doch reichlich seltsam. Und Pippi Langstrumpfs Autonomie und Widerspenstigkeit hat viel mit der Kolonialgeschichte der 1940er Jahre zu tun, mitsamt ihren Südsee- und Goldrauschträumen. 

Nicht einmal unsere Kindheit sah so aus

Nachgewachsen sind Pippi & Co. kaum Heldinnen, die es mit ihnen aufnehmen können an Mut, Witz und der für gute Kinderbücher unabdingbaren großen Prise Anarchie. Natürlich gibt es auch heute eine Handvoll Versuche, neue Figurenkonstellationen zu erfinden und mit ihnen neue Narrative für die Gegenwart. So hat beispielsweise die Autorin Kirsten Boie die überaus mutige und kluge Thekla erfunden, als beste Freundin des Kleinen Ritter Trenk – doch Titelheld bleibt ein Junge. Ein anderer Ansatz ist Boies Straßenkindergang aus dem Möwenweg, in der sich die Jungs, und bisweilen auch ihre Väter, äußerst trottelig anstellen, während die Mädchen den Laden schmeißen.

Abwarten, wie mein Großer sich auf diese Art von Rollenverständnis beziehen wird. Ich jedenfalls werde weiter nach Heldinnen fahnden. Schließlich sind Eltern doch verantwortlich dafür, dass die mühsam errungene Teilemanzipation nicht bei uns endet. Und dass wir unsere Kinder nicht in eine Welt aus Blau und Rosa drängen, wie sie nicht einmal in unseren eigenen Kindertagen ausgesehen hat, sondern dass wir sie sein lassen, was sie möchten. Freund und Freundin beispielsweise.