1. Ich mag den Verkehr hier. Wenn er denn rollt, ist er sportlich und schnell, wie aus einer Draufsicht von einem klugen Spaßvogel gesteuert, der nur ab und an doch den Überblick oder das Interesse verliert: präzise Choreografien einbiegender, abbiegender Autos, denen Fußgänger nicht ein Ärgernis sind, das gefälligst nichts auf der Straße zu suchen hat, sondern gleichberechtigte Mitmenschen. Man fährt hier gemeinsam, ist unterwegs wie ein sich mittels feiner Kommunikation organisierender Vogelschwarm, man will manchmal schneller als die anderen sein, weil nichts dagegen spricht, am schnellsten sein zu wollen und fährt an anderen Tagen oder späten Abenden langsamer als die anderen am Fahrbahnrand, damit alle, die weniger getrunken haben, bequem vorbeikommen. Man hupt nie, um zu sagen: Du hast deinen Führerschein wohl im Lotto gewonnen. Sie wird sich resozialisieren müssen, sagt die Bekannte, die nach einigen Jahren Rom bald wieder in Deutschland fahren wird.

Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, ist Schriftstellerin, Übersetzerin sowie Mitherausgeberin der Heftreihe "Lücken kann man lesen". Zuletzt erschien ihr Reportage-Roman "Saisonarbeit" (2014). 2016/17 ist sie Stipendiatin der Villa Massimo Rom. Sie lebt in Leipzig und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Adrian Sauer

2. Ich mag die Kirchen, die Vielzahl und Vielfalt. In den ersten Monaten hier habe ich oft in Kirchen gesessen, manchmal im Beisein von Touristen, meistens in der Gesellschaft von Nonnen aus verschiedenen Ländern und Orden. Meine Lieblingskirche ist die etliche Meter unter der Straßenebene liegende San Vitale: Sie ist so dunkel, dass ich mich beim ersten Besuch, von der sonnigen und lauten Via Nazionale kommend, kaum hineinwagte. Ich überwand meine Furcht und hatte dann den Raum für mich allein. An diesem Morgen, an dem ich mich in der Kirche eigentlich im Warmen auf den Sprachunterricht hatte vorbereiten wollen, überkam mich das Bedürfnis, mich doch noch taufen zu lassen. Ich plante, meinen Mitschüler Leo zu fragen. Leo ist Pfarrer, kann gut auf Italienisch Predigten vorlesen, aber noch nicht gut genug Italienisch sprechen. Ich war auf eine Art Nottaufe im Treppenhaus eine Etage über der Sprachschule aus. Aber als sich die Gelegenheit bot, fragte ich doch nicht, ging stattdessen mit Leo und Marcial, einem angehenden Pfarrer aus Kamerun, auf die Straße, wir hielten die Gesichter in die Sonne, wärmten uns auf und redeten in einer Mischsprache aus Italienisch, Englisch, Französisch über Kopfschmerzen, Bauchweh und die maroden Fenster der viel zu kalten Sprachschule.

3. Ich mag das Licht. Wie ist es eigentlich? (Alle, die das interessiert, sollen nach Rom kommen, es sich selbst ansehen. Das wäre dann auch ganz im Sinne meines Vorhabens. Siehe 9.) Ich habe jedenfalls noch nie Licht beschrieben, ich glaube, ich bin nicht an Beschreibungen von Licht interessiert. Weder lese ich sie gern, noch schrieb ich je eine. Ich blättere in Rolf Dieter Brinkmanns Rom. Blicke, suche eine Stelle mit Lichtbeschreibung, finde auf Anhieb keine, stattdessen aber diese: "Ist das nicht alles, wenn man es einmal rasch und genau überblickt, erstaunlich und verwirrend und gar nicht in Begriffe zu fassen?" (Ja, ich finde schon.)

4. Ich mag den Lärm in Rom. Das Hupen (natürlich), die Musik in der Metrostation (sehr laut), die Musik in den Geschäften (noch viel lauter!). Ich bin auf eine frische, mir bisher unbekannte Art verknallt in Lärm, ein Gefühl, das in den nächsten Wochen vermutlich schwinden wird. Dieser Lärm, der mich keinen einzigen Gedanken halten lässt, aber sei's drum, imponiert mir. Etwas in mir steht inmitten allen Lärms herum und freut sich wie verrückt darüber, dass hier dermaßen viele Orte, Menschen, Geräte wirklich so unglaublich laut sind.

5. Ich mag die Nähe zum Mittelmeer. Eine Woche vor Weihnachten saßen wir auf der Balustrade einer schon für den Winter geschlossenen Bar, Strumpfhosen oder lange Unterhosen unter den Jeans, aber es war warm wie im Frühling. Wir tranken Bier, die Kinder spielten auf dem Tretboot mit Rutsche, das hinter der Balustrade abgestellt war. Auf dem Rückweg begegneten wir Männern, die sich eine sehr große Murmelbahn angelegt hatten: mit Berg und dazugehörigem Gipfelkreuz, mit Tunneln und Schanzen. Sie spielten sorgfältig und inbrünstig, behoben kleine Schäden an der Bahn sofort. Ein Tagwerk, mit dem sie erst am späteren Nachmittag begonnen hatten, das Nacht und Wind sich einverleiben würden. Ich brachte das Mittelmeer nicht mit den Nachrichten zusammen, damit, dass es ein Grab ist. Und dabei hatte ich in der letzten Zeit jeden noch so kleinen See nicht betrachten können, ohne an ertrunkene Flüchtlinge zu denken, oder an die, die sich gerade auf den Weg machen und ertrinken oder vielleicht doch nicht, aber was dann. Entgegen meiner Erwartung war das Mittelmeer an diesem Tag ein anderer Ort, sein Strand etwas wie der Schauplatz einer Romanhandlung, die nicht in der Gegenwart spielte.

6. Ich mag, dass die Gegenwart hier ansonsten gegenwärtiger ist.

7. Ich mag das Essen und welche Wichtigkeit es hat (nicht so eine Instagram-Foto-Wichtigkeit). Es würde mich nicht wundern, kämen Verkäufer und Verkäuferinnen ab und an in meine Küche, um zu schauen, ob ich das bei ihnen erworbene Fleisch, Gemüse, was auch immer, wirklich ordnungsgemäß zubereitet und verzehrt habe (wahrscheinlich nicht). Leo erzählte, dass er, als er neu in seiner Pfarrei war, neu in Italien, die Spaghetti vor dem Kochen zerbrochen habe. Man schimpfte mit ihm, konnte diesen Frevel gar nicht fassen. Meine Sprachlehrerin Paola sagte, nirgendwo im Ausland könne sie Pasta essen, niemand verstehe sich auf die richtige Art des Pastakochens. Ich denke beim Pastakochen und -essen immer an Paola, die einfach nicht glauben konnte, dass meine Kinder wirklich Pasta mit Ketchup essen, sie sagte das häufiger, zwar lachend, aber es war ihr sehr ernst. (Mittlerweile mögen die Kinder alle möglichen Saucen, aber gestern nahm sich F die gekauften Ketchupflaschen aus der Tüte, drückte sie an die Brust, trug sie ins Kinderzimmer, schob sie unter das Bett, den Nachtschrank davor und sagte, da dürfe niemand außer ihm ran.)

8. Ich mag all die Schriften an den Wänden: Behalt mich im Herzen. / Achte auf Dein Karma / Ich vermisse Pizza, Carbonara und den Sex mit Dir. / Wer mehr kann, kann weniger. / Vergiss nie, dass ich immer verrückt nach Dir sein werde. Alles lese ich: Amore!

9. Ich mag das Geld. Ich bekomme ein recht üppiges Stipendium. Noch sechsmal, dann ist der Spaß wieder vorbei. Das Geld ist wunderbar. Ich könnte lange vom Geld schwärmen. Es sorgt für Entspannung und Zeit. Alle sollten mindestens so viel Geld haben wie ich. Ich lege mein Münzgeld auf Tresen und in Hände oder werfe es in die Becher oder Kappen derer, die dafür stundenlang herumstehen, ich gebe bettelnden Menschen hier mehr als in Deutschland, mehr als man in Italien zu geben scheint. Wer mich auf der Straße anspricht oder auch nicht und Geld möchte, bekommt Geld von mir. Ich möchte eine Art Geldkanone haben und glauben, dass Geld sich sagenhaft vermehrt, wenn man es großzügig teilt. Man muss, schrieb der gute Freund T, das Geld vom Norden in den Süden schieben; und so ist es. Hier gehört es hin. Ich leiste meine private kleine Entschädigung (vollkommen unauffällig, wenn man aus fünfzig Metern Höhe auf die Erde schaut, leider) beispielsweise für Dublin III, für diese absurde Zuständigkeitsregelung. Ich versuche die mir mögliche, improvisierte und bescheidene Wiedergutmachung dafür, dass manche Länder (zum Beispiel Deutschland), sich an ihrer geografischen Lage gütlich tun und die Verantwortung für die, die immer und immer wieder das Mittelmeer unter Lebensgefahr in katastrophalen Bootsimitationen überqueren, abgeben an Länder, die nun einmal Mittelmeerküsten haben. Ich habe die klägliche Macht der Münzen und kleinen Scheine. Aber irgendwie muss man ja anfangen.