Mein Mann hat Liebeskummer. Nicht meinetwegen. Ich tröste ihn. Er hat sich gerade in eine andere Frau verliebt und möchte diese Beziehung jetzt wieder beenden. Denn: Wir sind ja schon ein Paar, und wohin soll das führen? 

Aber eins nach dem anderen. Mein Mann und ich leben seit 13 Jahren zusammen, seit zehn sind wir verheiratet. Wir haben drei Kinder und arbeiten beide freiberuflich. Vermutlich sehen wir gut aus, wer weiß das schon so genau von sich. Ganz jung sind wir nicht mehr, aber auch nicht steinalt. Sagen wir, die 40 haben wir gerade überschritten. Mit der Liebe war das immer so eine Sache. Mein Mann sagte sehr oft "Ich liebe dich", ich eher selten. Mir kam der Satz irgendwie zu groß vor, er machte mir Angst. Mein Mann hielt mich immer sehr fest, ich versuchte lieber zu entkommen. Nähe wurde mir schnell zu viel.

Jetzt sage auch ich öfter mal "Ich liebe dich". Genau genommen, seit sich mein Mann in diese andere Frau verliebt hat. Ich sage diesen Satz nicht, weil ich denke, ich müsse das jetzt tun, weil ich meinen Mann gerade an eine andere Frau verliere. Nicht aus Verzweiflung, wie die Frau auf dem Werbeplakat dieses Umzugsunternehmens: ein angeschnittenes Männerhosenbein, in das sich die Verlassene mit spitzen Fingern krallt. Sie kriecht auf dem getrimmten Rasen vor dem Einfamilienhaus und trägt dabei Bleistiftrock und Pumps, selbstverständlich. Nein, ich empfinde das jetzt tatsächlich so. Nicht beim ersten Kuss, nicht auf dem Standesamt und nicht nach der Geburt unserer Kinder habe ich das empfunden, aber jetzt tue ist es.

Julia Heilmann studierte Kunstgeschichte und veröffentlichte mehrere Sachbücher, darunter den Bestseller "Kinderkacke – das ehrliche Elternbuch". Lebt in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Heilmann

Bisher herrschte Monogamie

Als mein Mann mir erzählte, dass er noch für jemand anderen Gefühle habe neben mir, fand ich das erst einmal unerhört – bisher hatte strenge Monogamie geherrscht in unserer Beziehung. Ihm selbst war es auch etwas unheimlich. Er wollte das und dann wieder nicht, weil man das ja nicht macht, und dann wurde er traurig und weinte und ich nahm ihn in den Arm. Liebeskummer eben. Ich bewunderte ihn dafür, dass er so offen mit mir war. Ich sagte: Schauen wir uns das doch mal an. Aufhören kann man später immer noch.

Ab da sprachen wir so viel miteinander wie nie zuvor ("Glaubst du, man kann mehrere Menschen lieben?", "Gibt es verschiedene Arten zu lieben?", "Wie viel Freiheit wollen wir uns lassen?"), wir hatten sensationellen Sex, es war alles in jeder Hinsicht besser als die etwas eingeschlafene Beziehung und der Stress mit den Kindern, die unseren Alltag vorher bestimmt hatten. Wir fühlten uns lebendig. Nur ab und zu drohte ein unergründlich tiefes schwarzes Loch uns zu verschlingen, dann liefen wir schnell zum anderen, brüllten oder seufzten, kochten Kaffee und spielten Alltag, damit wir uns an etwas Vertrautem festhalten konnten. Und guckten, und fühlten, und guckten, und fühlten. Und diskutierten die Nacht durch. Selbst unsere Kinder nahmen uns wieder mehr als Paar wahr. Aus ausgekotzten, überlasteten Erwachsenen wurden starke Löweneltern, die sich immer öfter auch mal aufs Sofa zurückzogen, weil sie in Ruhe über ihre Bedürfnisse reden mussten. Die Kinder, die sonst wenig Respekt vor irgendetwas haben, schlichen auf Zehenspitzen vorbei, um uns nicht zu stören, und beschäftigten sich selbst.

Stolz auf meine Größe

Irgendwann kam das hässliche Tier Eifersucht um die Ecke und verwandelte mich in eine Furie. Ich hatte mich schon gewundert, wo es sich so lang versteckt gehalten hatte. Als er mich fragte, ob er bei seiner Freundin schlafen könne, schmiss ich Sachen durch die Gegend und schrie "Nein!" Ich glaube, so klar wie da war ich noch nie in meinem Leben. Um ihn am nächsten Tag wieder gehen zu lassen. Dann blieb er bei ihr. In dieser Nacht lag ich lange wach. Eifersucht, wurde mir klar, kann es nur geben, wenn man seinen Partner für sich allein beanspruchen möchte und wenn man in keiner guten Verbindung miteinander steht. Wir hatten eine gute Verbindung, und ich war stolz auf meine Größe. Ich wollte, dass es meinem Mann gut geht. Ich habe mich gefreut für ihn. Und ich wollte ein Teil des Geschehens sein.

Darum sagte ich eines Tages, dass es nur weitergeht, wenn ich diese Frau kennenlernen kann. Die Frau, die ich doch eigentlich so hasste für ihre jugendliche Chuzpe (zehn Jahre jünger, schnappt sich einfach älteren, verheirateten Mann!). Und für ihren coolen Musikgeschmack und diese kleine hellblaue Jeansjacke auf dem Facebook-Foto, die nur bei jungen hübschen Frauen mit hochgesteckten Haaren gut aussieht. Ich merkte kaum, dass ich schon längst dabei war, auch sie zu lieben.

Wir wollten uns alle auf einer Party treffen. Wir dachten: Viele Leute, laute Musik, da kann man zur Not auch untertauchen. Aber: Stellt mein Mann uns einander vor? Was tun, wenn sich einer von uns beschissen fühlt? Wer geht am Ende der Veranstaltung mit wem nach Hause? Wir merkten, dass wir so etwas noch nie gemacht hatten und hyperventilierten etwas. Ich kam eine halbe Stunde zu früh. Dann stand sie vor mir und sagte: "Ich hatte total Angst vor dem Treffen." Und dann redeten wir und redeten, und als mein Mann kam und uns beide ungläubig anblickte, schickten wir ihn mit einer sanften, aber bestimmten Geste weg. Am Ende der Veranstaltung gingen wir drei zusammen nach Hause. Es war ganz einfach. Als ich am nächsten Morgen erwachte, nahm ich links von mir eine Hand und rechts von mir eine, drehte mich zu meinem Mann und flüsterte "Ich liebe dich", und ich fühlte es.