Sie nennen sie die Tube, den Tunnel. Wer nicht den Aufzug nimmt, fährt mit ihr, der 82 Meter langen Bogenrolltreppe, durch einen hellen Glaspaillettenkanal hinauf ins Freie: Panoramablick auf Hafen und Stadt, Wasser, Himmel, Schiffe, Kräne. Die Elbphilharmonie der Architekten Herzog & de Meuron strebt nach oben und zieht die Menschen mit. Schon nach wenigen Momenten, wenn man die Plaza, die mittlere Schicht zwischen dem Backsteinspeicher und dem gläsernen Wellenkamm, erreicht hat, wird klar: Das Gebäude gehört zu Hamburg. Man kann sich Hamburg nicht mehr ohne das neue Wahrzeichen vorstellen, von dem böse Zungen einst behaupteten, es habe eine skandalöse Kostenexplosion und flughafenartige Verzögerungen gegeben.

Am 11. Januar ist endlich die offizielle Eröffnung. Bis dahin darf im großen Konzertsaal – Weltklasseakustik ist versprochen – kein Ton erklingen. Und dennoch ...

Einer fantastischen Aufgabe hat sich Sasha Waltz, die Berliner Choreografin und künftige Intendantin des Berliner Staatsballetts, da in Hamburg gestellt. Wie soll man es bezeichnen? Als künstlerische Anverwandlung und Weihe vor der eigentlichen Einweihung? Als soft opening? Achtzig Tänzer und Musiker erkunden einen unberührten Bau, flirten mit der Architektur, und ihnen folgen gut 500 Gäste, die nicht wissen, wohin sie schauen sollen. Auf den Chor, auf die Oberkörper, die sich in Wellenbewegungen auf die Balustrade werfen, auf den Tänzer, der wie eine Statue auf dem Treppengeländer steht, auf die fünf kraftvoll-eleganten Menschen, die einander abwechselnd auf Händen tragen, wie eine Gruppenskultur, wenn sie plötzlich wie im Mythos zum Leben erwacht?

Sasha Waltz hat Erfahrung mit Raum-Dialogen. Auf ähnliche Art und Weise hat sie in Berlin Daniel Libeskinds Jüdisches Museum und das Neue Museum von David Chipperfield eingetanzt, ebenso Zaha Hadids MAXXI-Museumsbau in Rom. Als künstlerische Leiterin der Schaubühne gelang ihr im Jahr 2000 mit der Choreografie Körper das Kunststück, den großen Spielraum am Lehniner Platz in einer Dimension zu öffnen, wie es seither nie mehr geschehen ist.

Eine Aufführung als Führung durchs Konzerthaus

Aufwärts in Kreisen und Wellen. Den Wegen in der Elbphilharmonie folgen, die größtenteils den menschlichen Hörgängen nachempfunden sind. Das ist ihr Plan. Eine Aufführung als Führung. Es geht über sechs Stockwerke, um den großen Saal herum. Die Foyers bieten großzügige Durchblicke nach außen und nach innen – ein völlig anderer Eindruck als das klaustrophobische Innenleben der im Januar 2015 eröffneten Philharmonie de Paris von Jean Nouvel. Die Elbphilharmonie-Foyers laden zum Verweilen ein, zum Umherschweifen. Im Sommer wird sich den Konzertbesuchern eine visuelle Hafensinfonie bieten, während sich Nouvels philharmonisches Raumschiff gegen die Banlieue im Pariser Norden abkapselt.

Auftakt im Treppenhaus mit dem Chorstück Figure Humaine von Francis Poulenc. Dessen Titel hat Sasha Waltz auch ihrer Wanderung durch die Elbphilharmonie gegeben. Der Körper, der Tanzgestus als humanes Zeichen. Das Vocalconsort Berlin unter der Leitung von Nicolas Fink stimmt an und ein. Französisch-katholisch, feierlich. Poulencs Komposition von 1943 liegen Gedichte von Paul Éluard zugrunde. Erlebnisse aus zwei Weltkriegen sind eingeflossen. Etwas zugleich Bedrohliches und Tröstendes strahlt diese Gesangskunst aus. Man fühlt, man atmet mit den Sängern – und begegnet ihnen wieder am Ende, wenn sie leidenschaftlich Poulencs und Éluards Hommage an die Liberté darbringen.

Die Zuschauer ziehen hinterher - immer höher

Jetzt mischen sich die Tänzer frech unter die Chormitglieder, spielen mit ihnen, zeichnen mit Kreide Gliedmaßen auf die schwarze Konzertkluft. Jetzt fühlt sich auch der Raum anders an, hat sich Orientierung eingestellt. Wann hält man sich auch einmal gut zwei Stunden in einem Foyer auf, mit Tänzern, die jede Ecke mit ihren Körpern ausleuchten? Über die Treppen bilden sie, liegend, eine Kette, die immer wieder abreißt und sich neu aufbaut, in der Menschen zurückbleiben wie Ertrunkene. Spitz-dramatisch die musikalischen Soli mit Stücken von Helmut Lachenmann fürs Cello oder Iannis Xenakis für Schlagwerk. Hier erklingt ein Stück Boccherini oder Bach, dort ein Lied von Sofia Gubaidulina. Folgen die Tänzer den Musikern oder umgekehrt? Die Zuschauer suchen sich ein Fleckchen, einen Beobachtungsposten, dann ziehen sie weiter. Immer höher – bis sich die Tür zum großen Konzertsaal öffnet. Der erste Eindruck: Wie hell es hier ist! Über die Akustik lässt sich wenig sagen. So viel doch: Schon die Foyers haben einen guten Klang, und im Saal erprobt Sasha Waltz die Stille.