Draußen schneit es, und drinnen reden sich 100 Leute die Köpfe heiß. Ich sitze im Berliner Betahaus, wo sich Schmalbart zum ersten Mal trifft. Schmalbart ist ein loses Netzwerk von Journalisten, Medienprofis und Aktivisten, die sich gegen Populismus, Fake-News und gezielte mediale Manipulation zur Wehr setzen wollen. Der Name ist eine Anspielung auf das amerikanische Internetportal und Sprachrohr der Alt-Right-Bewegung, Breitbart News, das bereits im US-Wahlkampf auf Stimmungsmache gegen Einwanderer, Feministinnen und das "politische Establishment" setzte und damit Donald Trumps Kandidatur unterstütze.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und mit geflüchteten Menschen arbeitet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Mit der Wahrheit nimmt es Breitbart nicht so genau, dafür propagiert es einen ausgesprochen emotionsgeleiteten Rechtspopulismus, der sich durch reißerische Schlagzeilen und einfache Botschaften auszeichnet. Anfang Januar hat Breitbart mit der Falschmeldung über einen Mob von 1.000 muslimischen Männern Aufsehen erregt, der in der Silvesternacht angeblich eine Dortmunder Kirche in Brand gesetzt habe. Einen Monat zuvor hatte Breitbart  einen deutschen News-Ableger angekündigt

Logo mit Hitlerbärtchen

Mich gruseln diese Entwicklungen. Mich ängstigt die dezidiert antidemokratische Rhetorik von Donald Trump, die er ungeniert über Twitter verbreitet. Ich fürchte mich vor einem Überschwappen der Mechanismen, die in den Vereinigten Staaten ein solches Wahlergebnis ermöglicht haben. Ich kann nicht glauben, wie viel offene Menschenverachtung im Netz salonfähig geworden ist. Deshalb sitze ich hier. Ich will wissen, ob dem etwas entgegenzusetzen ist.

Während Schmalbart-Initiator Christoph Kappes, der als Onlineberater und Publizist arbeitet, in Berlin auf die Bühne geht, formiert sich in den Sozialen Medien schon die Gegenseite: von den "zurückgebliebenen Linken" und "abwertender und beschuldigender Meinungsmache" ist da die Rede, und in Anlehnung an den Namen der Initiative werden Vorschläge für ein Logo mit Hitlerbärtchen gemacht. Ich klicke mich durch die Kommentare und staune. Die Kritiker sind laut. Sie sprechen von Schmalbart-Bots, die das Internet mit linken Theorien und Gutmenschentum überfluten. Diese verdrehte Argumentation ist die perfekte Illustration dessen, worum es Schmalbart geht.

Das Netzwerk, sagt Christoph Kappes, habe sich einem Ziel verschrieben: einen demokratie-stützenden Diskurs zu stärken. Es wolle Fake-News und tendenziöser Berichterstattung mit Informationen und Fakten begegnen, um eine faire und sachliche Debatte zu ermöglichen. Etwa mit dem Schmalbart-Projekt Faktenbank, das transparente Informationen und Quellen zu umstrittenen Themen liefern soll, die über die Sozialen Medien verbreitet werden können. Das Engagement des Netzwerks zielt über Breitbart hinaus. Die Mehrzahl der Projekte steht noch ganz am Anfang, es wird an technischen Lösungen gefeilt, es geht um Echokammern, Mikro-Targeting und Medienkompetenz.

Allgegenwärtige Hassbotschaften

Deutlich spürbar ist im Betahaus jedoch vor allem das, was auch mich umtreibt – das Gefühl, an einem Scheidepunkt zu stehen, die Besorgnis über eine Gesellschaft, in der das Vertrauen in Politik, staatliche Institutionen und die traditionellen Medien schwindet. Willkürlich gestreute Informationen bekommen im Netz plötzlich ungeahntes Gewicht, das durch den gezielten Einsatz von Fake-News instrumentalisiert wird – "und zwar ganz klar mit dem Ziel, das Wahlverhalten der Menschen entsprechend zu beeinflussen", sagt Kappes. "Uns geht es mit Schmalbart nicht um Konsens, sondern um einen pluralistischen Diskurs innerhalb des demokratischen Spektrums."

Schmalbart will die Zivilgesellschaft dazu anregen, Debatten im Internet nicht denjenigen zu überlassen, die am lautesten schreien. In den Sozialen Medien und den Kommentarspalten der Onlinezeitungen sind Beleidigungen und Hassbotschaften allgegenwärtig. Das sind Formen von Gewalt. "Als ich angefangen habe, Inhalte zu Themen wie LGBTQ-Rechten zu teilen, habe ich festgestellt, wie schnell du runtergeredet und kleingemacht wirst. Das macht dich so fertig, da kannst du gar nicht gegen andiskutieren. Ich erlebe immer wieder, wie ein Schwarm von Leuten kommt, die sich gezielt diese Themen raussuchen, um darauf rumzuhacken", sagt Digitalkonzepterin Juliane Krause-Akelbein, die sich bei Schmalbart engagiert. Sie glaubt, dass es helfen wird, wenn sich andere Menschen in eine Diskussion einbringen, wenn ein aktiver Dialog gesucht wird.