Wer soll bei dem Geschehen in der Türkei noch hinterherkommen! Freunde von mir fragen noch nach dem Anschlag an Silvester in Istanbul, da gibt es schon den nächsten in Izmir. Allein im vergangenen Jahr kamen 372 Menschen bei Terroranschlägen ums Leben. Seit fast fünf Monaten herrscht der Ausnahmezustand und es scheint, als würde dieser Zustand nicht mehr enden: Das türkische Parlament wird bald eine neue präsidiale Verfassung verabschieden. Sie wird ein Anschlag auf alle, die jemals von einer freien Türkei geträumt haben. Sie wird ein langer, vielleicht sogar ein immer währender Ausnahmezustand.

Eylem Özdemir-Rinke wurde 1978 in Antalya geboren, ist Tänzerin und Mitgründerin der Performance-Company Zeitgetroffen Kollektiv sowie des Workshop-Laboratoriums a.c.t für Visual Art & Movement. Sie unterrichtet zudem an der International School in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ich weiß gar nicht, was ich sagen, schreiben soll über ein Land und eine Gesellschaft im Getümmel von Gewalt, Unwissen und mangelnder Wertschätzung; eine Gesellschaft, in der es uns nicht einmal mehr gelingt, um die Toten der Anschläge zu trauern, in der wir uns noch auf Beerdigungen gegenseitig attackieren – sogar auf den Beerdigungen der Anschlagsopfer wird Politik und Propaganda betrieben.

Die Türkei ist nicht nur unfähig zu trauern, sie sieht auch völlig anders aus als jene, die ich einmal gekannt und geliebt habe. Diese Türkei, die heutige, ich erkenne sie nicht wieder. Mein Land hetzt gegen Menschen wie mich einen Mob, der Nahrung und Kraft aus Hass und Gewalt bezieht. Überall, auf der Straße, in den sozialen Medien, im Fernsehen, sogar auf dem Balkon bei den Eltern meiner gleichaltrigen Nachbarin in Antalya: Überall wütet Menschen wie mir Hass entgegen – Menschen wie mir, die seit Jahren für die Demokratie auf die Straße gegangen sind und die nun als "Terroristen" beschimpft werden. Ja, es ist nicht schwer, in der Türkei als Terrorist beschimpft zu werden.

Wie gelähmt

Wie soll es möglich sein, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, wenn sich die Bürger der Türkei mehr und mehr in Horden von Fanatikern, Manipulierten, Ahnungslosen, Rachsüchtigen und Hassgelenkten verwandeln, die nichts von Dialog, Demokratie, Frieden und/oder Säkularem neben islamischen Lebensformen verstehen wollen?

Unmöglich, es wird unmöglich gemacht: Die Zeitungen, das Fernsehen, die Universitäten, Gerichte, Theater und bald auch das Parlament, alles ist gleichgeschaltet und auf Linie gebracht und peitscht den Hass durch das Land, und ich stehe da wie gelähmt.

Offenbar weiß auch die EU nicht, wie sie mit der Türkei umgehen soll. Und man kommt ja auch nicht umhin zu fragen, wie denn diese Türkei in die EU hineinkommen soll. Eine der bedeutendsten Errungenschaften der politischen Kultur in Europa ist der Dialog. Das klingt fast nach Sonntagsrede, aber für die Türkei wäre so eine politische Kultur des Dialogs der allererste Schritt. Wir Türken wissen allerdings gar nicht, was das ist: Dialog. Wir wissen nicht, welche aktive, gestalterische, kreative und wichtige Rolle man selbst beim Zuhören haben kann.

Omnipotente neue Sultansherrlichkeit

Um den Preis, derjenige zu sein, der nachgibt, gelang es Europa bisher, diesen Dialog in den Beziehungen zur Türkei aufrechtzuerhalten. Dafür bin ich sehr dankbar. Das Beharren der Europäer, "im Dialog" zu bleiben, führte dazu, dass der Türkei-Besuch des deutschen Außenministers im November vergangenen Jahres in Ankara von der Regierungspartei der AKP als Machtdemonstration benutzt wurde und die Regierungspresse Herrn Steinmeier sogar verspotten konnte, während sein Versuch zu reden, in der deutschen Hauptstadt als angemessene Politik, als Diplomatie aufgefasst wurde.

Angemessenheit, Diplomatie – was für absurde Worte für die türkische Politik dieser Tage. Ein türkischer Politiker muss derzeit Stärke und Macht demonstrieren, er muss imponieren, überlegen wirken, er muss herrschen, laut sprechen, ja schreien. So wie Herr Steinmeier, mit Höflichkeit, Diplomatie und Dialogbereitschaft, wird man nicht Sultan. Schon wie der deutsche Außenminister neben dem Präsidenten der Türkei saß, es sagte alles. Hier die westliche Diplomatie des immer währenden Dialogs, dort die omnipotente neue Sultansherrlichkeit, die da saß als halte sie gerade Audienz ohne hinzuhören.

Und was sagt Ankara, wenn es schon nicht zuhört? "Liebt und akzeptiert mich, so wie ich bin!" Die Verhaftungen und das Zerschlagen der regierungskritischen Medien und der kritischen Öffentlichkeit – zugegeben: eine kleine Restöffentlichkeit – begründet man mit dem Kampf gegen den Terror. Dabei weiß man seit 35 Jahren, dass dieser Kampf nichts gebracht hat außer Hass, Gewalt, erneutem Hass, erneuter Gewalt und Tod. Diejenigen, die Frieden im Land wollen und darüber offen reden, werden zu Terroristen erklärt und weggesperrt. Und immer noch können die Regierenden dreist behaupten: "Es geht uns hier gut, unser Volk will das so."