Die Welt ist mir abhandengekommen, vielleicht habe ich sie auch nur verlegt und kann sie nicht mehr finden. Alles verschwimmt. Je schlimmer die Bilder, desto egaler. Je krasser die Meldungen, desto handlungsunfähiger werde ich. Ich will keine Nachrichten mehr lesen.

Andrea Hanna Hünniger, geboren 1984 in Weimar, arbeitet als Buchautorin und Journalistin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Tobias Kruse/Ostkreuz

Geht es nur mir so? Oder ist das symptomatisch für viele von uns, die irgendwo zwischen Wohlstandskonsum und dem Überdruss am Dauerfeuer pseudo-faktischer clickbait posts jegliches Interesse an Politik verloren haben und das Ganze deswegen als Sport betreiben? Eine Liste mit Trumps Kabinettbesetzungen, eine weitere mit seinen letzten Tweets und eine dritte mit seinen bisherigen Amtshandlungen – das ist heute unser Fußballticker. Diese Art von News ist wie ein Autounfall. Man ist angeekelt und kann gleichzeitig doch nicht wegschauen.

Angst vorm Abgrund ist eigentlich ein guter Motor, aber je mehr die Welt aus den Fugen gerät, desto mehr erstarre ich. Ich überspiele die Starre mit dem manischen Konsum weiterer schlechter Nachrichten. Es fühlt sich an wie das Vermeiden eines Abgabetermins: Man putzt lieber stattdessen die Küche. Ich bin gierig nach schlechten Nachrichten, weil ich weiß, dass ich eigentlich handeln müsste. Und es ist eine Gier, die ich an vielen Menschen beobachte.

Diesen Sommer wird es noch schlimmer

Der Newscheck ist das neue Angry Birds. Und unser Umgang mit Nachrichten ein Suchtverhalten. Selbst mein Vater klickt sich stundenlang durch böse Internetseiten, um irgendeiner "Wahrheit" nachzuspüren. Je versteckter sie ist, desto wahrer ist sie, natürlich. Oder?

In den USA, der Heimat des 24 hour news cycles, spricht man sogar vom "political junkie". Namen, Prozesse, Anträge, Abstimmungen, Gerüchte, alles wird aufgesogen. Und was von diesen ganzen Informationen übrigbleibt, ist keine Wahrheit und schon gar keine Erkenntnis, sondern lediglich ein Zustand der Übersättigung, in der sich die vielen Informationen überlagern und widersprechen. Irgendwann ist man einfach müde von zu viel Information und legt sich schlafen.

Es ist abzusehen, dass es in diesem Sommer noch schlimmer werden wird. Ich kenne viele Kollegen, die sich gern als "Schlechte-Nachrichten-Überbringer" bezeichnen, und damit ihre Rolle als Journalisten meinen, was ja als Berufsbezeichnung mehr als zynisch ist. Würde sich mein Arzt als Überbringer schlechter Nachrichten vorstellen, würde ich selbstverständlich sofort die Praxis verlassen. Zum Arzt gehe ich sowieso nicht, denn Ärzte finden die schlimmsten Krankheiten eh nicht. Es sei denn, es sind schamanische Wunderheiler.

Die Logik ist irre: Je mehr schlechte Nachrichten konsumiert werden, desto größer der Gewöhnungseffekt. Ohne schlechte Nachrichten, das ist, als hätten wir keine Frisur. Apokalypse geht immer, sie ist unsere Religion, sie ersetzt das Heilige. Sie ist unsere Droge gegen die Langeweile und man kann sie immer rausholen, wenn man mal wieder gar nichts zu sagen hat. Schlechte Nachrichten relativieren unsere Existenz: So schlimm wie Trump kann ich gar nicht sein. Es geht immer noch schlimmer.

In den vergangenen letzten Wochen hatte ich mehrere Überdosen schlechter Nachrichten. Ich kann regelrecht nicht mehr. Ich bin da ganz bei Trump und gucke inzwischen lieber richtig dummes Fernsehen, als mich in ein pseudopolitisches Gespräch einlullen zu lassen.

Gestern saß ich in einer extrem schönen Wohnung am Ku'damm und musste plötzlich über den tot aufgefundenen Mannheimer Pinguin weinen. Und das war vielleicht das Ehrlichste, was ich in den letzten Wochen getan hatte. Und während mir die Tränen nur so runterliefen, fragte mich eine Freundin: "Kennst du den Witz von Sarah Silverman?" Schniefend verneinte ich.

"Tante ruft Sarah an und fragt: 'Waren es jetzt 6 oder 60 Millionen, die die Nazis vergast haben?'
'Es waren 6 Millionen', sagt Sarah Silverman.
'Quatsch, 60!', meint ihre Tante.
'Nein, 6 Millionen. 60 wären unverzeihlich gewesen!'"