Ab morgen ist es wieder so weit: Die Berlinale beginnt. Filmfreunde freuen sich aufs Binge-Watching in den Kinos der Stadt, Hotellerie und Gaststätten auf angereiste "Adabei"-Horden und die Medien auf allerlei Berichtenswertes. Auch in diesem Jahr werden Frauen einmal mehr im Zentrum der Berichterstattung stehen. Die Professionalisierung ihres Sichtbarkeits-Managements schreitet unaufhaltsam voran.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Da sind zum einen die umtriebigen Aktivistinnen von Pro Quote Regie. In prominenter Lage bauen sie am Potsdamer Platz ihre Kunststoff-Bubble auf, Zentrum für Begegnungen und Aktionen. Die Gäste und Unterstützer vor Ort sind so prominent wie zahlreich, eine Vielzahl an Diskussionen und Präsentationen thematisiert zudem einmal mehr das Dilemma der geringen Anzahl an Filmemacherinnen wie der stereotypen Geschlechterbilder und des Gender Pay Gaps auch am Set. Filmindustrie und Politik, allen voran Kulturstaatsministerin Grütters, bedauern das, geben Studien in Auftrag, geloben Besserung und bringen Änderungen auf den Weg: Mal schlappe 20% Regisseurinnenquote bei der von einer Frau geführten ARD-Degeto, mal forsche, vom Studio-Hamburg-Boss anvisierte 50%.

Bei den Aktivistinnen läuft es

Fortschritte, die nicht zuletzt erreicht wurden, weil Regisseurinnen aller Genres, von Soap bis Arthouse, dünkelfrei Seite an Seite um Teilhabe an Aufträgen und angemessenen Budgets kämpfen. Die Türen, vor allem für Regisseurinnen, stehen also weit offen. Jetzt müssten sie nur noch eingerannt werden. Denn, wie die Chefin der gut ausgestatten Filmförderung Medienboard Berlin Brandenburg Kirsten Niehuus auf Facebook verkündet: "Gerne würden wir als Förderer auch wieder Stoffe von deutschen Regisseurinnen unterstützen. In der 1. Sitzung lag uns jedoch kein höher budgetiertes Projekt einer deutschen Filmemacherin vor…". Wenn man nicht als Solidaritätsbremse auffallen will, ließe sich also zusammenfassend sagen: Läuft bei den Aktivistinnen.

Knapp 300 Meter Luftlinie von der Pro-Quote-Bubble entfernt läuft es auch in Sachen weiblicher Sichtbarkeit. Der großflächig verklebte rote Teppich bietet reichlich Platz, sich der Horde einiger Hundert Fotografen als Beute auszuliefern. Um ordentlich abgeschossen zu werden, bedarf es des Bedienens einiger Schlüsselreize: Die Schuhe müssen außerordentlich hoch sein – in Cannes wurde 2015 erbittert über eine High-Heel-Pflicht auf der Showtreppe zu den Galapremieren debattiert – die Garderobe offenherzig und überhaupt die ganze Frau gut gewartet. Also Hair & Make-up top, Maniküre und Pediküre nicht vergessen, denn trotz Schneetreibens und Temperaturen von 10 Grad unter Null trägt frau nicht nur die Haare, sondern auch die Schuhe offen.

100% Glamourquote

Wir kennen die hier entstehenden Bilder, denn sie sind emblematisch für Filmfestivals. Millionenfach gedruckt, hochgeladen und verlinkt inszenieren sie jenen Glamour, von dem weniger die gezeigten Filme als die sponsernden Unternehmen zehren. Das Produkt Frau wirbt für die Produkte der Sponsoren, die hier Partner heißen.

Das ist, wie man so sagt: "gelernt". Und niemand, der oder die sich nicht sofort als Spaßbremse disqualifizieren will, darf irgendein Problem darin sehen, dass seit knapp zwei Jahrzehnten auch hierzulande eine Schauspielerin als unbesetzbar gilt, die sich dem für den Auftritt auf dem Teppich nötigen Wartungszustand oder gar dem Teppich selbst verweigert, wo die Glamourquote bei 100% zu liegen hat. Von wegen: Augen auf bei der Berufswahl.

Vielleicht lohnt es sich aber doch, den einen Schritt zurückzugehen und sich anzuschauen, wie die sich zum Beispiel hier auf der Berlinale medialisierende Frau in zwei Teile zerbrochen ist: den souverän-feministischen und den projektionsgebunden-exhibitionistischen. Und wie die öffentliche Frau auch sonst allerorten versucht, im Rahmen einer gescheiterten Identitäts-Dialektik beides zu sein: Also das Model mit dem aktuellen It-Piece, dem "I'm a Feminist"-T-Shirt. Oder Julia Klöckner mit Diät-Tipps in der Gala.