Diese Deutschstunde ist normalerweise frei vom erzählendem Ich. Mein Kollege, der Türkei-Korrespondent der Welt und Autor Deniz Yücel ist in Istanbul in Polizeigewahrsam genommen worden. Und so werde ich heute von Deniz erzählen, erzählen müssen. Und vielleicht wird es doch noch eine politische Kolumne.

Ich habe Deniz Yücel zusammen mit anderen Kollegen im Januar 2012 kennengelernt. Gemeinsam mit Doris Akrap (taz), Ebru Tasdemir (taz), Yassin Musharbash (damals Spiegel Online heute DIE ZEIT) trafen wir uns im Berliner taz-Café, besprachen uns ein paar Minuten lang und gingen auf eine improvisierte Bühne. Der Plan: Wir lesen unsere Hass-Briefe vor und treten mit den abscheulichsten Perlen deutscher Verachtungsprosa in den Wettstreit miteinander. Derjenige, der den ekelhaftesten, sexistischsten, rassistischsten Brief vorliest, kommt eine Runde weiter. Das Publikum entscheidet. Doris war von Anfang an Applausometer, Worterteilerin und Hausmeisterin. Ebru saß im Hintergrund und versuchte, die Show technisch und logistisch zu meistern. Vor allem versuchte sie, nicht vom Barhocker zu fallen, weil sie sich vor Lachen bepisste. Ich hatte etwas Folklore mitgebracht, Glitzergirlanden und Pistazien, als gäbe es eine Beschneidung zu feiern, Yassin hatte wie Graf Zahl in jeder Manteltasche Rotwein und Deniz Pappkartons voller Briefe. Vor uns saß ein amüsierbereites Publikum, das zwischen Entsetzen und Lachkrämpfen hin- und hergeschüttelt wurde. Das war der Anfang von Hate Poetry, so begann das alles.

Sämtliche Briefe, die wir in unterschiedliche Kategorien einteilten und mit prächtigstem Dilettantismus ohne jegliches Gespür von Timing und Körperbeherrschung quietschend, zerscheppernd, in orgiastischem Lachdonner vortrugen, waren Briefe, die wir nur deshalb bekamen, weil wir als Journalisten arbeiteten. Jeder Hassbrief trug die immer gleiche Notiz: Hör auf zu schreiben. Du bist kein Journalist. Du bist ein Arschloch.

Schweigen kam für uns nie in Frage

So lernten wir uns kennen und begriffen, dass wir, so unterschiedlich wir waren, eines miteinander gemeinsam hatten. Die Leser hassten, was wir taten, weil wir sind, wer wir sind. Das unterschied uns von anderen Journalisten in diesem Land. Sie bekamen Hassbriefe ihrer politischen Ansichten, wir unserer Herkunft wegen. In unseren Briefen wimmelte es deshalb auch von Anmaßungen bezüglich unseres Blutes, unserer Mütter, unserer Gene. Immer spielten der vermeintliche Pass und die unterstellte Religionszugehörigkeit eine Rolle. Dabei traf nie irgendetwas wirklich zu. Bin ich tatsächlich Muslimin, Yassin ein Araber, Doris eine Deutsche und Deniz ein Kurde? Egal! Uns störte nicht, dass wir falsch eingeordnet wurden, uns störte, dass man meinte, diese Gruppen herabsetzen zu dürfen. In den Briefen wurde jedenfalls munter drauf los geschächtet, gefickt, vergast. Wir nahmen für uns in Anspruch, politische Kommentatoren zu sein, die genau wie alle anderen auch das politische Zeitgeschehen analysierten und einordneten. Manche von uns investigativ, andere als Reporter, wieder andere als Kolumnisten. Schweigen, den Beruf wechseln oder anders schreiben kam für niemanden von uns je in Frage.

Die Gruppe erweiterte sich, es kamen im Laufe der Jahre dazu Özlem Topçu (DIE ZEIT), Özlem Gezer (Der Spiegel), Hasnain Kazim (Der Spiegel) und Mohamed Amjahid (DIE ZEIT). Wir waren zu neunt und blieben es. Jahrelang tingelten wir durch prächtige Staatstheater genauso wie über abgeranzte Kabarettbühnen. In der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt hatten wir das Gefühl, dass wir kurz vor dem Rauswurf standen, weil wir den Laden zärtlich als "Nationalhugendubel" in unserer Begrüßung bezeichneten. Wir lernten das Land kennen, das unterschiedliche Publikum, im Süden, im Norden. Wir lernten, dass unser türkischsprachiges Publikum nicht genug davon bekam, wenn wir Briefe von Nazis vorlasen. Lasen wir Texte, die Bezug nahmen auf unsere Türkeiberichterstattung oder den Islam, waren die Reaktionen schon seltsamer. Einmal stand ein türkischer alter Herr auf, als Doris ein wichtiges Element unserer Bühnendeko, einen Moscheewecker anschmiss, und den scheppernden Gebetsruf aus der Plastikverschalung mit ihrem Mikro verstärkte. Der türkische Herr rief laut und deutlich in die wie immer schon Wochen zuvor ausverkaufte und völlig überfüllte Veranstaltung hinein: "Ich distanziere mich von diesem Witz!"

Da wir extrem exzellent im Zurückrufen sind, rief Doris oder Yassin, ich weiß es nicht mehr genau, zurück: "Wir nehmen Ihre Protestnote an und halten fest, dass sie sich von einem Wecker distanzieren."