Das offizielle Foto des US-Präsidenten, das man auf der Website des Weißen Hauses findet, unterscheidet sich schon im ersten Eindruck von den meisten anderen Politikerportraits: leicht gekniffene Augen, ein starrer, durchdringender, Blick, nicht der Anflug eines Lächelns. Versuchten vorige Amtsträger in der Regel freundlich und jovial zu wirken, erscheint Donald Trump hingegen wie der feiste Bösewicht eines B-Movies.

Das ist natürlich kein Zufall, erst recht kein Fauxpas. Die genau dosierte Aggressivität, die nicht nur aus diesem Foto spricht, sondern bereits als Grundton von Trumps Antrittsrede, ja seines gesamten Wahlkampfs erklang, führt zum strategischen Kern seiner Agenda. Diese folgt der Dialektik von Verehrung und Furcht. Zum einen gilt es, gegenüber Anhängern einen postmodernen Cäsarismus zu kultivieren, zum anderen werden Gegner mit Einschüchterungen, Drohungen und Trash-Talk traktiert. Dies mag Trump jahrelang im Reality-TV eingeübt haben, gleichwohl gehorcht er damit auch einen Rat Niccolò Machiavellis. Dieser hatte in seinem 1513 verfassten Hauptwerk Der Fürst bereits empfohlen,für einen Machthaber sei es im Zweifelsfall eben "weit sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden".

Trumps erste zwei Amtswochen waren deshalb auch ein Lehrstück in Sachen Angstpolitik. Während seine Administration Kritiker beschimpfte und von "alternative facts" fabulierte, was en passant auch mediale Aufmerksamkeit von den landesweiten Massenprotesten abzog, ließ der neue US-Präsident seiner rassistischen Rhetorik in Windeseile Taten folgen und ordnete sowohl den Mauerbau an der mexikanischen Grenze als auch den Einreisestopp gegen sieben vornehmlich muslimische Länder an. Mit dieser Shock-and-Awe-Strategie scheint jener reaktionäre Rollback, der sich von Orbáns Ungarn über Putins Russland bis zu Erdoğans Türkei erstreckt, nun vollends in den westlichen Demokratien angekommen zu sein.

Donald Trump - "Wir zerstören seine Karriere" Bei einem Treffen mit Sheriffs hat US-Präsident Donald Trump - wohl scherzhaft - angeboten, das legislative Wirken eines Politikers mit abweichender Meinung zu beenden. © Foto: Screenshot/Reuters TV

Mehr noch: Mit Trump und seiner Kamarilla um den Chefberater Stephen Bannon, der sich selbst einmal als Leninist bezeichnete (was für einen ultra-nationalistischen Ex-Investmentbanker freilich eher euphemistisch wirkt), sitzen im Weißen Haus nun eine Reihe von Angstpolitikern, die zunehmend zu Zwillingen ihrer selbsterklärten Feinde werden. Von der plumpen, fast rituellen Beschwörung äußerer und innerer Feinde über die ostentative Verachtung demokratischer Institutionen bis zur Brandmarkung von Kritikern als "Verrätern", sind das alles Mittel, die man eigentlich von jenen Fundamentalisten kennt, die die USA zu bekämpfen vorgeben. Ist es daher auch nicht folgerichtig, dass Der Spiegel Trump auf seinem aktuellen Cover als Schlächter der Freiheitsstatur darstellt? Oder ist das bereits Hysterie, also Teil des Problems anstatt Teil der Lösung?

Allgemeiner gefragt: Wie sieht die richtige Reaktion auf diese Angstpolitik aus? Keine Angst machen lassen, strategische Ruhe bewahren, nüchtern und sachlich auf die Kraft der Argumente, die Standhaftigkeit der Institutionen vertrauen? Klingt gut, klingt vernünftig. Aber es ist leider komplizierter. Zum einen, weil all die beschwichtigenden Stimmen, die in Trump lediglich einen großspurigen Maulhelden sehen wollten, ja nun geradezu täglich widerlegt werden. Zum zweiten aber auch, weil das Problem nicht einfach in einer reaktionären Angstpolitik besteht, sondern in einem viel größeren, sich selbst verstärkenden System der Angstlust. Und von diesem profitieren eine ganze Reihe von Akteuren. Oder zumindest glauben sie dies zu tun. Zuvorderst Rechtspopulisten und Islamisten, bisweilen aber auch manche Linke, zudem Medien sowie ihre Leser und Zuschauer.

Reinheitsfantasien und Sehnsucht nach Revolution

Der Begriff der Angstlust, der vor allem in der Psychologie verbreitet ist, kann zunächst eine Vielzahl von Phänomenen beschreiben: vom Thrill, den Extremsportler suchen, bis zum wohligen Grusel, den man aus Horrorfilmen kennt. Insofern man Angstlust aber ganz allgemein als ein von Angst hervorgerufenes Lustempfinden begreift, als stille, heimelige Sehnsucht nach der Katastrophe, lässt sich hierin nicht nur ein individuell-psychologisches, sondern ebenso ein kollektiv-politisches Phänomen erkennen. Und zwar eines, das den politischen Diskurs der Gegenwart stark prägt.

Das zeigt sich zunächst daran, dass die momentan größten Herausforderer der liberalen Demokratie, rechtspopulistische Nationalisten und islamistische Fundamentalisten, in vielfacher Hinsicht ein geradezu symbiotisches Verhältnis pflegen. Bei allen erheblichen Unterschieden besteht die erste Gemeinsamkeit nämlich nicht nur in sozialen Reinheitsfantasien und der Ablehnung des Pluralismus, der ihnen wahlweise als zu dekadent, schwach oder schwul erscheint, sondern auch in der Sehnsucht nach einer buchstäblichen Revolution, einer Rückwälzung in vergangene Zeiten. Deshalb sind Rechtspopulisten und Islamisten an sich auch keineswegs konservativ, geht es beiden doch nicht ums Bewahren, sondern um die disruptive Wiederherstellung einer idealisierten, oft sogar völlig mythologisierten Vergangenheit.

Noch entscheidender ist zum zweiten jedoch, dass beide, wenn freilich auch unter unterschiedlichen Vorzeichen, deshalb an der gleichen gesellschaftlichen Eskalationsdynamik interessiert sind. Mittelbar wollen Rechtspopulisten und Islamisten eine kollektive Atmosphäre der Angst erzeugen, in der der eine den anderen jeweils als Mittel zum Zweck braucht. Rechtspopulisten nutzen Islamisten, um Hass gegen Muslime zu säen, Islamisten nutzen Rechtspopulisten, um Hass gegen "den Westen" zu schüren. Stets mit der Botschaft: Seht, wie sie euch verachten! Dass die Propaganda des "Islamischen Staats" (IS) Trumps Einreisestopp jüngst als "gesegneten Bann" bejubelte, ist dafür nur das jüngste Beispiel.

In der Konsequenz hegen Rechtspopulisten wie Islamisten zugleich eine Affinität zum politischen wie gesellschaftlichen Ausnahmezustand. Nicht nur, weil sich in solch sozialen Schwellensituationen die Institutionen der liberalen Demokratie sukzessiv selbst abschaffen, sondern ebenso, weil beide zunächst die Chaotisierung der Verhältnisse anstreben. Vor allem diskursiv, im Zweifelsfall aber auch darüber hinaus. Das Paradox besteht nämlich darin, dass Rechtspopulisten und Islamisten, also jene, die sich als Fetischisten der Ordnung, der sogenannten klaren Verhältnisse inszenieren, zunächst das Gegenteil verfolgen.

Das gehorcht einer Logik, die man aus der Theoriekammer des Leninismus kennt: Erst wenn die Verhältnisse sich stark genug zugespitzt haben, verblassen die Unterschiede zwischen Recht und Unrecht, von Wahrheit und Lüge, sodass sich Gesellschaften nicht nur vergleichsweise schnell, sondern auch nachhaltig schleifen lassen. Islamistische Fundamentalisten, zumindest wenn sie militärisch oder gar terroristisch agieren, fantasieren daher auch gerne von einer Art Weltbürgerkrieg.

Mit der entsprechenden Portion Angstlust greifen Rechtspopulisten dies für ihre Zwecke auf. Im Juli 2016 warnte Björn Höcke etwa vor dem "Abgleiten dieses Landes in den Bürgerkrieg." Im September sekundierte Frauke Petry, indem sie ebenfalls von der Möglichkeit eines "Bürgerkriegs in Deutschland" sprach. Und im Oktober konstatierte Hans Christian Strache, Chef der österreichischen FPÖ, dass "durch den ungebremsten Zustrom von kulturfremden Armutsmigranten, die in unsere Sozialsysteme einsickern (…) mittelfristig einen Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich" sei. Auch aus vielen Äußerungen von Stephen Bannon spricht eine dunkle Sehnsucht nach dem großen Knall.