Nanu, zwischen erlesenen Kunstgegenständen aus dem 14. Jahrhundert liegt eine junge Frau auf dem Teppich. Ein Bild, das nicht ganz zu den aufgeräumten Vitrinen und Museumswärtern im Victoria and Albert Museum passen will. Die Frau trägt Sneaker und Jogginghose, hat alle Viere von sich gestreckt und schaut mit konzentriertem Blick an die Decke des viktorianischen Prunkgebäudes.

In Endlosschleife flimmern dort Schnipsel aus alten Bollywood-Filmen über Jasleen Kaurs Kopf hinweg. Darunter Videos aus der Sammlung ihres Vaters, auch der Teppich stammt aus seinem Laden. Persönliche Dinge aus ihrem Elternhaus sind Kaurs Beitrag zu Collecting Europe. Einer Ausstellung, von deren Thema sie sich zunächst gar nicht recht angesprochen fühlte. Europas Gegenwart und Zukunft wird zwar derzeit rauf und runter diskutiert. Doch der Alltag einer indisch-stämmigen Schottin mit Wohnsitz in London sprengt zuweilen die Grenzen des europäischen Gedankens.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

"Ich bin indisch, Punjabi, Schottin und Sikh", sagt Kaur. Ihr Urgroßvater kam mit reichlich Kolonialvergangenheit im Gepäck nach Glasgow. Mit Schiebermütze und geschliffenem Akzent versuchte er sich anzupassen, fühlte sich aber nie heimisch. Kaurs Eltern zelebrieren ihr indisches Erbe heute und sind damit noch immer nicht selbstverständlicher Teil des schottischen Alltags. Sie selbst fühlt sich in Glasgow zu Hause, das sie mit ihrer Jugend verbindet, und auch in London, wo sie als Künstlerin arbeitet.

Europa ohne gute Currys

Zum politischen Europa aber hat sie wenig Bezug. Dieses Europa hat ein Weltbild geprägt, das Kaur problematisch findet: das Bild vom übermächtigen Westen und den postkolonialen Nachzüglern. Ganz bewusst spielt Kaur im V&A deshalb mit den Perspektiven auf die gemeinsame Vergangenheit. Sie zeigt Inder, die vor Alpenkulisse und unterm Big Ben tanzen und die verklärte Darstellung eines Europas, in das sich so viele sehnen. Und am Ende dreht sie den Spieß um: Durch den Bollywood-Blick wird Europa selbst zur exotischen Kulisse.

Ein paar Räume weiter hat der taiwanesische Künstler Tu-Wei Cheng Eiffelturm-Schlüsselanhänger und englische Custard-Keks-Formen in Ton gewalzt und freut sich über Besucher, die seine Kulturklischees entdecken. Ein Stockwerk höher gruselt sich das indische Medienkollektiv Raqs vorm "faraging, lepenning und erdoganing"-Alptraum, einer politischen Blase voller "brexit wholes" und "grexit perforations" und einem Europa ohne gute Currys.

Klopfzeichen zur jüdisch-orthodoxen Bäckerei

Zwischen Tonplatten, Wandteppichen und Europa versuche ich mich zu orientieren. Doch ich erinnere mich kaum. Jeder Winkel und Schaukasten scheint verschoben, seitdem ich zu Studienzeiten im V&A gearbeitet habe. Auf den Straßen ist vieles wie gehabt: Indian neben Chinese neben Lebanese, rote Busse, volle Undergrounds und Menschen, die mich an der Kasse im Supermarkt mit "Sweetheart" begrüßen. Und dennoch.

Das London, in dem ich Ende der neunziger Jahre wohnte, schien zuversichtlicher. Zum ersten Mal saß ich damals im Bus neben anderen schwarzen Menschen, neben Muslimen, Juden und Leuten mit Cockney-Dialekt. Zum ersten Mal fragte – trotz meines deutschen Akzents – niemand, wo ich herkam. Die Nachbarn waren sich nie zu schade, mit uns Pool im Pub zu spielen. Sie verrieten uns das geheime Klopfzeichen zur jüdisch-orthodoxen Bäckerei und plauderten im Kiosk über Hanif Kureishis letztes Buch. Unsere Studentenprivilegien hatten wenig mit ihrem Alltag zu tun, und doch kamen sie mit uns und einander aus. Denn zwischen Enoch Powell, Anti-Terror-Allianzen und dem Brexit gab es Zeiten, in denen das möglich schien. Die Welt war auch damals schon unübersichtlich. Doch vielleicht beharrten noch nicht ganz so viele darauf, stets anderen die Schuld dafür zuzuschieben.