Der Bundespräsident hat es nicht so leicht. Das deutsche Staatsoberhaupt kann sich keiner royalen Logik ergeben, die etwas Noblesse auf ihn abstrahlt. Kein Glamour, keine Herrschaft auf Lebenszeit, keine königlichen Urenkel mit Maskottchenfaktor. Der Bundespräsident ist auch kein Religionsoberhaupt wie die Queen, einer würdevollen Liturgie folgt er also auch nicht. Politische Entscheidungsgewalt hat er ebenfalls keine, zumindest keine alltägliche. Natürlich ist das diplomatische Parkett von zahlreichen Regeln und Sitten umstellt, aber allein in diesem Rahmen bestreitet man keine Präsidentschaft.

Joachim Gauck, bei Amtsantritt 72 Jahre alt, füllte seine Rolle unkonventionell aus: das erste Staatsoberhaupt mit Lebenspartnerin (ein kleiner Skandal), der erste parteilose Bundespräsident, der erste aus der ehemaligen DDR und zudem der erste ehemalige evangelische Pastor in diesem Amt.

Gaucks großes Thema war und ist die Freiheit. Als ehemaliger Bürgerrechtler in der DDR und später dann als Leiter der Stasiunterlagenbehörde stand er glaubwürdig dafür ein, dass man die Freiheit stets aufs Neue erkämpfen muss. Dafür warb er wieder und wieder – bisweilen wurde er deshalb als zu weich bezeichnet. Und belächelt, weil er sein Publikum emotional in seinen Bann ziehen konnte und sich nicht für Tränen der Trauer und Gesten der Zuneigung schämte: War er mehr vom Anlass gerührt oder von sich selbst? Er sprach emphatisch, gefühlvoll, mahnend. Vor allem Jüngeren missfiel der Erziehertonfall. Doch wer Gaucks sanftes Auftreten mit politischer Harmlosigkeit gleichsetzt oder für eine leere Geste hält, der unterschätzt sein politisches Gespür und seinen eigenen, inhaltlich oft überraschend harten Kurs.

Rechts von der Kanzlerin

Der Bundespräsident irritierte seine Beobachter durchaus mit politischer Klarheit. Zum Beispiel auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014, gegen Mitte seiner Amtszeit, als er eine aktivere Rolle der Bundeswehr in der Weltpolitik forderte und sich gegen unhinterfragten Pazifismus aussprach: "Deutschland darf weder aus Prinzip 'nein' noch reflexhaft 'ja' sagen." Das Land habe kein Recht, anderen die Hilfe zu versagen, die ihm selbst gewährt wurde, "wenn Menschenrechtsverletzungen in Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit münden".

Im Habitus durchaus verbindlicher als die andere große Protestantin der deutschen Politik, die Pfarrerstochter Angela Merkel, stand er doch inhaltlich immer wieder –knapp aber deutlich – politisch rechts von ihr. So auch gleich zu Beginn seiner Amtszeit, als er sich von Christian Wulffs Formulierung distanzierte, der Islam gehöre "inzwischen auch zu Deutschland". Gauck widersprach seinem Vorgänger: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Damit setzte er ein politisches Signal: Er nickte jenen zustimmend zu, die von der jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes sprechen. Angela Merkel hingegen bekräftigte später Wulffs Kurs: "Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat: Der Islam gehört zu Deutschland. – Das ist so; dieser Meinung bin ich auch."

Gauck betonte stets den Wert einer demokratischen Gemeinschaft, in der es nicht um die Religionszugehörigkeit oder Herkunft der Einzelnen geht, sondern um eine normative Basis. "In einer offenen Gesellschaft kommt es nicht darauf an, ob diese Gesellschaft ethnisch homogen ist, sondern ob sie eine gemeinsame Wertegrundlage hat", sagte er im vergangenen Oktober, am Tag der Deutschen Einheit. Man konnte ihm anmerken, wie sehr ihn die Debatte um Deutschland als Einwanderungsland umtrieb. Seiner Ansicht nach darf sich eine offene Gesellschaft gegenüber Hilfesuchenden nicht verschließen, weil sie sonst ihre eigenen demokratischen Werte aufgibt. Er betrachtete den Kraftakt, die neuen und die alten Bundesbürger immer wieder für diese Werte zu gewinnen, als größere Aufgabe als die des Zusammenwachsens von Ost- und Westdeutschland. Und erneut zeigte er sich konservativer als die Kanzlerin. In der Mitte der Debatte um eine von der CSU geforderte "Flüchtlingsobergrenze", gegen die sich die Kanzlerin wochenlang wehrte, sagte Gauck: "Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich."