Es geht zurück. US-Präsident Donald Trump will mit seiner Maxime America First ein Neo-Merkantil-System mit Strafzöllen etablieren und das Land in die nationale Wagenburg verschanzen. In Frankreich trommelt Marine Le Pen für einen Frexit und eine Rückkehr zum Franc. Und in Deutschland erträumt sich die AfD ein Retropia der 1950er, in dem Mutti hinterm Herd steht und Vati das Geld für die Familie verdient.

In das Geraune kollektiver Rückwärtsgewandtheit hat der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor wenigen Tagen einen knapp 35.000 Zeichen umfassenden offenen Brief verfasst, in dem er die Vision von einer "globalen Gemeinschaft" entwirft. Das soziale Netzwerk steuert auf die magische Marke von zwei Milliarden Nutzern weltweit zu, und da scheint es nötig zu sein, eine Art Grundsatzpapier zu verfassen. "In Zeiten wie diesen", hebt Zuckerberg an, "ist die wichtigste Sache, die wir bei Facebook tun können, eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, um den Menschen die Macht zu geben, eine globale Gemeinschaft zu bauen, die für uns alle funktioniert." Nachdem es sich Facebook zum Ziel gesetzt habe, "Freunde und Familien" zu vernetzen, sei es jetzt an der Zeit, eine "sichere, informierte, gesellschaftlich engagierte und inklusive Community" zu errichten.

Der Brief liest sich wie ein Manifest: ambitioniert, pathetisch, idealistisch. Zuckerbergs Ziel ist es, von Alaska bis Neuseeland ein identitätsstiftendes Integral der Weltgemeinschaft zu konstituieren. Auch wenn er das Wort nicht explizit nennt, ist klar, was der Facebook-Chef mit seinen Ausführungen meint: Nationalismus. Das führt zu der interessanten Fragestellung, ob Facebook die Antwort auf den anschwellenden Bocksgesang des Nationalismus ist, auf die autoritären Versuchungen eines Geert Wilders oder einer Marine Le Pen. Eine supranationale Institution, die im Gegensatz zu den Vereinten Nationen funktioniert, weil Algorithmen auf Facebook durchregieren können. In Zeiten, in denen das Vertrauen in staatliche Institutionen erodiert und Facebook mehr Vertrauen als der Regierung entgegengebracht wird, könnte das soziale Netzwerk ein Surrogat für den Nationalstaat werden.

Schleift Facebook staatliche Strukturen?

"Über das Wählen hinaus", schreibt Zuckerberg, gelte es, "den Menschen dabei zu helfen, mit den für sie im Alltag wichtigen Themen beschäftigt zu bleiben, und das nicht nur alle paar Jahre an der Wahlurne. Wir können helfen, den direkten Dialog und die Verantwortbarkeit zwischen Bürgern und ihren gewählten Repräsentanten aufzubauen. Der indische Premierminister Modi hat seine Minister gebeten, ihre Meetings und Informationen auf Facebook zu teilen, sodass sie direktes Feedback von den Bürgern einholen können. In Kenia betreiben ganze Dörfer WhatsApp-Gruppen (Facebook hat den Messengerdienst 2014 für 19 Milliarden Dollar übernommen, Anmerkung der Redaktion), inklusive ihrer gesetzlichen Vertreter. Während der jüngsten Wahlkampagnen weltweit – von Indien und Indonesien und Europa bis hin zu den USA – haben wir gesehen, dass der Kandidat mit den größten und engagiertesten Followern auf Facebook meistens gewinnt."

Aus diesen Zeilen lässt sich viel über das Staats- und Demokratieverständnis von Facebook ablesen. Zum einen versteht sich Facebook als Plattform für politische Prozesse. Zum anderen als Kommunikations- und Legitimationskanal für den Staat-Bürger-Dialog. Den Staat braucht es schon gar nicht mehr in Zuckerbergs Vorstellung. Politiker und Wähler vernetzen sich einfach auf Facebook. Der Facebook-Gründer glaubt, diejenigen, die sich im tradierten politischen System abgehängt fühlen, über das soziale Netzwerk integrieren und die Fliehkräfte damit bändigen zu können.

Zuckerberg sinniert in dem Brief sogar über ein "weltweites Wahlsystem", um Nutzern mehr "Stimme und Kontrolle" zu geben. Hier scheint der utopistische Gedanke der einen Welt auf. Doch offenbart sich ein seltsames Demokratieverständnis: Muss der Nationalstaat erst demontiert werden, damit sich der Bürger über soziale Netzwerke Gehör verschaffen kann? Wie will man Bürger mit Instrumenten ermächtigen, deren Funktionsweise undurchsichtig ist? Wenn Facebook zur Politik-Cloud, zum Ermöglicher von Partizipation wird, schleift Facebook jene staatlichen Strukturen, die diese Rechte erst verbriefen.

Die Mehrheit der Nutzer verlässt die Filterblase nie

Die Frage ist: Wie sollen Werte in einer sogenannten globalen Gemeinschaft verhandelt werden, die aus so vielen Kulturen und Sprachen besteht? Was in dem einen Kulturkreis erlaubt ist, gilt in dem anderen unter Umständen als anstößig. Facebook hat in der Vergangenheit mit Rücksicht auf bestimmte Kulturkreise wiederholt künstlerische Bilder nackter Menschen, etwa Gustave Courbets Gemälde Der Ursprung der Welt oder Nick Úts pulitzerpreisgekrönte Kriegsfotografie des nackten Napalm-Mädchens zensiert. Kultur lässt sich also verbannen – die Community protestierte.

Ist der von Zuckerberg zu Markte getragene Globalismus nicht eine zu schwache Matrix, um zwei Milliarden Nutzer zu einen? In den "Gemeinschaftsstandards" von Facebook, die sich wie eine Art Grundrechtekatalog lesen, heißt es unter dem Punkt Nacktheit: "Manchmal teilen Personen Inhalte mit Nacktdarstellungen, beispielsweise im Rahmen von Kunstprojekten oder Kampagnen, um das Bewusstsein für ein bestimmtes Problem zu erhöhen. Facebook schränkt die Darstellung von Nacktheit ein, da einige Zielgruppen innerhalb unserer globalen Gemeinschaft auf diese Arten von Inhalten unter Umständen sensibel reagieren können, insbesondere aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds oder Alters." Das sind jedoch keine Werte, die sich die globale Gemeinschaft in einem Sozialvertrag selbst gegeben hat, sondern die Facebook der Community oktroyiert. Facebook kennt nur den Like als Mittel der Zustimmung.

Facebook ist keine moderne Gesellschaft

Kann das die Grundlage für ein Nachfolgemodell der Nation sein, von der Ernest Renan sagte, sie sei ein "Plebiszit, das sich jeden Tag wiederholt"? Oder ist Facebook gar die ultimative Nation, weil sich die Klicks als direktdemokratischstes Instrument sekündlich perpetuieren?

Zuckerberg bemüht als rhetorische Figur die historische Entwicklung von Stämmen zu Städten und Nationen. Und in dieser Entwicklungslinie verortet er sein soziales Netzwerk. Facebook ist im Grunde ein globales Dorf. Der Softwareingenieur aus Palo Alto steht einem Start-up-Gründer aus Berlin ideologisch und politisch näher als seiner Familie aus Montana. Forscher haben herausgefunden, dass zwei x-beliebige Facebook-Nutzer im Durchschnitt nur dreieinhalb Freunde trennen. Das schafft Nähe, und diese Nähe kann sich zu Solidarität verdichten. Doch Facebook ist keine moderne Gesellschaft, sondern eine Stammesgesellschaft, die hochsegmentiert und funktional wenig ausdifferenziert ist. Das soziale Netzwerk ist in Echokammern zersplittert, in denen sich Gleichgesinnte aufhalten. Konflikte werden nicht zivilisiert, sondern durch die neue Form der Fehde, Hate-Speech, ausgetragen. Die große Mehrheit der Nutzer verlässt die regionale Filterblase nie.

Man kann daraus schließen, dass Facebook die aggressiven Nationalismen eher befeuert als transzendiert. Der Tribalismus, das Cocooning, der Rückzug in die Gemeinschaft Gleichgesinnter, ist letztlich dieselbe Antwort auf die Globalisierung wie der Nationalismus. Auch wenn Facebook mit bald zwei Milliarden Nutzern die wohl größte verfasste Gemeinschaft ist, die es je gegeben hat, ist das soziale Netzwerk kein Gegenentwurf zum Nationalismus. Mit seiner Inselstruktur und der Tendenz zu moralischem Rigorismus dürfen wir Facebook vielmehr als Nebenstrang nationalistischer Bewegungen verstehen.