Wir müssen uns der unbequemen Erkenntnis stellen: Trump wurde nicht trotz, sondern wegen seiner pussy grabs gewählt. Der neue Stil, der mit ihm Einzug ins Weiße Haus hält, seine polternde Brachialität, das offensive Lügen und Beleidigen, die Mackerposen, die offensive Verachtung der demokratischen Spielregeln, erweist sich als erfolgreich, nicht nur in den USA, sondern auf der Weltbühne und zunehmend auch in Europa. Wie kann das sein? Wie lässt sich das erklären? Was macht die Akteure dieser ultranationalistischen, antidemokratischen, rassistischen und rechtsextremen Bewegung so attraktiv? Wie schaffen sie es, den demokratischen Diskurs so zu verändern?

Paula-Irene Villa ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München und unter anderem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik, Sozialtheorien, Care/Fürsorge, Popkultur. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © privat

Milo Yiannopoulos, der Breitbart-Journalist und Posterboy der Alt-Right-Bewegung, tourt seit 2015 durch die Universitäten der USA. Das Motto der Tour ist typisch provokant: "Dangerous Faggot" – "gefährliche Schwuchtel". Die irritierenden Auftritte dieses "Zeremonienmeisters des Hasses" sind in mehrerer Hinsicht maximal widersprüchlich: Milo inszeniert sich ostentativ als schwuler "bottom", der Sex mit "großen schwarzen Männern" bevorzugt. Bei seinen Vorträgen trägt er allerlei Klunker oder tritt gleich in drag auf.

Und doch ist er der Liebling einer offensiv homophoben und sexistischen Blase, die gender trouble ansonsten nur als Zielscheibe von Spott, Verachtung oder Trollattacken erträgt. Er ist ein weißer Nationalist, hat aber einen Namen, der außerhalb Griechenlands so migrantisch klingt wie sein Akzent in den USA britisch. In dem auch antisemitischen Kontext der Alt-Right kokettiert er mit seiner angeblich jüdischen Herkunft. Immer, ob auf der Bühne, in Interviews, im Fernsehen oder in eigenen Texten, hetzt Yiannopoulos im zynisch-ironischen Tonfall gegen Frauen, gegen Feminist_innen, gegen Liberale und Linke, gegen Schwule und transgender people, gegen Eliten und Black Lives Matter.

Entpolitisierungscomedyshow

Wir sollten Yiannopoulos unbedingt ernst nehmen. Der Ziehsohn von Steve Bannon, dem ehemaligen Chef von Breitbart News und Einflüsterer von Donald Trump, ist das popkulturelle Gesicht der Ultrarechten in den USA, er gibt den angry young white men Sichtbarkeit und Geltung, ohne jedoch selbst angry zu sein. Er scheint überhaupt keine Emotionen zu haben – von ironischem Zynismus und arroganter Schadenfreude mal abgesehen. Genau diese Coolness ist die zentrale performative Pointe seiner erfolgreichen politischen Entpolitisierungscomedyshow.

In einem Interview mit dem britischen Channel 4 vom letzten November, das zurzeit wieder in den Social Media zirkuliert, nimmt ihn eine energische und hartnäckige Journalistin ins Kreuzverhör. Ihr geht es vor allem darum, ihn zu beschämen; sie fragt ihn, wie er sich denn fühle und ob ihm gar nicht unbehaglich zumute sei, wenn er systematisch Menschen und Gruppen beleidige und beschimpfe, und sie lässt ihn ihre eigene Empörung deutlich spüren. "I don't care about your feelings", entgegnet Yiannopoulus mehrfach und vehement. Er besteht darauf, dass verletzte Gefühle und emotionale Befindlichkeiten ihm völlig egal seien. Eben die politische und kulturelle Vorherrschaft der Gefühligkeit wolle er brechen, genau gegen diese Empfindsamkeit seien seine absichtlich provokanten Einlassungen gerichtet.

"I don't care about your feelings." Dieser Satz scheint mir entscheidend zum Verständnis des (selbstverständlich selbst verschuldeten) politischen Erdrutsches, der die USA erfasst hat und auch Europa, auch Deutschland droht.

Positionaler Fundamentalismus

In dem Interview agiert Yiannopoulos mit einer Ambivalenz, die sich als höchst anschlussfähig erweist: Einerseits ist ja auf perverse Weise durchaus etwas dran an der Behauptung, dass die "Idee der verletzten Gefühle eine Art wertvolle Währung" im politischen Markt geworden sei. In öffentlichen Debatten erleben wir immer wieder einen positionalen Fundamentalismus, die primitive Essentialisierung und Verabsolutierung von sozialen Positionen: Weil jemand weiß ist, soll er dieses oder jenes nicht dürfen. Weil jemand schwul ist, hat er angeblich so oder so zu sein. Weil es thailändisches Essen nur in Thailand, jamaikanische Musik nur in Jamaika, argentinischen Tango nur in Argentinien geben darf, kann das Essen oder die Musik nicht aus München oder Kyoto sein.

Diese kulturelle oder positionale, bisweilen schlicht biologistische Verdinglichung betreibt das Geschäft des Essentialismus in kritisch-links-grün. Sie verweigert sich der Analyse des komplexen Zusammenhangs zwischen ökonomischem, sozialem, körperlichem oder kulturellem Sein und argumentativem, politischem, ethischem, ästhetischem Bewusstsein. Dieser positionale Fundamentalismus taugt als Politiksurrogat. Statt sich argumentativ auseinanderzusetzen, zieht er sich auf emotionalisierte Reaktionen zurück und beruft sich auf das richtige Gefühl. Man wirft zum Beispiel anderen Mikrorassismus und cultural appropriation vor, doch statt diese Vorwürfe argumentativ zu begründen, werden sie mit der Evidenz der eigenen Empörung und Entrüstung, dem Ärger und der Verachtung begründet.