Die Linke hat ein Problem. Natürlich nicht nur eins, sondern viele, aber dieses eine brennt ihr gerade besonders auf der Seele. Denn spätestens seit Trumps Wahlsieg gibt es eine Diagnose für ihr Scheitern, für ihren eigenen Beitrag zum Aufstieg der Neuen Rechten im Westen: die Identitätspolitik. Die Linke habe sich zu sehr mit den Befindlichkeiten sozialer Minderheiten befasst, habe dadurch den Anschluss an die breite Gesellschaft verloren.

Gender-Studies statt Kapital-Lektüre, Transsex-Toiletten statt Mietenpolitik, Political Correctness statt soziale Gerechtigkeit – linker Politik im und außerhalb des Parlaments wird vorgeworfen, ihre eigene Herzensangelegenheit verraten zu haben. Die soziale Frage wird dabei zur vernachlässigten Kontrahentin der Identitätspolitik erklärt.

Simone Rosa Miller lebt als freie Autorin in Berlin. Sie arbeitet als Kulturredakteurin beim Deutschlandradio Kultur, wo sie unter anderem die Philosophiesendung "Sein und Streit" moderiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Diese Kritik ist wichtig. Wer könnte bestreiten, dass eine selbstkritische und kontroverse Auseinandersetzung innerhalb des linken Spektrums mit der eigenen Rhetorik und Agenda nicht mehr als überfällig wäre? Aber ist es sinnvoll, soziale und symbolische Anerkennung derart gegeneinander zu stellen? Müssen wir uns einen transgender-Beamten und einen heterosexuellen Arbeitslosen wirklich als politische Antithesen vorstellen, als Widersacher im Kampf um linke Gunst? Die Schwierigkeiten dieser Frontstellung sind augenscheinlich: Symbolische Minderwertigkeit führt oft auch zu sozialer Prekarität. Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeführt werden, sind schlechter bezahlt – man denke an den Pflege- und Erziehungssektor. Für Trans-Menschen, People of Colour, Menschen mit Handicaps ist der Zugang zu gewünschten Jobs, Wohnungen und Dienstleistungen oft erschwert, ihr Einkommen unterdurchschnittlich.

Tabuisierung sexueller Identitäten

Und auch soziale Prekarität geht häufig Hand in Hand mit symbolischer Missachtung. Wenig Geld, mangelndes Wissen, fehlerhafte Grammatik – all das mindert das öffentliche Ansehen, reduziert den Respekt, der einem entgegengebracht wird. Die falsche Adresse, schlechte Klamotten und eine sichtbare Zahnlücke können in den Augen öffentlicher Institutionen wie Gerichten, Ämtern und Bildungseinrichtungen selbst jemandes Glaubwürdigkeit infrage stellen.

Die zugespitzte Neuauflage der Debatte um Umverteilung und Anerkennung kann nur dann produktiv sein, wenn sie diese Verschränkungen mitdenkt. Vielleicht sollten wir den Blick also auf die Gemeinsamkeiten der "Schrägen" und "Abgehängten" richten und danach fragen, welche sozialen Erfahrungen sie miteinander teilen.

Die AfD schürt derzeit die Angst vor dem "Diktat des Regebogens".Wörtlich wendet sie sich beispielsweise ihre "Magdeburger Erklärung gegen Frühsexualisierung" dagegen, "dass unsere Kinder in Schule und Kita mit scham- und persönlichkeitsverletzenden Inhalten in Wort, Bild und Ton konfrontiert werden". Gleichgeschlechtliche Liebes- und Lebensformen, genau wie sexuelle Identitäten zwischen den beiden Geschlechtern, sollen, wenn es nach der AfD geht, wieder tabuisiert werden.

Mottenkiste der Beschämung

Die AfD versucht also, die Queers wieder auf ihren angestammten Platz zu verweisen. Im Subtext der Magdeburger Erklärung schlummert die überkommene Vorstellung: "Sollen die doch froh sein, dass sie in ihren Schlafzimmern machen können, was sie wollen. Aber wir wollen damit nicht belästigt werden, schon gleich gar nicht öffentlich". "Die" sind also nicht einfach anders als die heterosexuelle Mehrheit, sondern sie sind auf beschämende Art und Weise anormal. Die Thematisierung von queeren Lebensweisen wird als Angriff auf die eigene heterosexuelle Integrität und das eigene Schamgefühl gewertet. Statt Differenz anzuerkennen, greift die AfD also tief in die Mottenkiste der Beschämung.

Das Gefühl der Scham ist eine der großen Konstanten in der Geschichte der Queers. Die Angst davor, in der eigenen Familie und der Öffentlichkeit als pervers, krank und widerwärtig verunglimpft zu werden, macht den Schrank (noch heute) für viele zum sicheren Versteck. Die Verkehrung der Scham in Stolz dagegen war und ist der politische Motor ihrer Emanzipation.