Es war der Tag nach dem Brexit, als ich merkte, dass wir verschlafen hatten. Meine Kommilitoninnen und ich saßen abgeschirmt vom englischen Wetter unter der Markise einer Restaurant-Kneipen-Kette, die sich aufgrund von Happy-Hour-Cocktails bei uns großer Beliebtheit erfreut, stocherten in unseren Snacktellern herum, drehten Zigaretten aus überteuertem Tabak und wollten es nicht wahrhaben.

Rebecca Martin, 26, studiert derzeit Drehbuchschreiben in Berlin und England. Von ihr erschienen die Romane "Frühling und so", "Und alle so yeah" sowie “Nacktschnecken". Ihre szenischen Texte wurden zuletzt am Soho Theatre in London aufgeführt und unter anderem mit dem Prix Marcela Delpastre ausgezeichnet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Simon Kubisch

Am Tag zuvor hatte ich, dank meiner britischen Staatsangehörigkeit, ein Kreuz auf dem Wahlzettel gemacht, während ich unser aller Lieblingsmotto der vergangenen Monate vor mich hin murmelte: Es wird schon nicht so weit kommen. Ich wog mich in Sicherheit, denn wir hatten uns alle oft genug gut zugeredet, dass die Vernunft siegen wird. 

Als die Kandidatur von Trump uns längst kalt erwischt hatte, hielten wir daran fest, dass ein homophober, frauenfeindlicher, rassistischer, krimineller Mann niemals als Präsident der Vereinigten Staaten durchgehen würde. Nach der Wahl redeten wir uns dann abermals gut zu, dass er seine Wahlkampfversprechen schon nicht einlösen werde und die Vernunft siegen wird. Tag für Tag werden wir nun eines Besseren belehrt und können das Ausmaß der Absurditäten schlicht nicht begreifen.

Aber hätten wir all das nicht wissen müssen?

Genauso wie wir wissen, dass manche Menschen ihre Zigaretten in Kaviar ausdrücken, während zur selben Zeit Mütter gezwungen sind, ihre Kinder mit Lehm zu füttern. Wie wir wissen, dass die Welt schlecht ist. Wir wissen, dass wir uns nicht immer moralisch korrekt verhalten, weil unser ganzes System nicht moralisch korrekt aufgebaut ist. Unsere T-Shirts kommen aus Fabriken in Bangladesch, wo Menschen aufgrund mangelnder Sicherheitsstandards sterben, und selbst wenn wir versuchen, Second-Hand- oder Fairtrade-Ware zu kaufen, ist es manchmal eben nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten in unserem eigenen Land, einem der reichsten der Welt, das Wohlstand belohnt und Kinderarmut und sozialen Abstieg nicht zu verhindern vermag.

Wir wissen das alles, und tun doch schon alles, was uns möglich ist:

Wir essen kein Fleisch oder leben gleich komplett vegan.
Wir posten Mitleidsbekundungen zu den Anschlägen in Paris, Nizza, Brüssel, London, Berlin, wir posten traurige und wütende Smileys, Liebesbotschaften und Hassansagen. Wir nehmen die Anschläge im eigenen Land emotional zur Kenntnis und wollen die Angst dennoch nicht Überhand nehmen lassen. Wir sorgen uns um die Sicherheit von türkischen Journalisten und sagen uns wehmütig, dass wir ja auch nochmal gern nach Istanbul gereist wären, aber ob das jetzt noch eine gute Idee ist?

Wir versuchen immer noch, den Ukraine-Konflikt zu verstehen. Wir sehen, dass der IS noch immer nicht besiegt ist und fragen uns nun doch, ob dort nicht militärisch interveniert werden sollte, und ob das mit unseren pazifistischen Grundidealen vereinbar wäre. Wir regen uns darüber auf, dass den Opfern von Boko Haram oder Quebec nicht dieselbe Solidarität entgegengebracht wird wie europäischen Anschlagsopfern, vergessen aber gern mal abends beim Feiern, dass Tausende von Menschen von der Drogenmafia getötet werden, ebenso wie wir beim Badeurlaub am Mittelmeer vergessen müssen, dass ebendieses Meer ein Massengrab für Tausende von Hoffnungen auf ein besseres Leben ist.

Wir unterschreiben Petitionen, wir gehen gegen den Muslim Ban und für die Frauenrechte auf die Straße, wir beschweren uns über die Fahrlässigkeit von Medien, die mit aufbauschenden Schlagzeilen den Hass schüren, anstatt ihn zu bekämpfen, wir schauen uns im Kino den neuen Ken-Loach-Film an und heulen Rotz und Wasser, weil uns die Ungerechtigkeit so trifft und das Elend der Welt so rührt.

Wir fragen uns, warum uns im Jobcenter die Würde genommen werden muss und warum es kein Grundeinkommen gibt, warum Feminismus erst im Berufsleben ein Thema wird, warum nicht mehr Frauen in Führungspositionen sind, warum wir Führungspositionen überhaupt brauchen und was eigentlich für den Kapitalismus spricht.

Kurzum: Wir verdrängen, wir explodieren vor Entrüstung, wir rufen uns zu, dass es Zeit wird zu kämpfen, und ein paar Tage später widmen wir uns doch wieder unserem Netflix-Account. Warum ist das so? Wovor haben wir eigentlich Angst?