Eine meiner westfälischen Tanten heiratete in den sechziger Jahren nach Niederösterreich ein. Die zahlreichen Kinder der Verwandtschaft – darunter auch ich – verbrachten unendlich lange, schöne Sommer auf ihrem großen Gutshof, inmitten von Schafen, Hunden, Hühnern und Fasanen, die sie züchtete. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen war es, beim Unkrautjäten oder Obstpflücken unsere glanzvolle Zukunft zu bereden: Würden wir einst reich sein? Berühmt? Wie viele Kinder würden wir haben? Wen würden wir heiraten, wie würden wir dann heißen? Die infrage kommenden entfernt verwandten Cousins sagten mir alle nicht besonders zu. Obwohl manche von ihnen sogar richtig glamouröse Namen hatten.

Stephanie Fezer, die vor Kurzem noch Wurster hieß, lebt als freie Autorin und Redakteurin in Berlin. Sie studierte deutsche und englische Literaturwissenschaften in Freiburg, Köln und Berlin. 2015 erschien ihre Übersetzung des Romans "Torpor" von Chris Kraus im b_books-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

In meiner Kindheit war eine Namensänderung für Frauen in Deutschland üblich. In einem Fachkommentar zum BGB argumentierten Juristen noch 1976: "Der Frau ist ein Namenswechsel im Zweifel eher zumutbar, da sie als die zumeist Jüngere vor der Heirat weniger lang im Berufsleben stand, nachher zur Versorgung der Kleinkinder oft einige Jahre aus dem Beruf ausscheidet sowie überdies in ihm häufig weniger hohe Positionen einnimmt als im Durchschnitt der Mann." Erst 15 Jahre später konnte der Geburtsname der Frau auch der Familienname sein.

Einfach war diese Gesetzesänderung nicht durchzusetzen. Dem Verfassungsgerichtsurteil vom März 1991 gingen Klagen von Einzelpersonen, Anfragen der Fraktionen an den Bundestag und Anträge einzelner Bundesländer voraus. Der Deutsche Juristinnenbund kämpfte jahrelang für diese Novellierung des Namensrechts. Auch in anderen Ländern zählte die freie Namenswahl lange zu den Kernpunkten feministischer Forderungen. In Japan, wo seit 1896 ausnahmslos gilt, dass sich verheiratete Paare für einen Namen entscheiden müssen – und 96 Prozent der Frauen dann den Namen des Mannes übernehmen, was Bände über den sozialen Druck spricht –, wird seit vielen Jahren gegen die veraltete Regelung geklagt. Erfolglos.

Verflechtung von Persönlichkeit, Namen und Identität

In den USA bildete sich 1921 die Lucy Stone League, unter deren Mitgliedern viele einflussreiche Journalisten und Journalistinnen waren. Die Lucy Stoner setzten sich vehement dafür ein, dass Frauen ihren Namen behalten durften. In den USA ist das seit 1972 möglich. Dennoch entscheidet sich nur eine von fünf Frauen bei der Heirat dafür.

Dass Frauen in diesem Land dank des zähen Engagements von verschiedensten Initiativen und Feministen/innen die Wahl haben, ihren Geburtsnamen zu behalten, bedeutet auch, dass sie heute die Freiheit haben, ihren Namen zu ändern – den Namen, den sie wohlgemerkt immer von ihrer Familie väterlicherseits vererbt bekamen. Die innere Distanz zu meinem Namen war wohl schuld daran, dass er dauernd falsch geschrieben wurde. Ich glaube, ich habe ihn nie gut aussprechen können. Ich kam nie gut mit ihm zurecht.

Vor ein paar Wochen saß ich dann in einem prächtigen neogotischen Standesamtszimmer in Berlin-Neukölln, neben meinem langjährigen Lebenspartner, flankiert von meinen zwei Töchtern, im Rücken drei kichernde Freundinnen. Der Standesbeamte spulte sein Programm ab – Begrüßung, Belehrung, Gedicht –, und fast hätte ich es überhört: Hatte er gerade gefragt, ob noch eine/r von uns den Nachnamen des anderen annehmen wolle? Tatsächlich. Wenn, dann jetzt, dachte ich, und bejahte. Das war's. Ich wunderte mich, dass er es überhaupt gehört hatte. Er eilte aus dem Zimmer, um die Formulare zu ändern, Bob Marley sang "Is this love?" in Schleife, und als wir fünfzehn Minuten später verheiratet waren, hieß ich offiziell Fezer.

Das ging schnell. Erst danach fing ich an, über die Bedeutung einer Namensänderung nachzudenken und über die enge, oft unlösbar erscheinende Verflechtung von Persönlichkeit, Namen und Identität. Ich wette, auch Hettie Jones hat viel darüber nachgedacht, als sie in den späten 1980er Jahren ihre Autobiografie How I became Hettie Jones verfasst hat. Hettie Jones war mit dem Jazzpoeten LeRoi Jones verheiratet. Mit Joyce Johnson, Helene Dorn, Lenore Kandel, Diane DiPrima und Ruth Weiss gehörte sie zur US-amerikanischen Boheme der 1950er und 1960er Jahre, zur Beat Generation, und einige dieser Frauen waren mit dem legendären Black Mountain College assoziiert. Eine schöne Ausstellung im Karlsruher ZKM stellt einige von ihnen zurzeit vor – sechs, genauer gesagt, sechs von insgesamt 80 Protagonisten/innen der Zeit.