Als ich damals, nach dem, was mir im Wald passiert war, nach Hause kam, hatte ich sicherlich kein Wort dafür. Vielleicht sagte ich: "Da kam ein Mann und hat mich vom Fahrrad gezerrt …" Auch meine Familie fand keine Bezeichnung für das, was mir geschehen war. Es wurde auf keinen Begriff gebracht, und das war in meinem Fall letztlich gut so: Das Tabu schützte mich und sorgte dafür, dass die Deutung dieses – ja: dieses Erlebnisses – bei mir blieb. Die Polizei wollte den genauen Tathergang wissen; für die konkreten sexuellen Gewalthandlungen einen sprachlichen Ausdruck zu finden, war schwer genug.

Das Wort "Vergewaltigungsopfer" habe ich erst später kennengelernt und es mir, Gott sei Dank, bis heute vom Leibe gehalten. Ich weiß noch, wie erschrocken und angewidert ich war, als ich es zum ersten Mal hörte. Dass es solche Begriffe braucht, um die gesellschaftlichen Folgen von etwas zu regeln, das nie hätte passieren dürfen, ist ein Problem, das ich mir nie zu eigen machen wollte. Sollen die anderen sich mit diesen Wörtern herumschlagen. Wie sie mit dem Hässlichen und Gewalttätigen der Sprache, die sie im Mund führen, zurechtkommen, geht mich nichts an.

Ich sehe ein, dass man das Dings irgendwie nennen muss, um Statistiken zu führen, Rechte und Ansprüche zu definieren, die Täter haftbar zu machen et cetera. "Call it Cornflakes", hat ein Lehrer von mir immer gesagt, wenn er mit uns Begriffsarbeit machte. Wir haben die Begriffe nötig, aber sie sind tückisch, weil sie die Entfremdung, die der Betroffenen durch die Gewalttat entsteht, wiederholen, und wir sollten sie nicht mit der Realität des Erlebens verwechseln, die eine andere Sprache verlangt.

Jupiter geht straffrei aus

Marion Detjen ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen auf der deutsch-deutschen Migrationsgeschichte, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

In Ovids Metamorphosen passiert es der Nymphe Callisto, auch ihr passiert es in einem Wald. Jupiter geht straffrei aus, weil die grausame Götter- und Menschengesellschaft, in der die beiden sich bewegen und in der die Tat geschieht, ihre Folgen anders regelt als wir. Das crimen, als Verbrechen und Frevel und Schuld, geht auf die Geschändete über, und Callisto wird der Rache Junos ausgeliefert. Dass sie ein Opfer gewesen (victima) oder ein Opfer gebracht hätte (sacrificium), davon ist bei Ovid nicht die Rede, es hätte auch überhaupt keinen Sinn ergeben in der antiken Gesellschaftsordnung. In den Augen der anderen ist sie die Ehebrecherin (adultera) und Trägerin der Schande (dedecus, crimen, culpa). Aber dabei belässt es Ovid eben nicht, sondern versetzt sich in Callisto hinein und schildert genau, wie sie es erlebt. In Ovids Dichtung wird das Erlebnis Vergewaltigung universell und zeitlos.

In der taz haben Mithu Sanyal und Marie Albrecht unlängst den Vorschlag gemacht, das Wort "Vergewaltigungsopfer" durch "Erlebende sexualisierter Gewalt" zu ersetzen, und damit einen Shitstorm sondergleichen entfacht. Ich verstehe ihren Vorschlag als einen, allerdings misslingenden, Versuch, die von Ovid beschriebene Diskrepanz zwischen den hässlichen, gewalttätigen Wörtern, die die Gesellschaft für ihr Funktionieren braucht, und dem Erleben derjenigen, die sich in dieser Gesellschaft plötzlich schutzlos wiederfinden, zu thematisieren. Natürlich ist eine Vergewaltigung ein Erlebnis, und natürlich ist "das Einzige, was Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, teilen, (…) eben dieses Erlebnis", da haben Sanyal und Albrecht völlig recht. Erlebnisse werden zu Erfahrung, und die Erfahrung können wir uns zunutze machen. In der Erfahrung deuten und interpretieren wir eine Geschichte, die zuallererst uns gehört, und nicht der Gesellschaft. Darin liegt das emanzipative Potenzial des Vorschlags.

Misslungen ist der Versuch jedoch deshalb, weil Sanyal und Albrecht naiv glaubten, durch Ersetzung der hässlichen Wörter gleich auch das Stigma mit zu beseitigen, das wohl in fast allen Gesellschaften mit Vergewaltigung einhergeht. "Doch keine Sorge, es gibt eine Lösung!", schreiben sie. Nein, so einfach ist es nicht. Solange bei uns Vergewaltigungen vorkommen, wird auch das Stigma da sein. Ändern lassen sich nur die Folgen, die aus dem Stigma erwachsen, und die Art und Weise, wie es wirkt: Es ist immerhin schön und ein Fortschritt, dass wir heute nicht mehr in Bärinnen verwandelt, also ganz aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, wie Callisto. Sanyal und Albrecht haben den Fehler begangen, die Diskrepanz zwischen den etablierten Begriffen und dem Erleben der Betroffenen nicht nur zur Diskussion zu stellen, sondern schließen zu wollen. Sie hätten lieber mit Ovid an einer Sprache für das Erleben arbeiten sollen, als es zum Begriff zu zementieren und zu bürokratisieren. (Eine Zusammenfassung der gewalttätigen Auseinandersetzung um ihren Artikel findet sich hier.)