Als ich die Tür aufstoße, spüre ich leichte Unsicherheit. Ich komme selten her, schon gar nicht, um Kunst zu konsumieren. Neben Drinks und Burgern erhalte ich am McDonald's-Tresen ein kleines Radio mit Kopfhörern. In sieben Frankfurter Filialen der Fast-Food-Kette ist gerade die McDonald's Radio University (MRU) eingezogen, ein Projekt des japanischen Theaterregisseurs Akira Takayama.

Das Lokal ist gerammelt voll. Ich finde mit Mühe einen Platz, setze die Kopfhörer auf, ziehe die Antenne raus und stelle die Frequenz auf 88,6. Denn gleich wird irgendwo im Lokal ein Geflüchteter einen Vortrag zum Thema Urban Research (Stadtforschung) halten, den ich per Radio mithören kann. Keine Werbung weist darauf hin. Keine Plakate, keine Flyer, nichts. Entweder hat man das Projekt über den Veranstalter Mousonturm entdeckt, oder man ist zufällig hier reingestolpert.

Esther Boldt ist Theaterwissenschaftlerin und schreibt als freie Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Medien wie "Theater heute", "taz" und "Nachtkritik". Ein Sammelband über Kritik in der Darstellenden Kunst mit Beiträgen von ihr ist vergangenes Jahr im Alexander Verlag Berlin erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Harald Schröder

Awal macht sich auf seinem Hocker fast unsichtbar, die schwarze Daunenjacke geschlossen, Kapuze in die Stirn gezogen, das Gesicht zwischen den aufgestützten Unterarmen verborgen. Es wirkt wie eine geübte Körperhaltung. Die Perspektive, unter der er den Stadtraum ins Visier nimmt, ist die eines "Illegalen" und Obdachlosen, der unablässig damit befasst ist, nach Unterschlupf- und Rastmöglichkeiten zu suchen. Nach Orten, an denen er temporär geduldet wird, sitzen darf, seine Beine ausstrecken, vielleicht sogar ein Nickerchen halten – ohne sich von der Polizei erwischen zu lassen. Denn dann droht die Abschiebung.

"I am hiding to stay", sagt der junge Mann aus Burkina Faso. Die temporären Unterschlüpfe können Schnellrestaurants sein, aber auch Parks, Bars und Clubs: Einer seiner Freunde freue sich stets aufs Wochenende, erzählt Awal, weil er dann für ein paar Euro Eintritt einen Club besuchen könne und dort einige Stunden schlafen, der lauten Musik zum Trotz. Eine Viertelstunde lang führt Awal seine Hörer*innen ein in die Überlebensstrategien eines obdachlosen, "illegalen" Migranten, in Verhaltenscodices und Techniken zum Auskundschaften sicherer Orte.

In den letzten Jahren haben Projekte mit Geflüchteten im deutschen Theater sprunghaft zugenommen. Wer heute "was mit Flüchtlingen" macht, darf sich der Publikumssympathien sicher sein und sich neben dem Politischen das Soziale auf die künstlerische Visitenkarte schreiben. Die Flüchtlinge bilden dabei häufig eine seltsam gesichtslose, anonyme Masse, die Aufführungen allenfalls mit Relevanz dekoriert, während weiterhin Schauspieler*innen im Vordergrund stehen. 

Oft bleiben Geflüchtete dabei ganz Objekt, Körper ohne Sprache. Und wieder werden die bekannten Bilder aus den Medien bestätigt, die höchst fragwürdigen Metaphern von Flüchtlingsströmen und Flüchtlingswellen. Als sei ein einziger gewaltiger Körper unterwegs nach Europa, ein Massemensch.