Zum wiederholten Male sah Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Thüringen und Gründungsmitglied des "Flügel", sich gezwungen, zu dementieren. Angeblich hätte er gesagt:

Das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt. Wir wissen aber natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und kein Weiß gibt.

Das Wall Street Journal, dutzendfach mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, behauptet, dass von diesem Zitat eine Tonbandaufnahme existiere. Höcke bestreitet das. Es gäbe keine Aufnahme. Nachzulesen ist das im ausgewiesenen Fachblatt für historisch-kritische Aufarbeitung deutscher Geschichte, nämlich in der Zeitung Junge Freiheit.

Irgendwo zwischen New York und Erfurt liegt die Wahrheit. Die Menschenrechtspostille Bildhat sich im Streit bereits positioniert und wirft dem Geschichtslehrer a.D. eine "Verharmlosung von Hitler" vor.

Dabei ist der Gedanke legitim. Zeichnen wir das ganze Bild, wenn wir in Hitler nur das Böse sehen? So wissen wir doch: Hitler war nicht nur böse. Er war auch kriminell und vorbestraft. Was wurde nicht alles publiziert, um sich der Person zwischen Privat-Adolf und Partei-Hitler zu nähern. Hitlers Hütte, Hitlers Hüte, Hitlers diesunddas. Wer aber war Hitlers Hitler?

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges, um sich jetzt doch einmal die Mühe zu machen und ins Detail zu gehen, wird mit dem Angriff auf Polen markiert. Überliefert ist der Satz: "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen". Abgesehen davon, dass zurückschießen bedeutet, dass jemand anderes anfing zu schießen, fiel der erste Schuss nachweislich um 4.35 Uhr. War Hitlers Uhr manipuliert? Ist die Tonbandaufnahme an dieser Stelle eindeutig? Wo doch hinlänglich überliefert ist, dass Hitler unter massiven Verdauungsstörungen litt? Sagte er wirklich "geschossen"?

Worum geht es?

Wer sich aber einer sorgfältigen und wachen Betrachtung nicht verschließt, wird in Hitler auch den Bohème, den Bordsteinzeichner anerkennen. Sein Werk umfasst nahezu 3.000 Zeichnungen und Aquarelle. Sie werden auf Auktionen in Deutschland nach wie vor versteigert. Für 130.000 Euro ging im November 2014 ein Kunstwerk nach Nürnberg. Wer sich freiwillig für viel Geld einen original Hitler an die Wand hängt, hat nicht nur den Mut, sich von einem gängigen Kunstgeschmack zu lösen, sondern auch den Mumm, sich von offizieller Geschichtsschreibung zu emanzipieren. Wer das kann, hat die Aufgabe, um es mal in Höckes Originalworten zu sagen, "unsere großartige Geschichte neu anzueignen" bewältigt. Darum geht es. Altbekanntes neu zu ordnen. Anders zu betrachten.

Hatte Hitler nicht auch viel Pech?

Hatte Hitler nicht auch viel Pech? Vor allem mit dem Wetter? Wenn man an Stalingrad 1942 denkt, handelt es sich da nicht vor allem um eine meteorologische Katastrophe? Und hätte die sowjetische Bevölkerung nicht starke Vorurteile gegenüber der deutschen Armee gehegt, wäre diese auch nicht gezwungen gewesen, länger als geplant zu bleiben. So funktioniert Geschichtsschreibung! Nicht immer nur Schwarz und Weiß.

Man muss bei aller Kritik fair bleiben. Hätte Hitler bessere Freunde gehabt, wäre vieles anders gelaufen. Erst machte Mussolini einen auf Freundschaft "Iiittlär, amico" und dann, was kam dann? Mussolini fand den Antisemitismus schlecht, dann wieder gut. Man kann gegen Hitler sagen was man will, aber im Gegensatz zu dem Italiener hat er sich aus dem Faschismus nicht die Rosinen herausgepickt.

So geht es doch in einer Tour weiter. Allein die Erwähnung der Autobahn kann einen Publizisten in Deutschland die Karriere kosten. Dabei kam nach Hitler kein einziges Verkehrsbauprojekt von Rang und Renommee zustande. Der Bau und die Instandhaltung seiner Autobahn – schönen Gruß an Alexander Dobrindt – rechneten sich auch ohne Maut. Dass Hitlers Züge wegen Oberleitungsstörungen nicht ankamen oder umgeleitet werden mussten, ist ebenfalls unbekannt. Zu Hitlers Zeiten hielt jeder Zug am Bahnhof Wolfsburg.

Katzenliebe und Frühsport

Nun wird auch Björn Höcke – vermutlich – nicht leugnen können, dass der Nationalsozialismus mit der Säuberung der "arischen Herkunft von der Judenrasse" einherging. In der Posener Rede sagte Heinrich Himmler, Chef von SS und Polizei und seit 1943 auch der Innenminister des Reiches, zu diesem Thema, dass "Sentimentalität gegenüber Nichtgermanen fehl am Platz" sei. Er fand, dass der Judenmord "ein Ruhmesblatt" sei, aber, und jetzt zitieren wir Himmler weiter: Angesichts der Härte der Morde sei die SS stets "anständig geblieben" und habe "diese schwerste Aufgabe in Liebe zu ihrem Volk erfüllt, ohne dabei seelischen oder charakterlichen Schaden genommen zu haben".

Was lernen wir also? Trotz Konzentrationslagern und millionenfachem Mord ging es doch darum, Mensch zu bleiben.

Ganz gleich, ob Höcke Hitler gut findet oder nicht, sein Anspruch, die "Mies- und Lächerlichmachung unserer Geschichte", wie er es in seinen Reden nennt, 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ein für alle Mal abzuschließen und uns "unsere großartige Geschichte neu anzueignen", bleibt.

Für die Gegenwart folgt daraus auch einiges, zum Beispiel, den NSU nicht immer nur als mörderische Terrorbande darzustellen. Beate Zschäpe ist doch mehr als eine Angeklagte vor einem Münchener Gericht. Beate Zschäpe, das war Katzenliebe und Sorge um die Großmutter, das war der ewige Kampf gegen ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften und Frühsport auf Fehmarn. Das war ménage à trois in Zwickau im Schatten der eben untergegangenen DDR, nachdem auch das Dritte Reich verloren war. Wer sich dann noch weigert, zehn hingerichtete Opfer hin oder her, das ganze Farbspektrum zur Kenntnis zu nehmen – Braun, um mal eine weitere Farbe ins Spiel zu bringen – dem ist doch nun auch nicht mehr zu helfen.