Männlichkeit funktioniere wie der Fight Club im gleichnamigen Film, heißt es 2014 bei Laurie Penny: "Die oberste Regel des Männerclubs ist, nicht über den Männerclub zu reden." Die Diskussion darüber, was es bedeutet, ein Mann zu sein, sei in den meisten gesellschaftlichen Kreisen stillschweigend tabu.

Für den akademischen Männerclub gilt das nur bedingt: Soziologen wie Raewyn Connell, Pierre Bourdieu und Jeff Hearn haben sich bereits seit den achtziger Jahren mit Kritischer Männlichkeitsforschung auseinandergesetzt. Jedoch gehören diese Namen nach Meinung aller, für die gender nicht irgendwann einmal fester Bestandteil eines geisteswissenschaftlichen Stundenplans gewesen ist, nicht zwangsläufig zum alltäglichen Referenzrahmen.

2017 erscheint sie nun endlich, die Pop-Variante zum akademischen Diskurs, "das brillante, persönliche, nicht-einmal-sexistische Buch des Jahrtausends über Männlichkeit und Politik, auf das die Welt gewartet hat", wie Laurie Penny meint. Sie hat Jack Urwin nicht nur diesen blurb gewidmet, sie hat ihn auch in seiner Arbeit ermutigt. Boys Don't Cry heißt der Essayband des 24-jährigen Briten, der in London Journalismus studierte.

"Toxische Männlichkeit"

Ann-Kristin Tlusty studiert Kulturwissenschaften und lebt in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Sophie Meuresch

Größeres Aufsehen erregte Jack Urwin erstmals mit einem Text namens A Stiff Upper Lip Is Killing British Men. In dem Artikel, der bereits am Tag seiner Veröffentlichung Zehntausende Male geteilt wurde, beschreibt er ein männliches Unvermögen, sich selbst und anderen gegenüber Schwäche einzugestehen. Ausgangspunkt ist dabei der frühe Tod seines Vaters, der im Alter von 51 Jahren an Herzversagen starb, ohne sich mit seinen wiederkehrenden Beschwerden jemandem anvertraut zu haben, keiner Ärztin, keinem Familienmitglied. Jack Urwin, damals neun Jahre alt, sah darin eine Folge seiner Unfähigkeit zur Kommunikation – und einen symptomatischen Fall: In Großbritannien ist die Zahl frühzeitiger Todesfälle bei Männern anderthalb mal so hoch wie bei Frauen.

Angeregt durch die große Resonanz auf seinen Artikel (Irvine Welsh nannte ihn "fantastisch") beschloss Jack Urwin also, Ungleichheiten wie dieser nachzugehen. Warum sterben Männer im Schnitt früher? Warum ist die Suizidrate unter Männern höher, Alkoholismus stärker verbreitet? Und wieso wurde er, Jack Urwin selbst, wenige Monate nach dem Tod seines Vaters zum "witzigsten Schüler" seiner Klasse gewählt, anstatt sich seiner Trauer hinzugeben? So ist Boys Don't Cry entstanden, ein essayistischer Mix aus Statistiken, persönlichen Anekdoten und privatempirischen Befragungen von Ex-Freundinnen. Eine Abhandlung von jemandem, der ein soziales Konstrukt von Männlichkeit für sein frühes Dasein als Halbwaise verantwortlich macht und sich trotzdem nicht als frei davon begreift.

Sound eines Herrenmagazins

Bei der Präsentation seines Buches in Berlin sieht Jack Urwin aus wie der Coverboy eines britischen Herrenmagazins mit den Themenschwerpunkten Billard, Bart und Craft Beer. Sein akkurat gegelter Scheitel, der sauber gestutzte Vollbart, Krawatte, Hemd und Sakko lassen ihn älter wirken als den Großteil seines Publikums. Überrascht es ihn, dass mehr Frauen als Männer gekommen sind? Das habe er erwartet, sagt Urwin, schließlich litten Frauen stärker unter "toxischer Männlichkeit". "Toxisches Verhalten" und "toxische Männlichkeit" werden die beiden zentralen Begriffe dieses Abends sein. Aber was meint Urwin damit genau?  

Wer mehr erwartet hatte als die These, dass Männer zu wenig reden und mehr Gefühle zeigen sollten, wird erst einmal enttäuscht. Frauen müssten schließlich den "Kollateralschaden" ausbaden, verursacht dadurch, dass "wir Männer mit unserer Unfähigkeit zur Kommunikation ja schon von Anfang an jeden Versuch sabotieren, einem anderen Menschen wirklich nah zu kommen". Dieses "Wir" erscheint zwar zuweilen sympathisch, da Urwin sich selbst als Teil von Verhältnissen begreift, die er bekämpfen möchte – und ihm bei all der Selbstbezichtigung ein erzieherischer Gestus nicht vorzuwerfen ist. Jedoch bewirkt das Wir an mancher Stelle den Sound eines, ja, Herrenmagazins, und meint auch eben jene Zielgruppe: "straight cis-gender white men", benennt sie Urwin.

Hübsch heteronormativ

Und so wie es "uns Männer" gibt, gibt es eben auch "Frauen", hübsch heteronormativ einander gegenübergestellt. Als sich Kritik aus dem Publikum rührt, entgegnet Jack Urwin, er selbst wünsche sich ja auch eine Welt ohne dieses binäre System. Jedoch sollte man in der Argumentation vorerst daran festhalten: Unser Alltag sei durch diese Zweiteilung organisiert, es sei eine "short time solution". Langfristig, räumt Urwin nach mehreren kritischen Nachfragen ein, sichtlich verunsichert durch so viel Butler'sches Bollwerk, sei diese Binarität jedoch schädlich.

Und was ist mit schwulen, mit bisexuellen, mit transsexuellen Männern? Denen habe er ein Kapitel gewidmet, sagt Urwin, für sie sprechen könne er aber nicht. Hier unterscheidet sich Urwins Ansatz von dem seiner Mentorin: Laurie Pennys feministische Kampfschrift Unsagbare Dinge, in der deutschen Übersetzung ebenfalls im Nautilus-Verlag erschienen, geht weit über das Dasein ihrer Autorin hinaus. Penny schreibt über die strukturelle Benachteiligung schwarzer Frauen, armer Frauen, alleinerziehender Mütter, über Männer, die nicht den klassisch-maskulinen Maßstäben entsprechen, über L, Q, B, T, Q und I, kurz: über alle, die von der Norm abweichen. Sie bindet class und race in ihre Analyse ein, skizziert den Zusammenhang neoliberaler und patriarchalischer Strukturen – der Begriff "Patriarchat" ist aus Urwins Mund kein einziges Mal zu hören.

Begrüßenswerte Stoßrichtung

Irritierte Reaktionen gibt es auch, als dann das Fazit von Boys Don't Cry vorgelesen wird. Männlichkeit, heißt es dort abschließend, müsse man sich verdienen. Gefragt danach, was genau er damit meine, nimmt Jack Urwin sich ein Beispiel zur Hilfe: In Großbritannien gäbe es beispielsweise viele Fälle von Belästigung im öffentlichen Nahverkehr. Niemand greife da ein, Frauen seien sich selbst überlassen. Aufgabe von Männern sei es an dieser Stelle, auszunutzen, dass sie nun mal "physically stronger and larger" seien. Was diese Denkweise denn von der seines Großvaters unterscheide, will ein Mann im Publikum wissen. Nach außen hin nicht viel, antwortet Urwin: Andere zu beschützen sei schon immer eine männliche Angelegenheit gewesen. Es ginge darum, das Privileg der körperlichen Überlegenheit bewusst einzusetzen. Dieses Privileg auf seine sozial konstruierten Implikationen zu befragen – darauf kommt Urwin nicht. 

So kann man ihm sicherlich zum Vorwurf machen, dass er Stereotype manifestiert, dass sein Festhalten an der biologischen Differenz auch sexistische Tendenzen beinhaltet, dass er Männlichkeit wenig pluralistisch begreift. Man kann aber auch sagen, dass er in der Negierung sämtlicher feministischer Diskurse der vergangenen Jahrzehnte eine niedrigschwellige Einführung verfasst hat, inhaltlich in vielen Punkten schwierig, intentional aber schon mal mit einer begrüßenswerten Stoßrichtung. Insofern hat die Veröffentlichung von Boys Don't Cry ein Kontextproblem: Die, die ihm hier zuhören, sind nicht die, die Jack Urwin adressieren möchte. Begriffe wie Verbrüderung, Genderessentialismus, sogar Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit fliegen ihm am Ende um die Ohren.

Da sitzt er also nun, ein wenig eingeschüchtert: der viel zitierte, privilegierte, ja, ja, weiße, heterosexuelle Mann. Er hat ein Buch geschrieben, über sein Dasein als eben solcher, ein unakademisches Buch für den Männerclub. Für solche, die erst beginnen, über ihn zu sprechen, weil sie seiner Norm entsprechen. Viel mehr will Boys Don't Cry nicht sein und viel mehr ist es auch nicht – und vielleicht ist das auch okay so.