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© Armin Smailovic

Krise. Terror. Krieg. Angst. Im Sommer 2016 wurden die schlechten Nachrichten häufiger, wie Schilder, wenn man sich einer Stadt nähert. Sie lasen sich wie die Vorzeichen einer großen Veränderung, womöglich waren sie sogar schon die Veränderung selbst: Das letzte Kapitel der Geschichte eines Landes, wie wir es kannten, und das erste Kapitel der Geschichte eines neuen, anderen.

Wir beschlossen, dieses Land noch einmal zu bereisen und zugleich zum ersten Mal. Wie endet es? Und was entsteht daraus? Im Juli brachen wir auf. Es war ein heißer Tag in Berlin, die Sonne stand am Himmel wie ein falscher Diamant im Schaufenster.

Wohin fahren wir zuerst, fragte ich.
Hinein, sagte mein Freund, der Fotograf.

© Armin Smailovic

Helmstedt

Der alte Grenzturm steht da wie eine beleidigte Schachfigur, übrig geblieben von einer verlorenen Partie, auf einem staubigen Brett. Hier, an dieser Grenze, die jetzt eine Narbe ist, sind Menschen erschossen worden, beim Versuch, das Land zu verlassen. Was geschieht mit denen, die jetzt versuchen, es zu betreten?

Man sollte schießen, sagt eine Adlige, die gern mächtig wäre, auch auf Frauen und Kinder.

Das Land liegt vor uns in seinem weichen Bett und hat Fieberträume. Ein alter, siechender Monarch, auf dem der Albdruck lastet, und die Gespenster suchen ihn heim. Er langt nach der Pistole auf dem Schränkchen und schießt in die Nacht.

Sind sie jetzt fort, fragt er, die Augen geschlossen.

Bei Würzburg hat ein Siebzehnjähriger in einem Nahverkehrszug mit einer Axt auf fünf Menschen eingeschlagen. Gott ist groß, hat er gebrüllt, das ist auf dem Notruf zu hören, dann ist er aus dem Zug gesprungen, in einem Maisfeld haben ihn die Einsatzkräfte erschossen. Die Axt aus dem Baumarkt hielt er noch umklammert, die Axt aus der Gartenabteilung, die dort neben den Harken hängt und den Spaten, hier hat teuer Hausverbot, steht am Eingang, und im Obergeschoss gibt es mittwochs Schnitzel für zweineunundneunzig.

Der Heimwerker, der auch dort einkauft, sagt, jetzt schlagen sie uns mit unseren eigenen Waffen.

Im Zimmer des Jungen hat die Spurensicherung einen Abschiedsbrief an seinen Vater in Afghanistan gefunden. Bete für mich, steht darin, dass ich in den Himmel komme. Zur Stunde ringen seine Opfer, vier davon Reisende aus Hongkong, in einem Krankenhaus mit dem Tod.

Im zähfließenden Verkehr Richtung Hannover rast ein Motorradfahrer über die Standspur. Wir sind im Krieg, steht in der Zeitung. Im Radio wird vermeldet, dass es vereinzelt Tornados geben werde. Das Thermometer auf den Armaturen zeigt erhöhte Temperatur. Fiebertraum, Fieberwirklichkeit.

Und überall sind Gespenster.


Nienburg

Es ist ein Sommer der Auflösung, in den wir hineinfahren, ein herbstlicher Sommer: Wir alle fallen.

Die Windräder rotieren geschäftig, die Lastwagen werden entladen und wieder beladen, es wird geliefert, was bestellt worden ist, auf trächtigen Anhängern, es geht uns gut, es geht uns sehr, sehr gut.

Bei strahlend blauem Himmel herrschte reger Betrieb, steht in der Zeitung, der Schützenkönig schwang das Tanzbein. Die Leute leben in einem fort, nicht wegzudenken und für den Augenblick unsterblich in ihrer grotesken Vollkommenheit.

Doch so viele von ihnen hat etwas beschlichen, ein Gefühl, als hätten sie sich mit einer vergessenen Krankheit angesteckt, eine Ahnung: dass ihre Gesellschaft kollabieren kann, zusammensinken zu einem Eintrag in den Büchern. Assyrer, Römer, Kelten, jetzt auch Deutsche.

Und nicht zu Unrecht, sagt ein Sprecher der Alternative für Deutschland, werden in diesen Tagen die Bilder aufgerufen, als die Barbarenstämme den Limes überrannten.
Die Umvolkung schreite voran, schreibt eine Christdemokratin.

Mit einem Mal scheinen ihnen die soliden Bauwerke, die Sparkassen, die Stadthallen, die Garagen, nur noch die Ausgrabungen der Zukunft zu sein. Ihre Zerstreuungen archaische Bräuche. Und sie selbst namenlose, unter all den Jahren verschüttete Ahnen. Die kommenden Toten.
Wie Sterbende schlagen sie um sich: Sie sind doch das Volk, verdammt noch mal. Ihre Angst vor der Zeit wird immer größer, vor der Zeit und vor dem Blut. Vor einem neuen Krieg, ohne Sieger und Front, der im Einkaufszentrum ausbricht, im Fernsehen, im Kopf. Er lauert, war nie fort, läuft über die Flure wie ein Pastor im Spital. Es riecht nach Fackeln und heißem Atem. Nach Galle und Miasmen.

Die Vorsitzende der Alternative für Deutschland liest von ihrem Telefon einen Satz Friedrich Nietzsches ab: Die Guten, sagt sie, sind der Anfang vom Ende. Dann lächelt sie wie eine siegreiche Ziege.

Wer sind die Schlechten, denen dieses Ende gehören soll, die es ausspielen wollen wie ein günstiges Blatt? Vielleicht sind es nur drei von hundert. Sie reichen hin.

Ein Bürgermeister wird von einem Unbekannten mit einer Latte bewusstlos geschlagen, weil er Geflüchtete in einem Haus im Ortskern unterbringen will. Eine entsetzliche Vorstellung, sagt eine Einwohnerin, dass es einer von uns war. Da brennt ein Haus, da noch eins, die Flammen greifen über auf die Worte und die Beziehungen. Geh sterben, sagt ein Kind zum anderen. Und die Eltern tragen einen Galgen durch die Straßen von Dresden.

Der Anfang vom Ende. Wann hört das auf?

Wir alle fallen. Auf der Raststätte Irxleben wirft ein Eichhörnchen Nussschalen von einem Baum, als würde es über uns spotten.


Dresden

Vor der Frauenkirche sprechen dreitausend Menschen das Friedensgebet. Sie wollen ein Zeichen setzen, am Jahrestag des ersten Marsches der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands.
Auf ihren Plakaten steht Herz statt Hetze. Sie werden von Hunderten Polizisten beschützt bei ihrem Feldgottesdienst.

Wir waren hier. Wir waren hier. Wir waren hier.

Ein Posaunenchor spielt auf, dann singen die Dreitausend Brüder, reicht die Hand zum Bunde. Die Lutherstatue auf dem Neumarkt blickt in die Ferne. Lasst, was irdisch ist, entfliehen.

In einem Laden in der Webergasse kauft zur selben Zeit ein junger Mann zwei Glühbirnen und eine Luftpistole.

Viel Spaß damit, sagt die Kassiererin.
Werd ich haben, sagt der junge Mann.

Ein Polizeipferd trabt über eine rote Ampel. Der Himmel ist heute ein Caspar-David-Friedrich-Kunstdruck, der in einem Wartezimmer hängt.

© Armin Smailovic

Neukirch

Der Nebel legt sich über den Valtenberg und die Kleinstadt zu seinen Füßen wie der Mantel des Schweigens. In der Unterbringung für Geflüchtete gibt es warmes Wasser von sieben bis zehn und von siebzehn bis zweiundzwanzig Uhr. Die Wäsche hängt im kahlen Hof, vergessen und feucht, eine stille Klage.

An die Wand des Korridors im ersten Stock hat ein Kind mit einem Bleistift vier Menschen gemalt, zwei große, zwei kleine, sie stehen Hand in Hand, darüber scheint eine dürre Sonne.

In Zimmer siebzehn wohnt seit dreizehn Monaten ein junger Kurde. Er ist vor den Terroristen aus dem irakischen Kirkuk geflohen. Seid willkommen, sagt er zur Begrüßung und serviert Tee in porösen Tassen.

Ich war Fliesenleger, ich träumte von einer Zukunft mit meiner Verlobten, wir wollten Kinder haben, drei oder vier. Aber das ging nicht in Erfüllung. Die Situation in meiner Heimat war sehr schlecht, ich hatte Angst, enthauptet zu werden, ich musste gehen. Über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland.
Meinen Eltern erzählte ich nichts, ich rief sie erst an, als ich schon in München war. Sie hatten neun Tage nichts von mir gehört. Es war ein schweres Telefonat, aber am Ende sagte mein Vater, "das hast du gut gemacht, mein Sohn".

Meine Hoffnung war, dass ich ein neues Leben anfangen könnte. In Bayern war es schön, die Menschen waren hilfsbereit, ich wäre gern dort geblieben. Doch ich wurde nach Sachsen verlegt, zuerst nach Bautzen, dann hierher. Hier ist es anders. Hier bin ich nicht willkommen.
Als ich zum ersten Mal durch die Stadt ging, fuhr ein Auto ganz dicht an mich heran, der Fahrer ließ die Scheibe herunter und beschimpfte mich. Ich will die deutsche Sprache unbedingt lernen, wissen Sie, aber was bringt sie mir in solchen Momenten? Ich möchte den Leuten von mir erzählen, aber sie hören nicht zu. Sie hören mir einfach nicht zu. Sie glauben, ich sei ihr Feind.

An einem Abend vor zwei Monaten kam ich vom Supermarkt zurück, ich hatte meine Einkäufe erledigt, da kamen mir auf dem Fußweg vier Männer entgegen, sie schnitten mir den Weg ab. Ich merkte, dass etwas nicht stimmt, ich wollte weglaufen, aber da schlug der eine mir mit der Faust ins Gesicht, ich fiel zu Boden, auf den Bauch.

Dann stachen sie mit einem Messer auf mich ein.
Vier Mal.
Dann traten sie gegen meinen Kopf.
Ich weiß nicht, wie oft.

Als ich wieder aufstehen konnte, war alles voller Blut. Ich lief zurück zur Unterbringung, der Sicherheitsmann rief einen Krankenwagen, ich wurde nach Bautzen gebracht. Ein Arzt versorgte die Wunden und sagte, "geh nach Hause".

Der junge Kurde steht auf, zieht sein Hemd aus und zeigt seine Narben: Zwei am Rücken, eine an der Leiste, eine am Hals.

Wollten diese Männer dich töten, fragen wir.
Ja, sagt er.

Einen von ihnen sehe ich noch immer, wenn ich zum Einkaufen gehe. Er steht da mit seinen Bekannten und lacht. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen.

Die Polizisten waren ein Mal hier, aber sie verstanden nicht, was ich sagen wollte. Es gab keinen Dolmetscher. Sie fuhren wieder davon.

© Armin Smailovic

Hoyerswerda

Der Fassade wurden die Zähne herausgeschlagen. Im letzten Licht des Abends sitzt die Alte am Fenster und liest, die Wohnung hinter ihr ist so dunkel wie ein Grab. Es riecht nach kaltem Rauch und heißer Butter.

Gebt mir einen Keks ab, sagt der Junge auf dem Spielplatz zu den Mädchen, oder ich schlage euch.

Am 18. September 1991 griffen Rechtsradikale hier Vietnamesen und Mosambikaner an, die in dem Haus wohnten. Erst warfen sie Steine, dann Brandsätze. Die Nachbarn applaudierten.
Eine endgültige Problemlösung kann nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden, sagte der Landrat. Am 20. September wurden die Bewohner evakuiert, zu den Flughäfen Berlin und Frankfurt gebracht und abgeschoben.

Kommt zurück, ruft der Junge auf dem Spielplatz, ich tu euch nichts mehr.

Nein, sagen die Mädchen, wir haben Angst vor dir.


Gießen

Über den Zaun des Erstaufnahmelagers wirft eine Frau einen Teddybären, man muss doch was tun für diese armen Menschen.
Dann steigt sie in ihr kleines, praktisches Auto und fährt heim, schnell, schnell, bevor ihr Mann noch ihre Abwesenheit bemerkt.


Herford

Die Häuser entlang der Landstraße bewegen ihre Fenster wie Augen. Sie schauen über uns hinweg, wenn wir vorüberfahren, dann schielen sie uns hinterher, unter den Rollläden hervor, misstrauisch, und spucken aus, durch ihre Türen.
Die sind nicht von hier, sagt Hausnummer drei zu den anderen. Die sind von auswärts.


Braunschweig

Am Autohof sitzt ein dicker Mann unterm Sonnenschirm, sein Bauch quillt aus dem Hemd und liegt auf seinem Schoß wie eine weiße, matte Katze. Hinter ihm, hinter der verdorrenden Ligusterhecke, hält ein Mädchen ein Pappschild hoch, auf dem steht in nicht mehr kindlicher und noch nicht erwachsener Schrift: Berlin. Sie hält es einem Schwertransporter entgegen, der ein Militärfahrzeug geladen hat, für eine noch ferne, nervöse Armee.

Seid ihr überhaupt sicher, hat Jonathan Littell gefragt, dass der Krieg vorbei ist?

Der Mann unterm Sonnenschirm beißt in ein Brötchen, als küsste er seine große Liebe. Wir befinden uns in einem Kampf, meinetwegen auch in einem Krieg, sagt die Kanzlerin im Radio. Es geht ein leichter, milder Wind über den Autohof, ein Wind, der nach Benzin riecht.

© Armin Smailovic

München/Paris

I.

Der große Mann sitzt auf einem kleinen Stuhl. Er hat den Bart und die Augen eines fröhlichen Kapuzinermönchs. Es herrscht eine beruhigende Unordnung in seinem Wohnzimmer. Es ist die Stunde des späten Frühstücks, das Licht ist weich und diesig. Ich war mit sechs Freunden nach Paris gereist, sagt der Mann, es war in der zweiten Novemberwoche, in den Tagen vor Freitag, dem dreizehnten.
Am frühen Abend dieses Freitags gingen wir gemeinsam essen, in einem Lokal, das uns empfohlen worden war, Le Petit Cambodge am Canal Saint-Martin. Man hatte uns zwar darauf hingewiesen, dass es dort immer sehr voll sei, aber als wir den Laden betraten, war im hinteren Winkel noch ein Tisch frei, frisch eingedeckt, als hätte man uns dort erwartet.

Wir hatten Glück. Und das sage ich nicht, wie man es sonst sagt, wenn man in einem Restaurant gerade noch einen Platz erobert hat. Wir hatten Glück, weil wir womöglich gestorben wären, wenn wir an der Theke gewartet hätten.

Denn dort schlugen die Kugeln ein.

Wir aßen, tranken und sprachen über die schönen Tage, die hinter uns lagen. Dann bat ich den Kellner, uns die Rechnung zu bringen, aber er verstand es falsch und brachte uns stattdessen eine Flasche Wasser. Wir lachten, was soll's, und schenkten uns noch mal ein. Das war das zweite große Glück, denn sonst wären wir aufgestanden und auf die Kreuzung hinausgegangen.

Kurz danach begann es draußen zu knallen.

Die Leute, die am Fenster zur Straße saßen, rutschten sofort unter die Tische, um sich dort zu verstecken. Wir taten das Gleiche, es war ein Reflex, obwohl ich in diesem Moment noch dachte, was ist das, ein Feuerwerk?

Die Stimme des Mannes beginnt zu zittern. Er unterbricht seine Erzählung und lächelt so verlegen wie jemand, der in einem fremden Land nach dem Weg fragen will und die Sprache nicht kennt.

Ich schaffte es nicht, sagt er, mich ganz flach zu machen. Unter dem Tisch war kein Platz mehr, und ich war ohnehin ein bisschen zu groß für den engen Spalt. Ich blieb also mit dem Kopf oben und konnte die ganze Zeit auf die Kreuzung blicken. Ich sah die Funken der Kugeln, die vom Boden abprallten, ich hörte das maschinelle Geräusch, tack-tack-tack-tack, ich spürte die Angst im Raum, wie sie wuchs und wuchs.

Da wusste ich, es müssen Schüsse sein.

Vielleicht ist es ein Bandenkrieg, dachte ich, vielleicht duellieren sich zwei auf der Straße, was auch immer. Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, dass uns die Bedrohung gilt.

Dann sah ich eine Radfahrerin, die getroffen wurde und auf den Asphalt stürzte. Und ich wusste, es ist ernst. Ich wusste, wir sind in großer, großer Gefahr.

II.

Auf einem Sessel im Wohnzimmer liegen Kleider, die der Mann und seine Frau am Freitag, dem dreizehnten, trugen: zwei Hosen, zwei Pullover. Sie haben sie nie wieder angezogen.

Dass er nicht mehr unter den Tisch gepasst hat, sagt die Frau, hat mich beinah um den Verstand gebracht.

Sie hat eine schwarze Wollmütze auf dem Kopf, als wäre sie ein Schutzhelm. Sie sagt, sie sei heute unglücklich mit ihren Haaren.

Gefangen zu sein in dem Restaurant, sagt sie, die Schüsse zu hören, dann die Pause, in der der Täter vermutlich nachgeladen hat, dann wieder die Schüsse: Das habe ich alles gedämpft wahrgenommen. Eher ertragen als erlitten.

War das Licht an?
Hatte es jemand ausgeschaltet?
Oder ausgeschossen?
Hat jemand geschrien?
Ich weiß es nicht mehr.

Aber dass er in der Schusslinie saß, dass er schutzlos war, diese Tatsache war mir in seiner Entsetzlichkeit die ganze Zeit über vollkommen klar.

III.

Ich schloss immer wieder die Augen, sagt der Mann, um nicht sehen zu müssen, was auf der Kreuzung geschieht. Aber ich wollte mich auch nicht ganz blind machen, so wie ein Kind, das sich versteckt und glaubt, es sei unsichtbar. Ich wollte schließlich auch wissen, was auf uns zukommt. Ich wollte wissen, was ich tun muss, um uns zu retten.

Dann gab es eine Feuerpause, die etwa eine Minute andauerte.
Als wieder geschossen wurde, schlugen die Kugeln durch die Fenster in das Restaurant ein, in dem wir uns befanden.

Ich dachte, wenn der Schütze jetzt hereinkommt, sind wir verloren. Dann räumt er richtig auf. Warum sollte er mit dem aufhören, was er angefangen hat? Wer soll ihm Einhalt gebieten?

Ich begann zu beten. Lieber Gott, hilf uns bitte.

Und dann war es vorbei.

Der Mann schaut verschämt drein, als hätte er uns etwas gestanden, das sich nicht gehört.

Wisst ihr, ich bin ja gar nicht gläubig, sagt er. Aber was hätte ich tun sollen? Zu beten, an etwas Höheres zu glauben, das uns retten kann, wenn wir uns selbst nicht mehr retten können, das war meine letzte Zuflucht.

Ich hörte ihn beten, sagt die Frau. Wie er sagte: "Lieber Gott, hilf uns bitte".

Er hielt meine Hand.
Ich hielt seine.

Mehr konnte ich nicht tun.

IV.

Meine Freunde hielten sich weiterhin unter dem Tisch versteckt, sagt der Mann, ich befand mich noch immer in dieser halb liegenden Haltung. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns trauten, uns zu rühren. Woher sollten wir wissen, dass der Schütze nicht zurückkommt und weitermacht? Woher sollten wir wissen, dass es tatsächlich vorbei ist?

Nach etwa fünf Minuten trat ein junger Polizist in das Restaurant. Er war kreidebleich. Es roch nach Wunderkerzen, das war der Rauch aus den Gewehrläufen.
Der Polizist versuchte zu ermitteln, wer Hilfe brauchte. Dann verteilte er verschiedenfarbige Karten, rot stand für "schwer verletzt". Dadurch erst bemerkte ich, dass am Eingang ein Mann lag, der eine Schusswunde im Bauch hatte, er presste ein Kleidungsstück darauf, ein Freund hielt ihn im Arm. Dieser Mann war ganz ruhig, sein Blick war abwesend, der Blick eines Sterbenden. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.
Weil er im Eingang lag und wir nicht über ihn steigen wollten, konnten wir das Restaurant zunächst nicht verlassen. Erst nach einer Viertelstunde traten wir auf die Kreuzung, wir liefen geduckt, kauerten uns hinter ein parkendes Auto, andere versteckten sich in den Hauseingängen. Es kamen aber auch Leute herbeigelaufen, voller Angst um ihre Freunde und Angehörigen, die den Abend hier verbracht hatten, ein Mann mit Motorradhelm, der nach jemandem suchte, sorgte für neue Panik, jeder war suspekt, jeder hätte der Täter sein können, selbst die Zivilpolizisten mit ihren Waffen.
Und überall lagen Tote und Verletzte. An der Kreuzung, an der wir zu Abend gegessen hatten, sind fünfzehn Menschen gestorben.

V.

Wir mussten fort von dieser Kreuzung, so schnell wie möglich, sagt der Mann, wir wollten irgendwie in die Wohnung einer Freundin gelangen, die mit uns in dem Restaurant gewesen war. Wir nahmen zwei Taxis, ich saß in dem, das vorausfuhr. Der Fahrer wusste von nichts, er raste den Boulevard Voltaire hinunter, mitten in das Blaulicht hinein, es war derselbe Weg, den die Attentäter genommen hatten, vorbei an den Tatorten, durch ein Kriegsgebiet mitten in Paris.
Ich saß auf dem Beifahrersitz, ich schrie den Fahrer an, fahr, fahr, fahr, ich hatte das Gefühl, wir werden nie hier rauskommen, das hört nie mehr auf.

Wenn ich von diesem Abend träume, sagt der Mann, ist es immer dasselbe: Wohin ich auch fliehe, sie sind schon da. Es gibt kein Entkommen.

Als wir etwa eine Stunde nach dem Angriff endlich in der Wohnung unserer Freundin angelangt waren, sagt die Frau, habe ich sofort meinen Pullover ausgezogen und nachgeschaut, ob ich nicht doch irgendwo getroffen worden war. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich unverletzt geblieben war.

Sie zieht sich jetzt die Mütze vom Kopf, als wollte sie zeigen, dass sie nicht blutet. Ihre Haare sind schön.

Jemand schaltete den Fernseher ein, sagt sie, und erst da wurde uns klar, welches Ausmaß die Attentate hatten, das Stadion, die Bars und Restaurants, es geschah überall. Die Konzerthalle war nur wenige Hundert Meter von der Wohnung entfernt, in der wir uns aufhielten. Wir hörten die Detonationen. Wir waren noch immer mittendrin.
Wir waren zu siebt in dieser kleinen Wohnung, wir blieben dort zwei Tage lang. Es war eine Ausgangssperre verhängt worden, weil niemand wusste, ob es jetzt wirklich vorbei ist.
Ich fand keine Ruhe. Ich war so wach wie nie zuvor in meinem Leben. Die ganze Nacht schaute ich aus dem Fenster, weil ich wissen wollte, was draußen vor sich geht.
Im Morgengrauen sah ich zwei Männer, die, mitten in diesem Inferno, ein Auto klauten.

Im Badezimmer der kleinen Wohnung durfte geraucht werden, sagt die Frau, am Fenster. Dort waren er und ich zum ersten Mal wieder allein.

"Mehr können wir zusammen nicht erleben", sagte er zu mir. "Lass uns heiraten."

Ich sagte sofort ja.

Wir weinten.

Auf dem Plattenspieler in ihrem Wohnzimmer liegt ein Album von Al Green: Let’s stay together.

VI.

Es gibt einiges, was mir geblieben ist von diesem Abend, an dem wir angegriffen wurden, sagt der Mann. Ich bin nicht gern in Räumen, die nur einen Ausgang haben. Ich stehe nicht gern vor Lokalen auf der Straße. Ich bin schreckhaft bei lauten Geräuschen.

Das ist die Angst, dass es wieder passiert.

Ein Psychologe sagte uns, wir müssten uns immer wieder vor Augen führen, dass es vorbei ist. Ich habe ihm entgegnet, "wie soll es denn vorbei sein?" Wenn ich einen Tsunami überlebt habe, dann gehe ich nicht mehr an den Strand. Wenn ich eine Lawine überlebt habe, gehe ich nicht mehr in die Berge. Aber wenn ich Paris überlebt habe, müsste ich ja Restaurants meiden, Bars und Konzerthallen, alles, was mir lieb und teuer ist, all die Orte der Freiheit, die das Angriffsziel der Attentäter waren. Dann erst wäre es für mich vorbei. Aber das kann ich nicht wollen. Also muss ich lernen, die Angst auszuhalten, und hoffen, dass sie kleiner wird mit den Jahren.

Das Seltsamste, was mir geblieben ist, ist aber wohl, dass ich immer wieder denke: Wir haben damals ganz vergessen, unser Essen zu bezahlen. Wir müssen doch noch Geld schicken an die Leute vom Le Petit Cambodge.

© Armin Smailovic

Oldenburg

Wir müssten in etwas Dunkles, immer dunkler Werdendes hineinfahren, ein Unwetter, in eine Bedrohung und in die Angst davor. Ein Vorkriegsland.
Fliehende müssten uns entgegenkommen, Menschen, Vögel, Rehe. Bäume müssten brennen am Straßenrand und Milizen uns den Weg versperren im gelben Nebel des dahinterliegenden Gefechts.

Wenn es stimmt, was in der Zeitung steht.
Wenn die Leute ernst meinen, was sie sagen.

Wir sehen hingegen alle fünf Kilometer eine Tankstelle, an der Rentner die Insekten von den Scheiben kratzen, das Formfleisch in der Auslage welkt und einmal Pinkeln siebzig Cent kostet. Es ist alles so trist wie immer, so engmaschig und voll von Menschen, die von A nach B fahren: der hektische Frieden.
Ein Dreijähriger lutscht Mayonnaise aus der Tüte, die Mutter drängt: Wir wollen heute noch ankommen. Der Vater steht am Wagen und schreit in sein Telefon: Ich bin auf dem Weg in den Urlaub. Sie alle sind Teil des Staus, den sie verfluchen, sie sind am Anfang, sie sind in der Mitte, sie sind am Ende.

Gegen Abend erst, als die Autobahn leerer wird, und die letzte Sonne mütterlich auf die Felder scheint, kann man das Land wiedererkennen. Verwunschen wirkt es, verwunschen und erschöpft, wie ein schlafendes Pferd.


Paderborn

Wenn Sie keine Durchfahrtgenehmigung haben, ruft der Polizist am Tag des Herrn in den Lieferwagen hinein, dürfen Sie hier nicht durchfahren. Die Malteser stehen in Bereitschaft, der Schützenverein bewacht den Dom, die Glocken läuten: Es ist Liborifest, heute tragen sie die Reliquien ihres Heiligen durch die Stadt, in einem Kindersarg aus Gold.
Im Seitenschiff hängen acht Bildschirme. Wir dürfen erfahren, sagt der Kardinal, dass Gott an seine Möglichkeiten glaubt.
Durch die Fußgängerzone weht der Weihrauch, an der Ecke gibt es das Libori-Spezial, ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee für vierfünfzig, da kann man nicht meckern, sagt einer, und da ist ja auch der Kindersarg, die Knochen des Liborius, geschmückt mit Pfauenfedern, sei mal leise jetzt, sagt ein anderer, da kommt der Tote.
Man hat Angst, sagt eine Frau mit Rebhuhnhaaren im Gedränge, gerade bei Großveranstaltungen, wir sind schließlich im Krieg. Trotzdem sind viele gekommen, weil sie Halt suchen in diesen Zeiten, sagt sie, man findet ja kaum noch Parkplätze.


Nizza

Ein Mann ist auf einer südfranzösischen Promenade mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast, dann ist er von der Polizei erschossen worden. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, ein irgendwie unheimlicher Mann, das schon, sagen die Nachbarn, aber sein Äußeres sei gepflegt gewesen.

Sechsundachtzig Tote.
Der Scheibenwischer hat ihr Blut über das Fenster verteilt.

In Israel kann niemand mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge rasen, sagt ein einflussreicher Journalist am Abend im Fernsehen, da sind nämlich Poller.


Cloppenburg

Es sei allemal wahrscheinlicher, sagt ein vielbeschäftigter Angstforscher im Radio, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen als bei einem Terrorakt.
Die Lastwagenfahrer auf der Gegenfahrbahn sehen im Abblendlicht heute gütiger aus als sonst. Als wollten sie grüßen und trauten sich nicht.
Fürchtet euch nicht, scheinen sie zu sagen. Wir kommen in Frieden.


Ahrensburg

In Schleswig-Holstein und Niedersachsen werden im Morgengrauen drei Männer wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen. So wohnt ein Schläfer, schreibt die Zeitung und zeigt ein Bild von einem Sofa und einem gekachelten Tisch, auf dem eine leere Tasse steht.
Da kommt ein mulmiges Gefühl auf, sagt eine Nachbarin, wenn man weiß, oh Gott, eine Tür weiter.


Bremen

An die Wand des verfallenden Hauses hat jemand ein Hakenkreuz gemalt, eine amputierte Spinne auf grauem Putz.
Zwei Häuser weiter steht Allahu Akbar.


Berlin

Es geht nicht um die reine Statistik, sagt der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland, es geht darum, was der Bürger empfindet. Das, was man fühlt, ist auch Realität.

© Armin Smailovic

Berlin

An die Wand des Neuköllner Industriegebäudes hat jemand in meterhohen Buchstaben HUNDE TRÄUMEN BUNT geschrieben. Man kann es lesen von der Wohnung der jungen Frau aus, in die sie sich zurückzog, nachdem sie von den Attentaten in Paris erfahren hatte.

An diesem Freitag, dem dreizehnten, war ich mit einer Freundin zu Hause, sagt sie, wir machten uns fein für ein Geburtstagsfest. Nebenbei lief der Fernseher. Wir hatten gute Laune, machten Scherze, freuten uns auf den Abend.

Dann kam die Nachricht vom Anschlag.

In der Schule, vor vielen Jahren, sollten wir als Hausaufgabe eine Presseschau erstellen, alle wichtigen Meldungen ausschneiden und auf ein Blatt Papier kleben. Es war der 12. September 2001, ich schnitt Bilder aus von den brennenden Türmen und von Menschen, die über und über mit Asche und Staub bedeckt waren, von weinenden, schreienden Menschen. Und die ganze Zeit dachte ich: Ich will das nicht wissen. Ich ertrage es nicht.

So war es auch diesmal. Ich merkte, dass in meinem Inneren die Schutztüren ins Schloss fielen, wie bei einem Feueralarm. "Mach den Fernseher aus", sagte ich zu meiner Freundin, "bitte mach ihn aus". Und zugleich wusste ich, dass ich mich davor nicht würde bewahren können.

Als hätten wir auf Autopilot geschaltet, nahm der Abend seinen Lauf, wie er geplant war. Wie die Hausaufgaben damals. Wir fuhren trotzdem zu der Party.
Dort stand ein Gast in der Ecke eines Zimmers, umringt von anderen, und las die neuesten Meldungen aus Paris vor.

Es war, als würde jemand meine Sicherheitstüren aufbrechen.
"In der Konzerthalle erschießen sie jetzt einen nach dem anderen", sagte er.
Im Zimmer nebenan tanzten die Leute.

Und ich dachte: Gleich passiert es auch hier.

Ich fuhr von der Party nach Hause, ich legte mich ins Bett und schaltete einen Kinderfilm ein.
Ein Kind zu sein, das noch nichts weiß von der Welt: Mir diesen Zustand vorzugaukeln, das schien mir der einzig mögliche Schutz zu sein. Keine Nachrichten zu hören, keinen Menschen zu sehen, der mir etwas Neues erzählen könnte. Nicht einmal die Gedanken zuzulassen, die mir von allein in den Kopf kommen wollten: In der Konzerthalle erschießen sie jetzt einen nach dem anderen.

So blieb ich liegen, für Tage, für Wochen, nur unterbrochen von den Pflichten des Alltags. Ich fuhr zur Arbeit, aber nicht mehr mit der U-Bahn, sondern mit dem Fahrrad, bei jedem Wetter und viel früher als nötig, weil ich mir ausgerechnet hatte: Morgens um sieben schlafen Terroristen noch.

Abends legte ich mich wieder ins Bett und schaltete den Kinderfilm ein.

Langsam versuche ich jetzt, wieder an mein altes Leben anzuknüpfen, aber wenn ich irgendwo mit meinen Freunden sitze und ein Geräusch höre, das klingt wie ein Schuss oder ein Knall, ist der Abend für mich vorbei.

Vor allem Konzerte kann ich nicht mehr genießen. Ich schaue nicht auf die Bühne, ich schaue nur noch nach den grün leuchtenden Schildern: Notausgang. Dorthin, wo ich entkommen kann, wenn es geschieht.

Das nehme ich den Terroristen wirklich übel: Dass sie mir die Musik weggenommen haben.

© Armin Smailovic

Stuhr/München

Ein Achtzehnjähriger erschießt in München neun Menschen, er hat sie in ein Schnellrestaurant gelockt, und auf dem achtzehnten Geburtstag meines Patensohns, am selben Tag, im selben Land, rauchen die Mädchen Zigaretten, die nach Pfirsich riechen.

Gegensätze überlagern einander wie in einer Doppelbelichtung: Ein Toter taucht auf dem Klassenfoto auf, eine Geistererscheinung, ein Land im Frieden, ein Land im Krieg.

Save tonight, tomorrow I’ll be gone, singen sie jetzt im Chor. Bewahre diese Nacht, morgen werde ich fort sein. Ihre Zähne sind sehr groß und sehr schön.

Am Stachus steigt ein Mann mit Regenschirm aus der Straßenbahn und löst eine Massenpanik aus. Die Polizei duzt die Bevölkerung: Bitte bleibt zu Hause.

Der Junge war nett, sagt eine Nachbarin am nächsten Morgen über den Täter. Er hat die Zeitungen im Haus verteilt. In einer Seitenstraße, auf der Flucht vor der Streife, hat er sich selbst getötet.

Mein Patensohn arbeitet bei Mercedes Benz am Fließband, von dem Geld wird er im Januar nach Australien fliegen. Er will Fotograf werden, er ist im letzten Jahr zehn Zentimeter gewachsen; wenn er schläft, sieht es aus, als lächelte er, als ginge der Frieden nur von ihm aus. Er hängt an seinen Freunden, in seinem Zimmer stemmt er Hanteln, auf seine Federmappe sind Herzen mit Tinte gemalt. Als er ein kleiner Junge war, gestern oder vorgestern, las er einmal in einer Zeitschrift die Frage: Was passiert, wenn nichts passiert?
Er dachte lange nach und sagte schließlich: Dann hängen sich Omas schöne Ketten um.

Warum hat der Junge das gemacht, fragt er mich heute, warum hat er die Leute erschossen, der war doch so alt wie ich.

Seine Freunde schauen in ihre Telefone, die ihre Gesichter beleuchten, als schauten sie auf den Mond herab. Über dem Protokoll aus München steht für einen Augenblick: Ihre Angst wird laufend aktualisiert.
Ich freue mich trotzdem auf die Zukunft, sagt eines der Mädchen, es trägt einen Blumenkranz im Haar, der morgen schon Heu sein wird. Was soll ich auch machen, sagt es, die kommt ja sowieso.


Wagenfeld

In dem alten Saal an der Hauptstraße fand mein Abschlussball statt. Der Alleinunterhalter jagte Tanzmusik aus den Lautsprechern, Diplomingenieure schoben ihre Töchter, die wie Herrentorten aussahen, über das Parkett, im Windfang standen die Klassenclowns und rauchten billige Zigarren mit einer Blasiertheit, als hätten sie geerbt.

Es war 1998, das dreiundfünfzigste Jahr nach dem Krieg, und wir lebten in dem husarenhaften Luxus, vom Frieden gelangweilt zu sein. In einer Zeit, auf die keine mehr zu folgen schien, die stete, die letzte Zeit.

Nun ist sie vorüber.

Es kommt etwas Neues, etwas Altes auf uns zu. Und die Leute fragen: Was steht uns bevor? Als wäre es ein Schrank, ein großes Tier, ein falsch geparktes Auto.

Die Kanzlerin sagt: ein Kampf, meinetwegen ein Krieg.

Ich denke mir die Musik jenes Abends weg, die ironischen Nummern: Mit einem Mal ist das Knarren der Holzdielen zu hören, arrhythmisch wie die falschen Tanzschritte und so klagend, als würden sie eine schlechte Nachricht übermitteln, die nur schwer zu entziffern ist, aus kommenden Tagen: Assyrer, Kelten, jetzt auch Deutsche. Wehe euch.
Der Alleinunterhalter steht tatenlos da, doch die Diplomingenieure tanzen weiter, sie sehen nun aus wie verzweifelte Hiobs, die ihre Töchter in den Abgrund stoßen, und die Klassenclowns blasen Luft durch ihre dummen Lippen.

Es war alles schon da, der Überdruss, die Plastikblumen auf den Tischen, die grundlose Zuversicht, die sich jederzeit in Angst verwandeln kann. Die Möglichkeit, dass wir einander die Fresse einschlagen, war von der Wirklichkeit nur wie durch ein Blatt Papier getrennt.
Es war eine heiße Nacht im Juli, vor dem alten Ballsaal umzingelte eine Armee von Ameisen einen verdursteten Sperling. Der betrunkene Rechtsanwalt bot mir hundert Mark, damit ich ihn in seinem langen, breiten Wagen nach Hause bringe. Ich lehnte ab, er fuhr davon mit dem Lächeln eines Pfingstochsen.

Bevor getanzt worden war, hatte der Schuldirektor in seiner Rede gesagt, die Kinder haben die Zukunft noch vor sich. Gilt das nicht für jeden, dachte ich damals, aber jetzt denke ich es nicht mehr.

© Armin Smailovic

Wolgast

Entlang der Bundesstraße nach Osten stehen Strommasten ohne Leitung Spalier für jemanden, der nicht kommen wird, ein sklerotisches Haus wartet im Regen. Stoßtrupps der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands springen aus Kleinbussen, sie hängen Wahlplakate auf, den mit der Brille nennen die anderen Professor.

Das Forstamt warnt vor Bränden im Wald der Sinne.

Die Menschen im Norden, sagt der vielbeschäftigte Angstforscher im Radio, haben mehr Angst als die Menschen im Süden, weil der Winter hier dunkler ist.

Über das Gesicht des SPD-Kandidaten hat jemand Terror geschrieben.
Die Erbsensuppe aus der alten Feldküche, in der auf dem Rastplatz wieder gekocht wird, schmeckt nach Bürgerkrieg.

Wir alle fallen.


Berlin

Fliehende kommen uns entgegen.

Am Columbiadamm, auf dem Weg zum Platz der Luftbrücke.

Sie laufen hinein in die Hangars des alten Flughafens und wieder hinaus, jeden Tag und jede Nacht, als würden sie dort erschaffen und zerstört, wieder erschaffen und wieder zerstört: ein Treck, der sich im Kreise dreht, wie eine Murmel, kurz bevor sie in einer Mulde zum Stillstand kommt.
Sie laufen hinein in die fremde Stadt mit ihren tausend Schildern, Zutritt verboten, Ausfahrt freihalten, Nummer ziehen, warten, drücken, ziehen, Stop.
Autobahn, alle Richtungen. Doch das gilt nicht für sie.
Sie kehren zurück in den alten Flughafen, wo sie schlafen hinter weißen Laken, die ihre Wände sind, wo sie erschaffen werden und wieder zerstört, wieder und wieder.

Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus holt die Alternative für Deutschland vierzehn Prozent der Stimmen.

Bei Hieronymus Bosch, schrieb Peter Handke, sind wenigstens alle verdammt.


Norderney

In einer Kapelle aus Strandkörben findet ein Kindergottesdienst statt. Wie gut kennt ihr die Bibel, fragt die Pastorin. Die Kleinen scharren im Sand, dann wird der König Salomo gekrönt, er bekommt eine goldene Kappe auf den Kopf gesetzt, damit, sagt die Pastorin, dir nicht das Hirn zerschmilzt.
Es sind 31 Grad, das Meer liegt da wie ein blinder Rochen.
Und jetzt wollen wir noch mal mit Gott reden, sagt die Pastorin. Danke, dass du der einzige bist, der immer da ist. Amen. Dann spielt sie ein Lied auf der Ukulele, das die Kinder nicht kennen.

Sommer 2016, steht in der Zeitung, Hitze, Stau, Terror.

Ich will nicht mehr nach Tunesien, sagt eine orangefarbene Dame im irisierenden Badeanzug, da ist es mir zu unsicher.


Wolfsburg

Die Frau sitzt bei Kaffee und Kuchen zu Tisch und schimpft auf die Flüchtlinge. Ihre Freundinnen, mit dem Rücken zu uns, hören ihr zu.

Der junge Mann hinter ihr dreht sich um und sagt, Sie sind ein verdammter Nazi, wissen Sie das?
Halt bloß die Schnauze, sagt die Frau, sonst verpass ich dir eine.
Der Kellner kommt und ruft die Frau zur Ruhe, andere Gäste hätten sich bereits über sie beschwert.
Und was ist mit der Drecksau, sagt die Frau und zeigt auf den Mann hinter ihr, die darf weiterreden, oder was.
Ruhe bitte, sagt der Kellner. Andernfalls muss ich Sie bitten, zu gehen.

Die Frau isst leise fluchend ihren Kuchen auf. Im Weggehen sehe ich ihre Freundinnen. Sie halten sich aneinander fest wie Kinder in einem Sturm.


Neukirch

Wenn ich den Kopf nach unten neige, beim Lesen oder Schreiben, sagt der junge Kurde, der von vier Männern niedergestochen wurde, bekomme ich Nasenbluten, das Blut tropft auf die Bücher. Ich habe Kopfschmerzen. Ich bekam noch eine Spritze, aber sie hat nicht geholfen.

Ich war stark, als ich hierher kam, jetzt bin ich schwach und müde. Ich schlafe viel. Ich gehe kaum noch aus dem Haus. Ich habe große Angst.
Ich kann mit niemandem darüber sprechen. Nicht mit dem Jungen, mit dem ich das Zimmer teile. Schon gar nicht mit meinen Eltern.

Was sagst du ihnen, wenn sie dich fragen, wie es dir geht?

In diesem Moment schießen die Tränen aus seinen Augen, sie fallen auf den Tisch, es sind Tränen, die man hören kann.

Ich sage ihnen, mir geht es sehr gut.

Am Tag, an dem wir mit dem jungen Kurden sprechen, stehen in seiner Heimatstadt Kirkuk die Schläfer auf und verüben Attentate auf die Bevölkerung. Seine Eltern sind noch dort.

© Armin Smailovic

Donaueschingen

Ich bin vor über dreißig Jahren nach Deutschland gekommen, sagt der Mann. Er ist Ende vierzig und hat die Züge eines mageren Fuchses. Ich musste meine Heimat Afghanistan verlassen, sagt er, wegen des Krieges.
Ich habe Elektriker gelernt. Ich wollte in Deutschland arbeiten, aber ich durfte nicht. Nicht einmal Sprachkurse durfte ich besuchen. Ich erinnere mich an die Aussichtslosigkeit in diesen Jahren, an die entsetzliche Langeweile. An das Gefühl, nichts wert zu sein.

Heute bin ich als Übersetzer im Aufnahmelager tätig, als Ansprechperson und Vermittler. Ich weiß genau, wie diese Menschen sich fühlen. Sie wissen, dass man sie hier nicht haben will. Aber sie können auch nicht zurück dahin, woher sie gekommen sind. Sie sind Gefangene.

Er verzieht das Gesicht, als schmerzte ein Zahn.

Ich bin aber inzwischen auch deutsch genug, um zu verstehen, dass die Bevölkerung Angst hat. Die Deutschen neigen nun mal dazu, sich Sorgen zu machen. Die Politik müsste sie ihnen nehmen, in dem sie ihnen erklärt, welchen Plan sie verfolgt. Aber sie tut es nicht. Vielleicht hat sie auch gar keinen Plan.

Also sehen die Leute nur, dass sehr viele Menschen aus anderen Ländern hierher kommen, die in den verlassenen Kasernen sitzen, in den alten Schulen, manchmal in Zelten und Containern, ohne dass klar ist, was aus ihnen wird. Sie sehen, dass manche von ihnen auf dumme Gedanken kommen, im Supermarkt klauen, Ärger anfangen, sich prügeln, dass die Polizei immer öfter kommen muss. Gerade in einer kleinen Stadt wie dieser hier fühlen die Leute sich nicht mehr sicher.

Neulich ging ich von der Arbeit nach Hause, es war schon dunkel, ich trug eine Jacke mit Kapuze. Als ich eine ältere Dame überholte, hielt sie ihre Handtasche ganz fest. Ich konnte sie verstehen.


Berlin

Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus, sagt die Frau in Neukölln, werde sie für die Nationaldemokratische Partei Deutschlands stimmen.
Die Sonnenallee, ruft sie, Katastrophe, Flüchtlinge. Weg. Weg! Alle falsch. Alle!
Die Frau kam, wie sie erzählt, vor vierzig Jahren aus der Türkei hierher.


Escheburg

Ein Finanzbeamter hat ein Flüchtlingsheim angezündet. Er habe Angst um das Schöne gehabt und dass die Idylle beeinträchtigt wird, sagt er im Prozess vorm Lübecker Landgericht aus. Wer erklärt denen, wann der Müll rausgestellt werden muss, wenn die kein Deutsch verstehen.


Bautzen

Fast jeden Nachmittag kommt der Sechzehnjährige ins Steinhaus, das Jugendzentrum am Ort, um mit seinen Freunden Tischtennis zu spielen.
Hier ist der einzige Ort, sagt er, an dem ich mich sicher fühle.

Nach den Ausschreitungen am Kornmarkt, bei denen achtzig Neonazis auf zwanzig Geflüchtete getroffen waren und diese schließlich durch die Stadt gehetzt hatten, wurde er als einer der Rädelsführer ausgemacht, denen die Polizei eine _erhebliche Mitverantwortung an der Eskalation zuwies. Er hat das Gesicht eines Kindes.

In meiner Heimat herrschte Krieg, sagt er, mein Vater ist von einer Bombe getötet worden. Ich floh mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Deutschland, um in Frieden zu leben. Aber hier herrscht kein Frieden. Wenn ich allein durch die Stadt laufe, werfen die Nazis Flaschen auf mich. Sie rufen, "hau ab". Sie schlagen mich.
So geht es vielen von meinen Freunden. Wir sind wütend, sagt er. Seine Stimme ist hoch und hell. Wir sind wütend.
Am Kornmarkt hat sich dann einer von uns gewehrt: Er hat zurückgeschlagen. Das war bestimmt nicht richtig, aber wie lange soll man sich schlagen lassen, ohne sich zu wehren?
Irgendwann kam die Polizei und hat uns eingekreist. Die Nazis hat sie aber in Ruhe gelassen.
"Die haben angefangen", habe ich gesagt, "nicht wir".
"Halt den Mund", hat der Polizist gesagt.

Wir sind den Nazis ausgeliefert, niemand schützt uns. Ich möchte weg von hier. Irgendwohin, wo Frieden herrscht.

© Armin Smailovic

Ansbach

Am Eingang eines Konzerts hat sich ein Siebenundzwanzigjähriger mit einer Rucksackbombe in die Luft gesprengt. Zehn Menschen sind verletzt worden, drei davon schwer. Sein Name bedeutet der Gepriesene.
Die Polizei durchsucht am nächsten Morgen sein Zimmer im Hotel Christl, bewaffnete Polizisten stehen neben einem grünen Trabant. Der Terror kommt immer näher, klagt eine Frau im Radio. Der vielbeschäftigte Angstforscher rät ihr, darauf zu hoffen, dass sie nicht Opfer eines Anschlags wird.

Und wie ein Dieb, dessen Sohn zum Mörder geworden ist, blickt Gott auf all das herab


Edewecht/Rakka

Die kleinste Tat, die ihr in ihrer Heimat ausführt, hat ein Sprecher der Terroristen gesagt, ist uns lieber als die größte Tat bei uns. So wünscht sich jeder von uns, dass er an eurer Stelle wäre, um ihnen Tag und Nacht Leid zuzufügen. Sie zu erschrecken, sodass der Nachbar vor seinem Nachbarn Angst bekommt.

Doch die Nachbarn, sie sind ja längst gewappnet, ihre Eigenheime sind Trutzburgen, drohend stehen sie einander gegenüber, wie zum Duell.
An das Vogelhaus im Vorgarten hat jemand eine tönerne Abwehrkrähe montiert. Die Meisen sitzen ratlos auf der Wäschespinne.


Berlin

In der U-Bahn-Station Yorckstraße spielt ein Mann die Deutsche Messe von Franz Schubert auf der Gitarre.

Wohin soll ich mich wenden,
wenn Gram und Schmerz mich drücken?

Die Leute drängen die Treppe hinauf, ausgespien von den Waggons. Sie sind das Chaos, das aus Chaos besteht, in ihren Augen spiegeln sich die anderen wider, aber wer sind die: die anderen?

Wer bist du?
Wer zum Teufel bist du?
Was hast du in deinem Rucksack?
Was führst du im Schilde?


Westerland

Ich hab zu Hause jetzt ’ne Kamera, sagt der Mann im Ausflugslokal zu seinen Freunden, die hat der Norbert mir eingebaut. Da kann ich die ganze Einfahrt mit einsehen, die kann ich weltweit schwenken mit meinem Telefon.

Die Gesichter der Freunde beginnen zu knirschen.

Und pass auf jetzt, sagt der Mann. Der Hund vom Nachbarn, der pisst mir immer an die Blumenkübel, ich seh die Pfützen, wenn ich von der Arbeit komme. Aber die Sau, hab ich mir mir gedacht, die Sau erwisch ich.
Deswegen die Kamera.
Und als ich das nächste Mal den nassen Fleck am Blumenkübel gesehen habe, bin ich sofort rein in in mein Arbeitszimmer und habe die Überwachungsbilder ausgewertet. Und was sehe ich da?

Und was siehst du da, fragen die Freunde.

Nix, sagt der Mann.
Alles schwarz, kein Dackel, Kamera kaputt.
Aber an und für sich, sagt er, ist das eine sinnvolle Erfindung.

© Armin Smailovic

Donaueschingen

Der Leiter der Großküche steht zwischen zwei Essensausgaben im Hinterhof bei den Mülltonnen und raucht Kette. Seit zwei Jahren arbeitet er hier, sechzehn Stunden am Tag, er spricht mit der Klarheit des Übernächtigten.

Die Menschen müssen gut essen, sagt er, sonst werden sie rebellisch. Auf einem Schiff ist der Koch auch der wichtigste Mann. Wenn er den Matrosen Fraß vorsetzt, gibt es eine Meuterei.
Hier im Aufnahmelager darf ich zum Abendbrot aber oft nur zwei Scheiben Toast und eine Dose Thunfisch servieren, weil die Behörden das anhand einer Kalorientabelle so festgelegt haben. Aber das ist zu wenig, das ist unmenschlich. Mir blutet das Herz, wenn einer zurückkommt mit dem leeren Teller und sagt, "ich hab noch Hunger". Manchmal gebe ich ihm dann heimlich noch ein bisschen mehr, aber wenn das der Kontrolleur mitbekommt, gibt es Ärger.
In der Bevölkerung soll nicht der Eindruck entstehen, dass es den Geflüchteten zu gut geht, dass sie hier im Hotel mit Vollpension leben. Darauf kann aber nur jemand kommen, der nicht weiß, in welch erbärmlichem Zustand diese Menschen hier eingetroffen sind. Und selbst wenn sie sich körperlich erholt haben, viele sind seelisch immer noch stark angegriffen. Da sollten sie doch wenigstens gut verpflegt werden.

Der Mann tritt seine Kippe aus und zündet sich eine neue an. Er reibt sich die Augen und schaut sich dann auf dem Hinterhof um, wie um zu überprüfen, ob er immer noch da ist, wo er vorher war.

Die Leute haben Angst, sagt er, ihnen könnte jemand das Schnitzel wegnehmen. Dabei haben sie zehn auf dem Tisch und noch zwanzig in der Kühltruhe. Sie wollen nicht teilen, lieber lassen sie diese armen Menschen vor die Hunde gehen. Und diejenigen, die helfen wollen, werden eingeschüchtert und trauen sich bald nicht mehr. Wir leben in einer Diktatur der Missgünstigen.

Als ich anfing, in dieser Branche zu arbeiten, wurde ich von vielen beschimpft. "Wie, du kochst für Ausländer", sagten meine Nachbarn, "spinnst du jetzt"? Eines Tages fand ich mein Auto demoliert auf dem Parkplatz vor, meine Kinder wurden in der Schule gehänselt. Wir sind schließlich umgezogen. Ich erzähle jetzt niemandem mehr, was ich beruflich mache.

Zu meinen Geschwistern habe ich keinen Kontakt mehr. Sie haben sich von mir abgewandt, mich verdammt, für das, was ich tue. Mit meinem Bruder, den ich sehr gern hatte, habe ich zuletzt vor zwei Jahren telefoniert. Wir haben uns angeschrien. Ich habe aufgelegt. Und das war's.

© Armin Smailovic

Böbrach

Wir haben hier nur Bäume, sagt der Geflüchtete, der am späten Nachmittag auf dem Vorplatz seiner Unterbringung steht, in zu leichter Bekleidung, und fröstelt, ich habe Angst, mich im Wald zu verlaufen.
Der Staatsdiener, der darüber befinden soll, ob das Haus zu abgelegen ist, kommt zu spät zur Besichtigung. Er hat den Weg nicht gefunden.


Zugspitze

Wir waren hier, steht auf dem Fels, hundertfach, darunter Daten und Namen, die ihre Bedeutung verloren haben.
Wir waren hier, wir waren hier, wir waren hier.

Eine Frau mit Kopftuch steht abseits im Schnee und blickt hinab auf ein Land. Für einen Augenblick ist sie seine einzige Bewohnerin.
Dann schreit die Säge.
Eintausendzweihundert Tonnen Beton und fünfhundert Tonnen Stahl werden hinaufgeschafft für eine neue Gondel. Die Kräne überragen den östlichen Gipfel, den westlichen hat die Wehrmacht 1938 gesprengt.

Ein Japaner fotografiert Deutschlands höchste Bratwurst. Viertausend Besucher kommen jeden Tag herauf. Irgendwann, sagt der Hüttenwirt, wird der Berg sich rächen. Hoffentlich bin ich dann nicht hier oben.
Wir waren hier. Wir waren hier.

Die Alpendohlen schweben im Aufwind über dem Gletscher, als hätten sie bereits gewonnen.
Wir waren hier.

Nach vier Monaten und 30.000 Kilometern endete unsere Reise in einer Novembernacht, wo wir aufgebrochen waren: in Berlin. Das letzte und das erste Kapitel der Geschichte dieses Landes lag nun vor uns, zerfallen in Wörter und Bilder. Die Kleider, die der Mann und seine Frau am Freitag, dem dreizehnten, trugen: zwei Hosen, zwei Pullover. Sie haben sie nie wieder angezogen. Der Chor der Dreitausend in Dresden: Brüder, reicht die Hand zum Bunde. Der kleine König Salomo am Strand von Norderney.

Ich erinnerte mich jetzt, dass der junge Kurde, der in Neukirch niedergestochen wurde, während unseres Gesprächs Besuch von einem kleinen Mädchen bekam, das auf dem selben Flur wohnte, es setzte sich auf seinen Schoß und streichelte seine Hände.
Er ist mein Freund, sagte das Mädchen und breitete die Arme aus, so weit es eben konnte, ich habe ihn so lieb.

Hast du das Bild da draußen an der Wand gemalt, fragten wir.

Ich sehe es noch vor mir, im Korridor des ersten Stocks: vier Menschen, zwei große, zwei kleine, sie stehen Hand in Hand, darüber scheint eine dürre Sonne.

Ja, sagte das Mädchen, das habe ich gemalt. Findet ihr es schön?


Mehr Informationen über das Projekt: Für ihren Atlas der Angst sind der Autor Dirk Gieselmann und der Fotograf Armin Smailovic im Sommer und Herbst 2016 durch Deutschland gereist. An 100 Orten suchten sie nach Spuren der Verunsicherung in einem eigentlich doch so sicheren Land. Ihr Gemeinschaftswerk erscheint am 17. März als Buch im Eichborn-Verlag. ZEIT ONLINE und das ZEITmagazin zeigen vorab exklusive Auszüge. Das dazugehörige Theaterstück feiert am 22. April im Hamburger Thalia Theater Premiere.