Sie schauen in den Himmel, es ist die Hölle, die von dort droht. Fassbomben, Streubomben, meist fallen sie aus russischen Flugzeugen. Tanzende Punkte in der Luft, es sieht arglos aus, dann die Rauchwolken, die zwischen den Häusern aufsteigen, die eine bizarre Schönheit entfalten, wie der Feuerschein in der Nacht. Aber die Himmelsgucker haben keine Augen dafür, sie sind Weißhelme, syrischer Zivilschutz, sie interessieren sich nur für die Location. Sobald Rauch aufsteigt, springen sie in ihr klappriges Auto und rasen zur Einschlagsstelle, um in den Trümmern Verschüttete zu bergen, Frauen, Männer, Kinder.

Leben retten, Tote sehen, es ist mein Job, meine Pflicht, sagt Khalid in der 40-minütigen Netflix-Dokumentation Die Weißhelme, die gerade einen Oscar gewonnen hat. "Ich habe mit Politik nichts zu tun, ich rette Leute", sagt Nagieb, einer der Protagonisten in Feras Fayyads 110-minütigem Dokumentarfilm Die letzten Männer von Aleppo, der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Beide Filme konfrontieren einen unmittelbar mit dem Irrsinn des Kriegs in Aleppo: Belagerung einer Stadt, Belagerung der Zivilbevölkerung, des Alltags, Luftangriffe, 20, 30, 100 am Tag.

Fußball in Ruinen

Die Männer spielen Fußball zwischendurch, die kleine Tochter leidet unter Vitaminmangel, die Kinder machen Hausaufgaben, dann heißt es wieder rennen. Die Weißhelme waren früher Schneider oder Schmied oder Bauarbeiter. Bei der Schnellschulung kurz hinter der türkischen Grenze lernen sie, wie man Abhörsensoren und Steinschneider benutzt. Wieder zurück, arbeiten sie sich mit Kreissägen, Baggern und bloßen Händen durch den Schutt, seilen sich an zerstörten Fassaden ab, bergen ein noch lebendes Baby und brechen in Tränen aus.

Khaled weiß, es wäre besser, dauerhaft wegzugehen, wegen der Kinder. Aber er kann nicht, es gibt so viel zu tun. Manchmal ziehen sie nur Leichenteile aus den Trümmern, manchmal kann ein Angehöriger einen Toten nur noch an den Zehen erkennen, oft werden die Weißhelm-Zentren der Assad-Gegner selber bombardiert. Nun rennen die Helfer und die Kamera rennt mit. Von knapp 3.000 Weißhelmen in ganz Syrien sind seit 2013 über 250 gestorben. 60.000 Leben haben sie seitdem gerettet.

Oder ist das alles Propaganda? Die Weißhelme gehören zur Opposition, sie sind Teil der heillosen Gemengelage im Syrienkonflikt. Die letzten Männer... entstand über knapp zwei Jahre in Zusammenarbeit mit den Bürgerjournalisten des Aleppo Media Center, das internationale Nachrichtenagenturen und Sender mit Handy-Footage versorgt und gelegentlich wegen der Nähe zu oppositionellen Milizen in die Kritik gerät. Aber man wird schnell kleinlaut mit solchen Zuschreibungen. Zu sagen, Syrien ist zu kompliziert, ist eine Ausrede, um nichts zu unternehmen, meint der Syrer Fayyad mit Blick auf den Westen. Er realisierte den Film gemeinsam mit dem Dänen Steen Johannessen von Kopenhagen und der Türkei aus.

Es stimmt schon, die Dokus sind nicht frei von Propagandaästhetik und Heldenstilisierung. Vor allem der Netflix-Film des Briten Orlando von Einsiedel greift auf die Geschmacksverstärker des Mainstreams zurück, auf Streicherpathos, Slowmotion-Effekte und melodramatische Zuspitzung. Aber wer, wenn nicht diese Männer, hat Heldenverehrung verdient? Lieber gar keine Bilder aus dieser unzugänglichen, verlorenen Stadt?

Jeder Krieg, schrieb der britische TV-Dokumentarfilmproduzent Nick Fraser kürzlich im Guardian, definiert sich über die Art, wie über ihn berichtet wird. Die Leica im Spanischen Bürgerkrieg, die Schwarz-Weiß-Wochenschauen im Zweiten Weltkrieg, Vietnam in Farbe, die embedded journalists mit ihren digitalen Kameras in Bosnien und Irak und heute die Handybilder, die Echtzeit, Authentizität und Nähe versprechen.