Auf der diesjährigen Oscarverleihung kam es zu einer verhängnisvollen Verwechslung. Die Schauspieler Warren Beatty und Faye Dunaway erklärten fälschlicherweise das Musical La La Land zum Gewinner in der Kategorie Bester Film. Die Produzenten Jordan Horowitz und Marc Platt halten wortreiche Dankesreden. Doch schnell wurde klar, dass etwas nicht stimmte. Emma Stone tuschelte mit ihrem Nebenmann, die Filmcrew lief nervös hin und her. Unruhe auf der Bühne. Erst als ein Mann mit Headset auf die Bühne kam und die Umschläge prüfte, war klar: eine Verwechslung. Produzent Horowitz trat ans Mikrofon und sagte: "Da gibt es einen Fehler. Moonlight, ihr habt den besten Film gewonnen. Das ist kein Witz."

Das Protokoll der peinlichen Panne liest sich selbst wie der Plot einer zugegeben eher mediokren Hollywoodproduktion. Man kann sich fragen, wie bei einer so professionellen Veranstaltung, in der alles bis aufs kleinste Detail durchchoreografiert ist, so ein Fehler passieren kann. Kann das Zufall sein? Nach Ansicht des Philosophen David Chalmers stützen die Ereignisse in der Oscarnacht die These, dass wir in einer Computersimulation leben.

Hat jemand auf einen Knopf gedrückt und eine Simulation gestartet, in der wir nur Avatare wie die Sims sind und vorgegebenen Bahnen folgen? Im Jahr 2003 stellte der Philosoph und Physiker Nick Bostrom in seinem berühmten Aufsatz die Simulationshypothese auf: Der Mensch sei nichts weiter als ein virtuelles Wesen in einer großen Matrix, die Wahrheit nur eine gefälschte Welt in einer Computersimulation. Angesichts der rasanten Entwicklung der Computertechnik sei es möglich, dass auf einem Superrechner Szenarien simuliert werden, die extrem realistisch sind. Die Theorie ist ebenso schillernd wie elegant, weil es vielleicht schon künstliche Intelligenzen gibt, die Simulationen anderer Universen starten.

Der Präsident, ein Simulakrum

Die US-Schriftstellerin Carol Vanderveer Hamilton zog in einem 2004 erschienenen Essay für das Journal CTheory (Being nothing – George W. Bush as Presidential Simulacrum) Parallelen zwischen dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush und Chance, einer Figur aus Jerzy Kosińskis Roman Being There (1970). Der geistig zurückgebliebene Gärtner kennt die Realität nur aus dem Fernsehen und wird durch eine Reihe kurioser Zufälle und Missverständnisse zum Vizepräsidentschaftskandidaten befördert. Ihre These: Bush war nicht real, sondern ein Simulakrum, eine "virtuelle Figur, das Upgrade eines Prototypen wie Chance". Wenn Hamilton behauptet, Bush existiere nicht oder sei nicht real, meint sie damit nicht, dass er in irgendeiner Geheimfabrik produziert oder von einem Konzern kontrolliert worden sei, sondern dass in einer hyperrealen Welt "die Zunahme von historischer Zeit und psychologischer Reflexion, aus der die Subjektivität erwächst, verschwindet".

Im Jahr 1991 publizierte der französische Soziologe Jean Baudrillard drei Artikel in der Tageszeitung Libération (La guerre du Golfe n’a pas eu lieu), in denen er die Realität des Golfkriegs infrage stellte. "Wir bevorzugen das Exil des Virtuellen", schrieb Baudrillard damals, "von dem der Fernseher der universelle Spiegel für die Katastrophe des Realen ist". Baudrillard verwies auf die Derealisierungseffekte der Massenmedien, die letztlich nur Militäraufnahmen eines vermeintlich sauberen Kriegs zeigten. Vor die Realität des Kriegs hätten sich wie eine hyperreale Folie die Simulationen der US-Armee und die Bilder von CNN geschoben.

Die Welt auf dem Bildschirm

Man kann darin eine Erklärung für das Phänomen Trump lesen. Der Immobilienhändler ist eine fiktionale Figur aus dem Fernsehen, ein Geschöpf der Unterhaltungsindustrie (und sozialer Medien). Seine Wahlversprechen waren fiktiv, sein Gebaren ist Show. Als Trump die skurrile Pressekonferenz vor seinem Amtsantritt mit dem markigen Satz "You’re fired"(dem Spruch aus der TV-Show The Apprentice) beendete, fragte man sich: War das nun die Fortsetzung des Reality TV? Scripted Reality? Oder schon Realsatire? 

Baudrillard sagte, dass in einer Simulation die Unterscheidung zwischen Realem und Fiktivem, zwischen Fakten und Fiktion schwierig sei. Deshalb läuft auch jeder Faktencheck ins Leere, weil er an der falschen Ebene ansetzt. Man weiß, dass Scripted-Reality-Shows wie The Apprentice oder Wrestling-Events, an denen Trump teilnahm, gestellt sind. Jeder Versuch, diesen Plot zu dekonstruieren und in seine faktischen Einzelteile zu zerlegen, wirkt lächerlich. Trump als Lügner zu demaskieren ist so erkenntnisstiftend wie zu schreiben, in der Castingshow Deutschland sucht den Superstar gehe es gar nicht darum, einen Superstar zu finden. Die Wirklichkeit ist nur simuliert; die Ereignisse finden nur in der Simulation auf dem Bildschirm statt.