Russische Expatriates in Amerika scheinen einen tragikomischen Hang zum Masochismus an den Tag zu legen. Während der Wahlkampf des Kürbisköpfigen im Land tobte, nein, genau genommen sich über dem Land entlud wie ein verunreinigendes Gewitter, warfen viele von ihnen alle Bedenken beiseite und folgten ihm. Trump hetzte gegen Minderheiten, brüstete sich mit sexuellen Übergriffen auf Frauen, zahlte die Rechnungen der für ihn arbeitenden Menschen nicht, ahmte behinderte Journalisten nach, führte narzisstische Persönlichkeitsmerkmale und irrationales Verhalten in großer Sampleweite vor. An Irrsinnsangeboten mangelte es während dieser Zeit ganz gewiss nicht.

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebüt "Dazwischen: Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

In seinem reichhaltigen Little Shop of Horrors konnte man lange gustieren: Es war für jeden etwas dabei. Dubiose Verbindungen zu Russland? Bitte sehr. Tägliche Lügen, eine frecher und leichter zu widerlegen als die andere? Bitte, bedienen Sie sich, es ist genug da! Verschwörungstheorien, so weit das Auge reicht! Kommen Sie, greifen Sie zu! Ausgrenzung der sozial Schwächsten? Aber natürlich.

Trumps Ziele waren recht klar definiert: Den Armen nehmen wir die Versicherung, den Transgendermenschen nehmen wir die Klos, den Migranten die Rechte, den Muslimen überhaupt gleich einmal jede Daseinsberechtigung. Homosexuelle sollen sich gefälligst verkriechen, wie sie schon in Russland zu tun gezwungen waren. Frauen sind Lustobjekte bis hart an die Grenze zum 35. Geburtstag. In manchen Fällen vielleicht gnädigerweise bis 40, aber nur unter massivem Einsatz von plastischer Chirurgie. Danach jedenfalls sind sie zu nichts mehr zu gebrauchen. Die klassische Berichterstattung? Wozu? Wir haben alternative Fakten für alle – reichlich und umsonst, wenn auch nicht vergebens.

Kein Widerspruch geduldet

Viele, die die UdSSR verlassen haben, kennen Oligarchen, die sich wie Zaren aufführen, kennen psychisch auffällige Führerfiguren, kennen Propaganda, Willkür und Unterdrückung. Gerade deswegen macht die Begeisterung der russischen Expatriates für jemanden, der von Beginn seiner politischen Karriere an nichts anderes war als eben dies alles zusammengenommen, einen wundern. Wundern macht auch das erneute Hereinfallen auf Propagandakanäle und Starke-Führer-Gebärden. Die UdSSR mit ihrer Judenverfolgung und ihren gleichgeschalteten Medien war ihnen doch früher einmal genug Grund zur Flucht.

Und was machen sie jetzt mit der in Amerika gewonnenen Wahlmöglichkeit? Sie wählen in der neuen Heimat die alten Übel. Mit all ihrer Erfahrung von Diktatur entscheiden sie sich nun dafür, einen Donald Trump samt seinem Weltverständnis, das keinerlei Widerspruch duldet, zu unterstützen.

Einige meiner Verwandten beziehungsweise nicht wenige ihrer Freunde und Bekannten haben nämlich Trump gewählt. Jede Diskussion mit ihnen (und zwar sowohl vor als auch nach der Wahl) war vergebens. Mit Argumenten und Logik konnte ich sie nicht mehr erreichen. Und wenn ich ihnen nicht zustimmte, endeten die Diskussionen mit so lautstarken wie auch unschönen Streitereien. Eher waren sie bereit, ihre eigene, lebenswichtige Versicherung zu bekämpfen, als sich mit Fakten auseinanderzusetzen.

Was mich als selbst Entwurzelte fassungslos macht, ist vor allem die Bereitschaft der bereits Wurzelschlagenden, gegen Neuankömmlinge zu wüten. Statt Solidarität zu zeigen, die aus der gemeinsamen Geschichte der Heimatlosigkeit und der Verunsicherung, oft genug sogar dem Erleiden einer Minderheitenverfolgung, eigentlich folgen müsste, stellen sich so viele, die selbst mal Neuankömmlinge waren, hin und trommeln sich affenartig in die Brust: Ich war vorher da! Ich bin nun Amerikaner! Du bist ein Nichts!

Bittere Lektion

Wer kann sich eigentlich guten Gewissens über die Sprachlosigkeit der Flüchtlinge empören, der sich selbst nicht bemüht, korrektes Englisch zu erlernen, oft genug in Little Russia lebt und ausschließlich russische Sender konsumiert? Die gleichen Menschen, die einmal so glücklich waren, der Kreml-Propagandamaschine entkommen zu sein, sehen sich heute freiwillig täglich Russia Today an, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie kann man das tun, wenn man nicht in irgendeinem unaufgeräumten Winkel seiner Seele prinzipiell dazu bereit ist, seine Freiheit aufzugeben? Wenn man nicht bereit ist, auf Information zugunsten von Propaganda zu verzichten?

Ein Mysterium tut sich auf, und wie jedes Mysterium ist es ein ganz schön furchterregendes Mysterium, mit seinen sieben Schleiern der Verdrängung und der Projektion, hinter denen Rassismus sich gerne verbirgt.

Das Motto scheint Folgendes zu sein: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Diese Theorie geht bei Trump nicht auf: Unter seiner Präsidentschaft sind nicht nur Übergriffe auf Muslime gestiegen, sondern auch jene auf jüdische Einrichtungen. Einen orthodoxen Journalisten, der ihn offenbar überzeugt von seiner judophilen Haltung nur dazu befragen wollte, was er gegen diese Welle von Gewalt zu tun gedenke, übergoss Trump öffentlich mit Häme und wüster Aggression. Wer sich mit Ku-Klux-Klan und Alt-Rights gut versteht, wird wohl kaum der Freund von Minderheiten sein – egal welcher Angehörigkeit. Nicht nur Muslime sind durch seine Politik gefährdet und besorgniserregender Willkür ausgesetzt. Noch will sich das kaum einer seiner überzeugten Wähler eingestehen. Die Lektion ist bitter, und man wird noch lange Zeit haben, sie zu verinnerlichen.